Des Kaisers Leibarzt Dr. Kerzl war machtlos

Am 21. November 1916 beendete abends der Tod des Kaisers Aktenstudium. Nach 68-jähriger Regentschaft hinterließ der Herrscher nur ein empathiefreies Testament.

THEMENBILD: KAISER FRANZ JOSEF I.
THEMENBILD: KAISER FRANZ JOSEF I.
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Am 21. November 1916, einem Dienstag, weilt in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ der Herr Bezirkshauptmann Franz Freiherr von Trotta in Wien. Aus der Stadt hat er sich nach Schönbrunn begeben, inmitten einer hundertköpfigen Schar steht er vor dem verschlossenen Gittertor des Palastes. Man wartet auf die Nachricht, die bald unweigerlich kommen sollte. „Der Alte stirbt“, flüstert ein Umstehender. Um 21.05 Uhr ist es dann so weit. Franz Joseph der Erste, „von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien; König von Jerusalem etc.; Erzherzog von Österreich; etc. etc.“ ist tot. 86 Jahre ist er alt geworden, seit 1848 herrschte er „von Gottes Gnaden“ über das Habsburgerreich. Am Schluss weitete sich die Bronchitis zu einer Lungenentzündung aus.
Im „Radetzkymarsch“ wird der Baron Trotta seinen Herrn nur noch kurz überleben. Wozu auch noch dienen, wenn die alte Welt soeben untergegangen ist? Und wem?
Tatsächlich steht die Weltgeschichte an diesem Abend für einen Augenblick still. Man hatte es kommen gesehen, natürlich, die schweren Hustenanfälle und die zunehmende Appetitlosigkeit hatten dem Leibarzt Joseph v. Kerzl gar nicht gefallen, auch dem konsultierten Internisten Norbert Ortner v. Rodenstätt nicht. Ab dem 10. November sah sich Generaladjutant Eduard Graf Paar veranlasst, erste Vorbereitungen für die Möglichkeit des baldigen Abschieds zu treffen.
Allerdings klammerte sich der Kaiser hilflos bis zuletzt an seinen spartanischen Rhythmus, der um halb vier Uhr morgens begann und ihn schon früh am Nachmittag müde werden ließ. Generalstabschef Franz Conrad berichtete (später), dass der Allerhöchste Kriegsherr bei längeren Vorträgen einfach eingeschlafen sei.
Am 20. November hielt Flügeladjutant Albert v. Margutti fest: „Nach einer sehr schlechten, schlaflosen Nacht, in der ihn ein krampfhafter Husten sehr gequält hatte, saß der Monarch wieder an seinem Schreibtisch, doch die Nacht hatte ihm so übel mitgespielt, dass er kaum atmen konnte und von dem immer noch ansteigenden Fieber förmlich geschüttelt wurde.“
Kammerdiener Eugen Ketterl konnte tags darauf den Kaiser sanft bewegen, sich zur Ruhe zu begeben. „Als Seine Majestät dann endlich zu Bett gebracht war, fragte ich ihn um weitere Befehle. Laut und bestimmt sagte er zu mir: ,Ich bin mit meiner Arbeit nicht fertig geworden, morgen um halb vier Uhr wecken Sie mich wie gewöhnlich.‘“

