"Völkisch will nicht missverstanden werden"

In Österreich kam das Wort „völkisch“ in Umlauf, Hitler verspottete es, harmlos war es nie: Sogar die konservativen Rechten der 1920er-Jahre vermieden es. Die AfD verteidigt es nun; aber warum sagt sie nicht einfach „volklich“?

Ein deutscher Soldat kauft 1940 in Paris einen „Völkischen Beobachter“; Franzosen übersetzten den Zeitungstitel gern mit „L'Observateur raciste“. Schon im 19. Jahrhundert war der Begriff „völkisch“ untrennbar mit radikalem Nationalismus und Rassendenken verknüpft.
Ein deutscher Soldat kauft 1940 in Paris einen „Völkischen Beobachter“; Franzosen übersetzten den Zeitungstitel gern mit „L'Observateur raciste“. Schon im 19. Jahrhundert war der Begriff „völkisch“ untrennbar mit radikalem Nationalismus und Rassendenken verknüpft.
Ein deutscher Soldat kauft 1940 in Paris einen „Völkischen Beobachter“; Franzosen übersetzten den Zeitungstitel gern mit „L'Observateur raciste“. Schon im 19. Jahrhundert war der Begriff „völkisch“ untrennbar mit radikalem Nationalismus und Rassendenken verknüpft. – (c) Roger Schall/Roger Viollet/picturedesk.com

Wie übersetzt man den Titel der nationalsozialistischen Zeitung „Völkischer Beobachter“? Am besten gar nicht. „Völkisch“ gehört zu den deutschen Wörtern, die in andere Sprachen kaum übersetzbar sind. Versucht man es doch, kommen so holprige Annäherungen heraus wie etwa in einer französischen Übersetzung von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. In ihr ist vom „L'Observateur raciste“ die Rede.

Diese Gleichsetzung von „völkisch“ mit „rassistisch“ in anderen Sprachen datiert nicht etwa aus den 1930er-Jahren oder später, sie reicht Jahrzehnte hinter den Nationalsozialismus zurück. Schon viel früher übersetzten Engländer und Franzosen in ihren Sprachen das Wort im Sinn von Rassismus. Und das zu einer Zeit, in der das Wort „völkisch“ gerade erst richtig Mode wurde. Das passt nicht zu dem, was Frauke Petry, die Vorsitzende der Partei Alternative für Deutschland, kürzlich in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ geäußert hat: Sie verwende das Wort „völkisch“ zwar nicht, betonte sie darin, doch „letztlich“ sei es einfach ein zum Wort Volk zugehöriges Adjektiv. Und wenn es negativ besetzt sei, „sollten wir daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist“.

 

Die Mär vom unschuldigen Ursprung

Mit „letztlich“ meinte sie offenbar einen „unschuldigen“ Ursprung, mit „wieder“ die Rückkehr der Deutschsprechenden dorthin. Es gibt tatsächlich Wörter, die recht wertfrei begonnen haben: Volk zum Beispiel – Luther etwa hat es für die Gemeinde verwendet; ist es um die Abgrenzung zu anderen Völkern gegangen, hat er von Nation gesprochen. Selbst die „Volksgemeinschaft“ begann harmlos, Ende des 18. Jahrhunderts findet man sie zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung eines Essays des Philosophen John Locke, noch ganz ohne nationalistische Note.

Eine solche harmlose Kindheitsgeschichte sucht man beim „Völkischen“ vergeblich. Gern wird von Verteidigern des Wortes auf einen vereinzelten Satz des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte verwiesen, der 1811 die Wörter „deutsch“ und „völkisch“ gleichsetzte. Tatsächlich aber war der Begriff noch so gut wie bedeutungslos, als 1875 der deutsche Schriftsteller, Sprachpurist und radikale Nationalist Hermann von Pfister-Schwaighusen ihn als echt deutschen Ersatz für das Wort „national“ vorschlug. Daraus wurde zwar nichts, dennoch machte das Wort seit den 1880er-Jahren Karriere – und zwar zunächst vor allem in Österreich, dann erst in Deutschland.

