Das hungernde und frierende Österreich von 1946

"Das österreichische Volk zählt zu jenen Völkern der Welt, die dem Hungertod am nächsten sind", lautet eine Stellungnahme der UNO vor 70 Jahren.

Das hungernde und frierende Österreich von 1946
Das hungernde und frierende Österreich von 1946
Östereich war auf Lebensmittel aus dem Ausland angewiesen – ©1946 CARE/File Photo

2016 ist viel von Krise, Notstand, Unsicherheit die Rede. Es ist nur zwei Generationen her, 70 Jahre, als die Österreicher, die den Krieg überlebt hatten, einen heute schwer vorstellbaren, grausamen Kampf ums Überleben führten. Das Konsumniveau war während des Krieges schon allmählich abgesunken, man hatte sich an die „Markerl“-Wirtschaft gewöhnt und irgendwie hatte die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches dafür gesorgt, die notwendigsten Bedürfnisse zu befriedigen. Durch Zwangsmaßnahmen, Landdienste und Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft wurde die Versorgung aufrechterhalten. Doch zu Beginn der Nachkriegszeit brachen erst wirkliche Notzustände aus. Das Wetter im Jahr 1946 war extrem trocken, der Winter 1946/47 eisig kalt. Importe blieben aus, da die Infrastruktur zusammengebrochen war. Lebensmittelversorgung und Landwirtschaft waren daher die größten Schwachpunkte, im Frühjahr 1946  kam es zum schwersten Einbruch in der Lebensmittelversorgung.

Die Bevölkerung, ohnehin durch die Mangelernährung in den Kriegsjahren körperlich geschwächt, sollte und wollte mit dem Wiederaufbau beginnen, drohte aber zu verhungern und litt unter der Kälte. Es mangelte an Brennstoff, man heizte damals vor allem mit Kohle, die Regierung bemühte sich im März 1946 daher intensiv um einen Handelsvertrag mit Polen, um die Situation in der Steinkohleversorgung zu verbessern. Vor allem aber: Von 1946 bis 1949 stand die Ernährung der Bevölkerung absolut im Vordergrund Regierung, Parteien, Gewerkschaften, Kirche, alle Organisationen versuchten, die Bevölkerung vor dem Verhungern zu bewahren.

Teile Wiens lagen 1946 noch in Trümmern
Teile Wiens lagen 1946 noch in Trümmern
Teile Wiens lagen 1946 noch in Trümmern – (c) ©1946 CARE/File Photo

"Nicht imstande, sich aus eigenen Kräften am Leben zu erhalten"

Die Situation hatte sich schon gegen Ende des Jahres 1945 zugespitzt, die Vorräte des Wiener Umlandes waren nach einem schlechten Erntejahr aufgebraucht, nur schleppend kam es zu Lieferungen durch die Alliierten, alle Lebensmittel mussten ja erst aus dem Ausland importiert werden und die Transportmöglichkeiten waren katastrophal. Der Versorgungstiefstand wurde im Mai 1946 erreicht, die sogenannte „Maikrise“: Waren im Vorjahr Tageskaloriensätze zwischen 1.300 bis 1.500 Kalorien möglich gewesen, stand man nun auf dem Stand von 950 Kalorien. (In Friedenszeiten waren es etwa 2.550 bis 2.900 Kalorien). 1946 erreichte die Wertschöpfung der Landwirtschaft etwa 60 Prozent von 1937. In den Worten des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO): „Auch bei größter Anstrengung und sparsamster Einschränkung“ ist das Land nicht imstande, sich aus eigenen Kräften am Leben zu erhalten. „Hunger und Chaos wären die unvermeidlichen Folgen, würde Österreich heute im Stich gelassen werden.“

Die Unterschiede bei der Ernährungslage und Versorgung der Bevölkerung waren 1946 beträchtlich, selbst innerhalb eines Bundeslandes wie Wien oder Niederösterreich gab es in den einzelnen Bezirken Unterschiede, es kam zum Beispiel darauf an, ob die zugeteilten Lebensmittel transportiert werden konnten oder ob in einem Bezirk die Infrastruktur völlig zerstört war. Wieder ein anderes Beispiel war Oberösterreich, das zwischen potenteren Besatzern wie den Amerikanern und den Sowjets aufgeteilt war und akut überbevölkert war: Die Hälfte der zu Ernährenden waren displaced persons.