Rauchensteiners Recherche

Im „Spectrum“ vom 12. November 2016 hat Manfried Rauchensteiner den letzten Lebenstag des alten Kaisers detailliert nachgezeichnet. Und er räumt anhand der Notizen des Flügeladjutanten mit der Legende auf, dass der Sterbende noch seine liebste Vertraute, die Frau Kathi Schratt, gesehen haben soll. Die pensionierte k. u. k. Hofburgschauspielerin betete erst an der aufgebahrten Leiche des Herrschers. Der neue Kaiser, Karl I., hatte ihr chevaleresk den Arm geboten und sie ins Sterbezimmer geführt.
Im solide verwalteten Österreich-Ungarn hatte auch ein Herrscher Anrecht auf einen amtlichen Totenschein. Darin heißt es: „Vor- und Zuname: S. M. Kaiser Franz Joseph I. Berufszweig und Berufsstellung: Kaiser von Österreich, König von Ungarn etc. Glaubensbekenntnis: römisch-katholisch. Stand: verwitwet. Unmittelbare Todesursache nebst Angabe der etwaigen Grundkrankheiten, aus welchen sich die unmittelbare Todesursache entwickelt hat: Herzschwäche nach Lungen- und Rippenfellentzündung. Gestorben: 21. XI. 1916 um 9 Uhr 5 abends. Ist zu beerdigen: In Kapuzinergruft.“
Mit diesem amtlichen Dokument endete für die kaiserliche Armee, die sich mitten in einem Kampf auf Leben und Tod befand, auch der Eid, den alle – allein von 1914 bis zum Tod des Kaisers waren es rund sechs Millionen – in elf Sprachen geleistet hatten: „Wir schwören zu Gott dem Allmächtigen einen feierlichen Eid, Seiner Apostolischen Majestät, unserem Allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Franz Joseph dem Ersten, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Böhmen usw. und Apostolischem König von Ungarn treu und gehorsam zu sein, auch Allerhöchst Ihren Generalen, überhaupt allen unseren Vorgesetzten und Höheren zu gehorchen – und auf diese Weise mit Ehre zu leben und zu sterben. So wahr uns Gott helfe. Amen.“
Es war also kein Eid auf das Grundgesetz von 1867, wie Rauchensteiner festhält. So musste die Truppe neu auf den Nachfolger, Kaiser Karl I. (als König von Ungarn Karl IV.), eingeschworen werden.
Am 23. November veröffentlichte die „Wiener Zeitung“ jene Passagen des Testaments, die sich an die „Völker des Reichs und die bewaffnete Macht“ wendeten. Alles andere blieb unpubliziert. Denn es betraf die Familie. Hauptsächlich ging's um Geld. Dieses Dokument hatte Franz Joseph schon 1901 aufgesetzt, drei Jahre nach der Ermordung seiner Ehefrau, Sisi. Als Zeugen hatten der „Minister des Äußern und des kaiserlichen Hauses“, Graf Agenor Gołuchowski, und der Erste Generaladjutant, Eduard Graf Paar, unterzeichnet. Franz Ferdinand, damals noch Thronfolger, akzeptierte es. 1913 modifizierte es der Kaiser nochmals geringfügig, indem er die Zahlungen an die Herzogin von Hohenberg, Franz Ferdinands „morganatische“ Ehefrau, und deren Kinder regelte. Auch beim zweiten Kodizill vom 29. Juni 1916 ging es nur um Innerfamiliär-Finanzielles: Zahlungen an den Fürsten Otto von Windisch-Graetz, (Noch-)Ehemann der Enkelin Elisabeth.
Was nach seinem Tode zu geschehen habe? Nun, die übliche Einbalsamierung, verfügte der Kaiser, die Beisetzung in der Kapuzinergruft neben dem Sarg seiner Ehefrau, Elisabeth, aber „ohne Übertragung einzelner Bestandteile in andere Grüfte“. Somit sollten also nicht, wie bei den Habsburgern üblich, das Herz in die Augustinerkirche und die Eingeweide in den Stephansdom kommen.
Kein Sterbenswort über den Weltkrieg, nichts. Franz Joseph hatte es nicht der Mühe wert befunden, das Testament von 1901 nochmals abzuändern. So endet das Dokument mit recht dürren Worten an die Völker des Reiches und an die bewaffnete Macht. „Meinen geliebten Völkern sage Ich vollen Dank für die treue Liebe, welche sie Mir und Meinem Hause in glücklichen Tagen wie in bedrängten Zeiten bethätigten.“
Die Aufmerksamkeit galt nun schlagartig dem noch nicht dreißig Jahre alten Erzherzog Carl Franz Joseph, dem neuen Kaiser.

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