Auch wenn in den Jahrzehnten vor dem Nationalsozialismus die unterschiedlichsten Gruppen und Grüppchen das „Völkische“ für sich beanspruchten – bis hin zur Lebensreformbewegung mit ihren FKK-Vorkämpfern und Naturheilkundlern – und es zum diffusen ideologischen Codewort wurde: Von Anfang an war der Begriff vor allem radikal-nationalistisch und rassistisch-antisemitisch geprägt, vom „Blut und Boden“-Denken getränkt, von Anfang an schloss er innerhalb der Staatsgrenzen lebende Menschen aus dem „Volk“ aus. Hitler sah die Völkische Bewegung gerade wegen dieser ideologischen Nähe als Konkurrenz, verweigerte anfangs den Begriff „völkisch“ als zu schwammig und spottete über die in seinen Augen zu rückwärtsgewandten „Grüppchen völkischer Ideologen“, die „im vermeintlichen Bärenfell erneut ihre Wanderung antreten“ wollen. Das Wort „völkisch“ boomte dann trotzdem im NS-Regime, so sehr, dass es heute mit dieser Zeit verbunden wird – und Hitlers Konkurrenz, die Völkische Bewegung, so gut wie vergessen ist.

„Völkisch“ wurde schon als Kampfbegriff geboren. Dabei hätte das Deutsche eine neutrale Ableitung von „Volk“ gut brauchen können. Aus „Nation“ wurde „national“ – war „Volk“ lautlich zu sperrig für eine so natürlich wirkende Ableitung? Verschiedene Versionen geistern jedenfalls durch alte Wörterbücher, wie volkhaft, volksmäßig, völkerschaftlich – und volklich.

Dieses Wort, das für das Auge angenehm ist, für die Zunge weniger, hat im 18. Jahrhundert der Dichter und „Münchhausen“-Autor Gottfried August Bürger erfunden. Im Unterschied zu etlichen anderen von ihm kreierten Wörtern (etwa querfeldein, sattelfest, tiefbetrübt) hat es sich nie wirklich eingebürgert. Vergeblich schlugen es auch Kritiker der Völkischen Bewegung als politisch weniger aggressive oder unpolitische Alternative vor.

Wenn die AfD aber das „Volk“ unbedingt auch in Adjektivform haben will, könnte sie durchaus „volklich“ sagen – statt zum ideologisch schwerst belasteten „völkisch“ zu greifen. Sie hätte dafür sogar den Segen deutscher Wörterbücher. Auch wenn kaum einer von „volklichs“ offizieller Existenz weiß – das Wort findet sich im Online-Duden ebenso wie im Wahrig-Wörterbuch.

 

„Volklich entbehrt der Richtung“

„Volklich setzt keinen Wert, entbehrt der Richtung und bleibt abstrakt“, schrieb der Lehrer Gerhard Storz in der „Frankfurter Zeitung“ 1942, ein Jahr vor ihrem Verbot. „Volkhaft“ sei kernig-positiv gemeint, „völkisch“ habe dazu noch eine leidenschaftlichere Note. Er fügte auch noch hinzu, dass lobende Wörter auf -isch im Deutschen eher selten seien – eine politische Anspielung des heimlichen Nazi-Gegners? 1923 konnte es der aus Polen stammende deutsche Schriftsteller Alexander Moszkowski in seinem Buch „Das Geheimnis der Sprache“ noch deutlicher formulieren: „Völkisch umfasst nicht das ganze Volk; es schließt eine Minderheit aus und will in dieser Absicht nicht missverstanden werden. Es wird auch in der Regel nicht missverstanden, [. . .] das Wort gibt sich treuherzig als das zu erkennen, was es nach dem Willen seiner Anhänger sein soll [. . .]“

Ein bürgerlich-konservatives und liberales Image hat die AfD in Deutschland zu pflegen versucht. Die Neue Rechte, zu der sie gezählt wird, orientiert sich auch an konservativen rechten Ideologen der Weimarer Republik (von denen viele Hitler skeptisch bis feindlich gesinnt waren). Bei ihrer Verteidigung des Wortes „völkisch“ kann sich die AfD nicht einmal auf diese alten rechten Ideologen berufen – sie vermieden das Wort „völkisch“ eher, wegen seiner biologisch-rassistischen Konnotationen. Da könnte die fast 100 Jahre jüngere AfD noch etwas lernen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2016)

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