"Lassen Sie sich ein Buch namens Bibel geben"

Die UNRRA, die United Nations Relief and Rehabilitation Administration, tat ihr bestes im Kampf gegen den Hunger in Europa, doch ihre Bemühungen waren 1946 ins Stocken geraten. Die internationale Hilfsorganisation war schon vor Kriegsende von Roosevelt und Churchill gegründet und mit einem riesigen Budget ausgestattet worden und kümmerte sich vor allem um Kriegsflüchtlinge hinter den Fronten. Nun aber galt es, geschätzte 7 bis 11 Millionen Flüchtlinge zu versorgen. Da nominierte Präsident Truman am 31. März 1946 den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia als UNRRA-Chef, einen energischen, klein gewachsenen 63-Jährigen mit Hang zum publikumswirksamen Auftreten, ein Showtalent. Er war vom ersten Tag an überzeugt, den wichtigsten Job auszuüben, den die Welt in diesem Jahr zu vergeben hatte.

Falsch war das nicht. Und der Mann fand die einprägsamsten Worte: „Gehen Sie mal in die Bücherei und lassen Sie sich ein Buch namens Bibel geben. Und dann schauen Sie mal ins Neue Testament, da können Sie lesen, worum es bei der UNRRA geht.“ Viele Amerikaner hatten Vorbehalte gegen die exzessive Hilfe für Europa, doch LaGuardia hörten sie zu, wenn er forderte: „Gebt schnelle Schiffe, nicht langsame Versprechungen.“

Dem Hungertod am nächsten

Bereits am 22. August 1945 wurde Österreich ins Hilfsprogramm der UNRRA miteinbezogen, mit März 1946 setzte dann die Versorgung der österreichischen Bevölkerung durch Hilfsgüter der UNRRA ein, sie dauerte bis 1947, und umfasste Lebensmittel, Medikamente, Saatgut, Düngemittel und Textilien aus den USA, aus Kanada, Südamerika, Australien und Indien. Finanziert wurde sie durch einen Kredit von 59 Millionen Dollar an Österreich, de facto aber wurden die Lebensmittel Österreich vom Ausland „geschenkt“ (WIFO), für 70 % Prozent kamen allein die USA auf. Auch Länder wie die Schweiz, Dänemark und Schweden halfen, doch die Lieferungen, obwohl sie schließlich einen Wert von 137 Millionen Dollar erreichten, langten bei weitem nicht aus, sie waren auch ursprünglich nur für Flüchtlinge und KZ-Opfer gedacht gewesen.

Lebensmittel für Europa von der UNRRA
Lebensmittel für Europa von der UNRRA
Lebensmittel für Europa von der UNRRA – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Als UNRRA-Generaldirektor LaGuardia gerade wieder in Europa ist, lädt ihn der verzweifelte Wiener Bürgermeister Theodor Körner im Frühjahr 1946 kurzerhand nach Wien ein, um sich ein Bild von der Situation zu machen. „Das österreichische Volk zählt zu jenen Völkern der Welt, die dem Hungertod am nächsten sind“, urteilt der Besucher aus den USA. So wurden in der Folge 80 % der Rationen für die nicht auf dem Land lebende Bevölkerung von der UNRRA organisiert und verteilt, die heimische Landwirtschaft und Ernährungsindustrie schaffte also nicht einmal ein Fünftel der städtischen Bevölkerung zu ernähren. Aber auch Fahrzeuge des US-Militärs, die noch im Land herumstanden, wurden verteilt. Österreichische Feuerwehrfahrzeuge aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammten zum Teil aus solchen umgebauten Fahrzeugen, die der österreichischen Feuerwehren waren während des Kriegs beschlagnahmt worden.

Fazit des Wifo: „Das Ausmaß der unentgeltlichen Lebensmittellieferungen, die Österreich im abgelaufenen Wirtschaftsjahre vor allem von der UNRRA erhalten hat, verpflichten Österreich zu großem Dank. Die österreichische Bevölkerung hat dieses Geschenk aber auch nicht angenommen, um untätig zu vegetieren, sondern hat unter schwierigsten staatsrechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen mit dem Wiederaufbau seines zerstörten Produktionsapparates begonnen. Die österreichische Bevölkerung hat weder die Absicht noch die Neigung, dauernd fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern trachtet sich ehestmöglich wieder aus eigenen Kräften zu erhalten.“ Selbst ein verhältnismäßig geringes Plus an Nahrungsmittelhilfe sei imstande, die physische Arbeitsfähigkeit im Land zu heben, Arbeitsfreudigkeit und Arbeitsdisziplin zu fördern und den produktionshemmenden Schleichhandel zu reduzieren.

