Der neofaschistische Traum von einem autoritären Europa

Bereits nach Kriegsende wurde die Europaidee auch von neofaschistischen Ideologen verfolgt. Ihr Werk beeinflusst noch heute die Verbindungen zwischen der extremen Rechten und russischen Kreisen.

DEMONSTRATION DER IDENTITÄREN BEWEGUNG OeSTERREICH
DEMONSTRATION DER IDENTITÄREN BEWEGUNG OeSTERREICH
Treten für Allianzen mit russischen Ideologen ein: Anhänger der Identitären auf einer Demonstration in Wien. – APA/HERBERT PFARRHOFER

Die Costa del Sol gilt gemeinhin als Urlauberparadies. Praktisch unbekannt ist dagegen ein dunkles Kapitel Zeitgeschichte, das dem südspanischen Küstenstreifen den Beinamen „Costa del Nazi“ eingebracht hat: Nach der Niederlage des Dritten Reichs hatten sich zahllose NS-Verbrecher hierher geflüchtet. Das faschistische Regime von General Franco nahm sie mit offenen Armen auf und gewährte Schutz vor Auslieferung. Anfang der 1950er-Jahre gab es in Spanien schon eine regelrechte Kolonie von 16.000 NS-Exilanten. Viele von ihnen – darunter der belgische NS-Kollaborateur Leon Degrelle, der berüchtigte Wiener SS-Offizier Otto Skorzeny oder der an der Niederschlagung des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 beteiligte Otto Ernst Remer – verbrachten einen ruhigen Lebensabend.

Einige hochbetagte Pensionäre sind noch übrig – so etwa in Benalmádena, wohin es vor einigen Jahren auch den österreichischen Holocaustleugner Gerd Honsik verschlagen hat: 97 Jahre alt ist der gebürtige Grazer Theodor Soucek mittlerweile. In Österreich ist er lange schon in Vergessenheit geraten. Soucek hatte den Zweiten Weltkrieg als Offizier mitgemacht; nach dem Jahr 1945 baute er ein weitverzweigtes Fluchthilfenetz auf für in alliierten Internierungslagern einsitzende NS-Täter. 1947 wurde die Organisation schließlich zerschlagen.

Soucek und einige Mitverschwörer wurden dafür zum Tod verurteilt, aber 1952 von Bundespräsident Adolf Schärf begnadigt. In den darauffolgenden Jahren verschrieb sich Soucek gemeinsam mit anderen Neofaschisten einem Projekt, das unterschwellig bis heute nachwirkt: der Schaffung eines vereinigten Europas als „Viertes Reich“. Diese Idee wurde praktisch parallel zu den Bestrebungen verfolgt, die mit den Römischen Verträgen (1957) die Entwicklung zur heutigen Europäischen Union anstießen.
Delegiertentreffen in Malmö. Während des Zweiten Weltkriegs hatten auf deutscher Seite Zehntausende europäische Freiwillige gegen den Bolschewismus gekämpft. Einer der ersten Versuche, dieses Potenzial neu zu organisieren, fand am 12. Mai 1951 statt: Im schwedischen Malmö trafen sich 60 Delegierte rechtsextremer Bewegungen aus ganz Westeuropa.

Der Kongress führte zur Bildung der Europäischen Sozialbewegung (ESB), mit nationalen Sektionen in der BRD, Schweden, Norwegen, Dänemark, Niederlande, Belgien, Frankreich und Österreich. Die verschiedenen Organisationen waren sich einig, dass dieses Europa anti-parlamentarisch, autoritär und völkisch orientiert sein würde – als dritte Kraft zwischen den Machtblöcken USA und UdSSR. Es blieb jedoch bei einem Erfolg auf symbolischer Ebene, weil die ESB wegen ihrer „moderaten“ Haltung bald den Rückhalt der eigenen Basis verlor und auf wackeligen finanziellen Beinen stand.

Nun kam Soucek ins Spiel: Anfang 1957 gründete er die Sozialorganische Ordnungsbewegung Europas (Sorbe), wobei unter „sozialorganisch“ die „biologische art- und schicksalsmäßige Verkettung“ des Individuums mit Familie und Volk zu verstehen war.


Welche Freiheit Europas? Das dazugehörige Programm verpackte Soucek 1956 in seinem schwülstigen Buch „Wir rufen Europa. Vereinigung des Abendlandes auf Sozial-Organischer Grundlage“. Darin hielt er fest, dass das „bolschewistische Russland“ vom Ausgang des Zweiten Weltkriegs ungleich mehr profitiert habe, „als alle übrige Welt“. Darüber hinaus habe der Osten „sein Konzept und seinen Kristallisationspunkt“. Der Westen dagegen besitze nichts dergleichen: „Im Osten besitzt das Denken und Handeln der Führenden und Geführten zielstrebige Richtung. Im Westen nicht.“

Im europäischen Raum habe sich bislang weder das „System Moskaus“ noch die „Bereitwilligkeit zum Anschluss an den Dollar“ durchgesetzt. Und zwar, so Soucek, weil der Instinkt „hellwach“ dafür sei, „ob man für die eigene oder eine vermeintliche Freiheit arbeiten, kämpfen, opfern, bluten und sterben soll“. Eben deshalb gebe es „kein besseres Losungswort als den Ruf: Für die Freiheit Europas!“ Konkret stellte sich Soucek eine „Europaregierung“ mit Sitz in Genf vor, in deren Souveränitätsbereiche Innenpolitik und Rechtsgestaltung, Wirtschaft, Finanzen und Währung, Sicherheit und Wehrkraft, Außenpolitik sowie Erziehung und Forschung fallen sollten. An der Spitze sollte ein auf fünf Jahre gewählter und für diese Zeit unabsetzbarer „Präsident von Europa“ stehen.