CARE-Pakete Ein Geschenk des Himmels

Eine Gedenktafel am Gebäude Schottenring 18 in Wien erinnert heute an die Hilfe, die den Österreichern durch die Care-Pakete geleistet wurde. 1946 befand sich an dieser Adresse das Zentralbüro der Cooperative for American Remittance to Europe (C.A.R.E.), das Akronym CARE bedeutet zugleich „helfen, sich kümmern.“ Die Organisation versandte Pakete zur Bewältigung von Lebensmittelknappheit und Versorgungsengpässen im zerstörten Nachkriegseuropa.

Schon am 27. November 1945 hatten 22 amerikanische kirchliche Wohlfahrtsorganisationen die private Charity-Initiative gegründet, sie kaufte überzählige Rationenpakete der US-Armee auf (sie waren für eine etwaige Invasion im Pazifik angelegt worden) und schickte insgesamt hundert Millionen Hilfspakete an notleidende Privatpersonen nach Europa. Zwei von drei Paketen gingen in das zerstörte Deutschland. Der glückliche Empfänger quittierte den Empfang des Pakets, die Bestätigung ging zurück in die USA, so wusste der Spender, dass das Paket richtig angekommen war. Das Management der Hilfsorganisation war überaus effektiv, es gab nur einen geringen Verwaltungsaufwand. Care funktionierte wie ein gut geleitetes Unternehmen mit Topmanagern.

Sogenannte 10-in-1-Pakete aus braunem Karton, akkurat gepackt und verschnürt mit schwarzen Metallbändern, konnten zehn Personen für einen Tag oder eine Person für zehn Tage ernähren. Sie zählten 1946 zur liebsten Post der Österreicher. Wie die Zusendung an Privatpersonen funktionierte? Zunächst sendeten Amerikaner ihren notleidenden Verwandten Pakete, später spendeten sie einfach 10 Dollar (die Transportkosten übernahm die US-Regierung) und gaben als Empfänger nur an: „Eine hungrige Person in Europa.“. Davon gab es Millionen. In das kollektive Gedächtnis dieser Menschen hat sich das CARE-Paket als materialisiertes Symbol der Auslandshilfe eingeschrieben. In Deutschland erhielt eine junge Frau auf ihre Heiratsanzeige mit dem Text „Zwei Zimmer-Wohnung vorhanden, zwei CARE-Pakete pro Monat“ 2437 Zuschriften. CARE machte es möglich. Als klar war, dass mit privaten Zusendungen an Einzelne die Not bei weitem nicht zu lindern war, ging die Organisation dazu über, in eigener Regie und Verantwortung Massensendungen an Paketen, für die sie immer eine ausreichende Zahl von Spendern fand, loszuschicken. Der erste, der eines finanzierte, war Präsident Harry S. Truman selbst.

Am 20. Juni 1946 stach der Frachtdampfer „Antinous“ mit den ersten 3.200 für Österreich bestimmten Paketen von New York aus in See. Am 1. Juli kam die Ladung in Antwerpen an, setzte die Reise per Zug fort und wurde an der Schweizer Grenzstation Buchs an die Österreicher übergeben. Am 19. Juli 1946 trafen die ersten 3200 CARE-Pakete am Franz-Josefs-Bahnhof in Wien ein, die ersten von einer Million. US-General Clark übergab dann am 25. Juli symbolisch die ersten zehn Pakete als Spende des amerikanischen Präsidenten Truman an die Österreicher an Bundespräsident Renner. Jeder siebente Österreicher profitierte davon.  In Deutschland erreichte das erste Schiff Bremerhaven am 15. Juli 1946.

Ein CARE-Paket von 1946 enthielt: 4,1 Kilo Fleisch und Innereien – 2,7 Kilo Cornflakes, Haferflocken und Kekse – 1,4 Kilo Obst und Pudding – 0,9 Kilo Gemüse – 1,4 Kilo Zucker – 0,5 Kilo Kakao-, Kaffee und andere Getränkepulver – 0,4 Kilo kondensierte Milch – 0,2 Kilo Butter – 0,2 Kilo Käse – eine Packung Zigaretten – etwas Kaugummi. Später orientierte sich der Inhalt der Pakete stärker an dem Bedarf einer Durchschnittsfamilie, mit mehr Fleisch, mehr Fett, mehr Kohlenhydraten. Der Nährwert eines Pakets: 40.000 Kilokalorien. Auch wurden die Pakete durch Honig, Schokolade, Dörrobst, pulverisierte Eier und vieles mehr ergänzt, zusätzlich durch Decken, Baumwoll- und Wollstoffpakete.

Schön sei es gewesen, wenn so ein Paket eintraf, erinnert sich Zeitzeugin Brunnhilde Nussbaumer: „Da gab es plötzlich Schokolade, Trockenmilch und gelben Butterkäse. Schön aufteilen, hieß es da. Als ich einmal alleine daheim war, ich dürfte sieben Jahre alt gewesen sein, schlich ich mich verstohlen in den Keller, wo dieses Wunderpaket aufbewahrt war. Ich hackte mit einem Messer Trockenmilch herunter und aß, bis mir schlecht wurde. Natürlich wurde ich nachher geschimpft, aber was tust du nicht alles, wenn du Hunger hast“, erzählt sie (OÖN 14.10.2015). Christa Chorherr, damals 11 Jahre alt, berichtet: „Ich war glücklich und stolz, ein so herrliches Paket bekommen zu haben.“ „Als meine Eltern und ich alles ausgepackt hatten, hab‘ ich mich in den Karton rein gesetzt, weil es da so gut gerochen hat.“ (Maria Fahrner).

Vielfach wurde der Name der Pakete falsch ausgesprochen, man sagte „Kare-Paket.“ Aber der Tenor ist einhellig: Ein Geschenk des Himmels! Maria Fuhs erhielt ein Paket von einer Bekannten in den USA: „Es waren Nylonblüschen für mich drin – durchsichtig bis auf die Haut. Ich fand die so irre. Eines in weiß und eines in rosé. Ich war dürr wie eine Bohnenstange, aber ich hab sie getragen mit Stolz. Sie kamen ja aus Amerika.“ Die Empfänger empfanden für die spontane Hilfe der ehemaligen Feinde tiefe Dankbarkeit. „Nicht nur wegen der Lebensmittel, sondern weil da draußen Menschen sind, die für dich da sind und die dir helfen.“ (Der damals sechsjährige Fritz Vesely aus Wien).

Bundeskanzler Leopold Figl schlug CARE 1949 sogar für den Friedensnobelpreis vor. Die Organisation existiert heute noch, auch wenn sie sich nun „Cooperative for Assistance and Relief Everywhere“ nennt. Die Österreicher sind von Hilfsempfängern zu Gebern geworden. Allein in einem Jahr kommen die Projekte von CARE international mehr als 72 Millionen Menschen zugute. Tausende CARE-Pakete wurden an die Flüchtlinge auf der Westbalkanroute verteilt, sie enthalten Wasser, Hauben, Pullover, Schals, 1,1 Millionen syrische Flüchtlinge wurden erreicht. 

Elektrischer Strom wird ausgeschaltet

Am 29. Oktober 1946 wird der Nationalrat zur Sondersitzung einberufen, es existiert kein Gesprächsprotokoll, doch die Situation ist deprimierend: Der Winter steht bevor, es fehlt an Kohle und Lebensmitteln, Kredite sind nur von den Amerikanern zu bekommen. Ausgerechnet in diesem Jahr kommt der Winter früher als sonst. „Elektrischer Strom ab sofort täglich von 7 bis 17 Uhr ausgeschaltet“, liest man in den Zeitungen. Kampf gegen Hunger und Kälte ist nun oberstes Ziel der Regierungsarbeit, Zusammenhalt und Opferbereitschaft, innerstaatliche Solidarität, die Landeshauptleute werden aufgefordert, Wien nicht hängen zu lassen, sondern Lebensmittel und Heizmaterial auch außerhalb der Grenzen ihres Bundeslandes zur Verfügung zu stellen. Es ist klar: Wien wird verhungern, wenn der Rest Österreichs keine Solidarität zeigt.