Am 7. und 8. Dezember 1957 lud die Sorbe im Salzburger Hotel Pitter zum „Europakongress“ – circa 1000 Personen waren gekommen, darunter Erwin Vollenweider, der 1951 die Volkspartei der Schweiz gegründet hatte, und der französische Neofaschist und Holocaustleugner Henri Rocques.

Als man Mitte November 1958 eine Nachfolgeveranstaltung abhalten wollte, handelte das Innenministerium. Der Verein wurde aufgelöst, aber der Verfassungsgerichtshof gab einer dagegen eingelegten Beschwerde statt. Sorbe sollte aber nicht mehr zur alten Stärke zurückfinden. Nachdem sich Soucek ab 1962 wegen hoher Schulden ins Ausland abgesetzt hatte, wurde Sorbe zwei Jahre später endgültig aufgelöst. Soucek ließ sich schließlich an der Costa del Sol nieder, wo es still um ihn wurde. Einem bei einem schwedischen Verlag erschienenen Memoirenband von 2001 stellte er bezeichnenderweise die Forderung nach Abschaffung des Verbotsgesetzes voran.

Neue Sammlungsbewegung. Souceks Platz innerhalb der Europa-Faschisten hatte damals der Belgier Jean Thiriart eingenommen. Dieser hatte auf deutscher Seite als Fallschirmspringer gekämpft und wurde dafür nach 1945 für drei Jahre inhaftiert. 1961 baute Thiriart die Sammelbewegung „Jeune Europe“ (Junges Europa) mit Ableger in 13 Ländern auf. Den dafür nötigen ideologischen Kitt lieferte Thiriart im Jahr 1964 mit dem Buch „Europa: ein Weltreich von 3000 Millionen Menschen“. Nur dieses „Vierte Reich“ würde die Hegemonie der Supermächte herausfordern können („gegen Bolschewismus und Amerikanismus“).

Thiriart fiel mit Beifallsbekundungen für den sowjetischen KGB, für die palästinische PLFP und für linke Terrorgruppen wie die belgischen Cellules Communistes Combattantes (CCC) auf. Genauso knüpfte er Kontakte zum maoistischen China, zum Regime von Muammar al-Gaddafi und zu anderen Staaten der „Dritten Welt“.

Kurz vor seinem Tod hielt sich Thiriart 1992 zweimal in Moskau auf und traf sich dort mit Angehörigen der neuen Kommunistischen Partei der Russischen Föderation. Man überlegte eine strategische Achse beim Kampf gegen die „Amerikanisierung“ Europas. Einer von Thiriarts Gesprächspartnern war der „Nationalbolschewist“ Alexander Dugin, heute einer der einflussreichsten großrussischen Ideologen.

Dugin träumt von einer von Moskau angeführten „Eurasischen Union“ – als Gegenmodell zu „westlichem Nihilismus“ und US-amerikanischer Hegemonie. Die von Soucek und Thiriat so gelegte Saat ist innerhalb der letzten Jahre mehr und mehr aufgegangen, wenn auch unter anderen geopolitischen Vorzeichen.

EU-kritische Parteien in ganz Europa haben längst enge Kontakte zu den „Eurasiern“ in Moskau geknüpft. So auch die FPÖ, deren Obmann, Heinz-Christian Strache, sich 2014 mit Dugin getroffen hat.


Faschisten und Geheimdienste. Wenn heute rechte Kleingruppen wie die Identitären Dugins „Eurasismus“ und Vordenker wie Thiriart wohlwollend reflektieren, wird ein Aspekt ausgeklammert: Es gibt mittlerweile genügend Belege dafür, dass sich die Europa-Faschisten im Kalten Krieg von westlichen Geheimdiensten einspannen ließen. So waren zahlreiche Verbündete Thiriarts auch Kader des antikommunistischen „Gladio“-Netzwerks, das in den 1970er-Jahren Italien mit Bombenanschlägen destabilisierte.

Einer von Thiriarts früheren Mitstreitern in Österreich, Fred Borth, lieferte während des Südtirolkonflikts Hunderte Spitzelberichte an italienische Dienste und informierte auch die Wiener Staatspolizei.

Letztere war gut im Bilde. Laut einem Protokoll von 1963 meinte der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Oswald Peterlunger, einsilbig: „Es besteht ein Kreis von Nationalen, der sich über ganz Europa erstreckt und deren Mitglieder zugeben, Sprengstoffanschläge zu verüben.“ Diese Machenschaften sind noch kaum erforscht – aber der rechte Traum eines autoritären und anti-liberalen Europas war wahrscheinlich noch nie so wirkungsmächtig wie heute. ?

Zum Autor

Thomas Riegler ist Historiker in Wien. Zuletzt veröffentlichte er „Tage des Schreckens: Die Opec-Geiselnahme 1975 und die Anfänge des modernen Terrorismus“ (2015).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2016)

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