Man warf den Bauern vor, vor allem den Schwarzmarkt zu beliefern und sich nicht an die vorgeschriebene Kontingentierung zu halten. Schätzungen haben ergeben, dass 15-25 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte irgendwie „unter der Hand“ verschwanden und nicht abgeliefert wurden. Die Argumente der Bauern waren allerdings auch nicht von der Hand zu weisen, noch immer war es für Frauen gefährlich, allein auf die Felder zu gehen, männliche Arbeitskräfte waren nun mal nicht vorhanden, außer es gelang Flüchtlinge oder „displaced persons“für die Feldarbeit einzusetzen, es fehlte außerdem an Treibstoffen und Dünger. So war es unmöglich, die österreichische Bevölkerung, die ja auch durch Vertriebene, freigewordene Kriegsgefangene, Konzentrationslagerinsassen und alliierte Besatzungssoldaten im Vergleich zur Vorkriegszeit stark angewachsen war, zu ernähren. Durch die Abschottung der einzelnen Besatzungszonen innerhalb Österreichs war ein Warenaustausch kaum möglich, da war es noch leichter, mit dem benachbarten Ausland zu handeln als mit dem Gebiet einer anderen alliierten Besatzungsmacht.

Selbst in Wien gab es diesen Zonen-Unterschied. Die Lebensmittelkarten zeigten die Anfangsbuchstaben des jeweiligen Sektors, und man spottete in Wien: A steht für die amerikanische Zone, dort bekommt man auch „Alles“, E für die englische, dort erhält man „Einiges“, die Franzosen hingegen, F liefern fast nichts“ und überhaupt die Russen: R steht für „Rein gar nichts.“ Zum Zusammenstoß zwischen der Regierung und den russischen Besatzern kam es rund um die sogenannte „russische Landnahme“. 43.000 Hektar Grund und Boden und große Mengen an Saatgut waren von den Sowjets beschlagnahmt worden, in einem Jahr, in dem die österreichische Bevölkerung auf Lebensmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen war. Kanzler Figl weigerte sich, die Beschlagnahmung durch seine Unterschrift zu legitimieren, er handelt die Fläche herunter.

Schwarzmarkt und Tauschhandel

Mit den „legal“ erhaltenen Nahrungsmitteln, also mit den auf den Lebensmittelkarten vorgesehenen Rationen, konnte man eine Familie nur schwer ernähren, oft nur zu einem Drittel. Den Österreichern war zusätzliche Überlebensarbeit abverlangt, so bestimmte die Versorgung mit den lebensnotwendigen Gütern den Tagesablauf der Frauen, auch der Kinder. Neue Methoden entstanden, die über die Grenzen der Legalität hinausreichten, den Behörden blieb nichts anderes übrig als die Formen des Tauschhandels und Schwarzmarkts zu tolerieren. Alles, was einen Abnehmer fand, wurde nun angeboten, Güter, Dienstleistungen, zunächst, 1945, waren die Preise auf dem Schwarzmarkt so horrend hoch, dass sich nur begüterte Menschen damit abgeben konnten, 1946 verringerte sich die Differenz zwischen dem regulären und dem schwarzen Markt, ein Fünftel der monatlichen Gesamtausgaben eines Haushalts entfiel nun auf den schwarzen Markt (vor allem Nahrungs- und Genussmittel).

Nur allmählich wurde die Situation besser, „so scheußlich auch die russischen Erbsen und die ursprünglich wahrscheinlich für Hunde und Katze bestimmten amerikanischen Konserven waren, sie haben doch etwas unseren Hunger gestillt.“ (Erinnerung von Erich Göttlicher, Geburtsjahrgang 1926).

Am Ende des Jahres 1946 glaubten nur wenige Österreicher, dass die wirtschaftliche Erholung schon unmittelbar bevorstehe und überhaupt in absehbarer Zeit realisiert werden könnte. Der politische Kampf um die vollständige Unabhängigkeit - er sollte bekanntlich zehn Jahre dauern - war ebenfalls "kein Honiglecken" (Ernst Bruckmüller). Noch war der Marshallplan, eine große Hilfsaktion Amerikas zur Ankurbelung der zerstörten Volkswirtschaften Europas, nicht bekannt. Er kam erst im Sommer 1947 und verhinderte den völligen ökonomischen Abstieg Europas ins Chaos.

Kommentar zu Artikel:

Das hungernde und frierende Österreich von 1946

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen