"Einmal hat Habsburg einen Mann, und dann ist es eine Frau"

Vierzig Jahre lang lenkte im 18. Jahrhundert eine Frau die Geschicke einer Großmacht. Die reformfreudige und populäre Herrscherin Maria Theresia, deren 300. Geburtstag 2017 gefeiert wird, legte viele Grundlagen für eine Modernisierung Österreichs und wurde als „Landesmutter“ gerühmt. Sie fasziniert bis heute auch als Person.

Maria Theresia als Mädchen, gemalt 1727. Die Thronfolge war noch in weiter Ferne.
Maria Theresia als Mädchen, gemalt 1727. Die Thronfolge war noch in weiter Ferne.
Maria Theresia als Mädchen, gemalt 1727. Die Thronfolge war noch in weiter Ferne. – (c) Sammlung Rauch / Interfoto / picturedesk

Es ist nicht schwer zu erraten, von wem der Satz in unserem Titel stammt: natürlich von dem Zyniker und Frauenfeind in Berlin, dem Preußenkönig Friedrich II., den Maria Theresia zeit ihres Lebens als „Scheusal“ und „Monster“ bezeichnete, der ihr das Erbe ihrer Dynastie streitig machen wollte. Man war männliche Herrscher gewohnt, noch nie zuvor hatte eine Frau den habsburgischen Thron bestiegen. Gab es überhaupt einen geeigneten Titel für sie? „Pro rege nostro“ schrien die Ungarn ihren Huldigungseid hinaus, „für unseren König“, wie sie es gewohnt waren.

Der Kult rund um Maria Theresia, in ihrer Zeit und bei der Nachwelt, beweist: Sie ist mehr als nur eine geschichtliche Figur des 18. Jahrhunderts. Vierzig Jahre, von 1740 bis 1780, herrschte sie, kein Rekord also, Franz Joseph I. hat das im 19. Jahrhundert locker in den Schatten gestellt. Warum erfreut sich Leben und Wirken Maria Theresias dennoch bis heute uneingeschränkter Sympathie? „Das Erstaunliche an der Beurteilung durch die Nachwelt ist, dass sich keine Polemik zur Persönlichkeit und Leistung Maria Theresias entwickelt hat, alle Autoren und Autorinnen beurteilten Maria Theresia völlig positiv, nicht einmal der Ansatz einer fundamentalen Kritik ist wahrzunehmen“, fasst der Historiker Karl Vocelka das tradierte Bild einer liebevollen, dem Allgemeinwohl ihres Volkes verpflichteten Landesmutter zusammen. Wir können kaum davon ausgehen, dass sich diese positive Beurteilung gerade im heurigen Jubiläumsjahr ändern wird. Runde Geburtstage taugen schlicht nicht zur Entmy-thifizierung. Die konservativen Züge, die Maria Theresia bis hin zur praktizierten Intoleranz im Zeitalter der Toleranz auch aufwies, werden als zeitbedingte Randerscheinungen abgetan.

Natürlich ist es für den Biografen verpflichtend, das historisch Bedeutsame aus ihrer Regierungszeit zu berichten, aber gerade in ihrem Fall fällt es schwer, ganz auf das Anekdotische, das sich um die Person der Habsburgerin rankt, zu verzichten. Manche Herrscher sind als Institution wichtiger denn als Persönlichkeit, das ist der Fall bei Maria Theresias Vater, Karl VI.: Er ging in die Geschichte mit der wenig glamourösen, aber notwendigen Rolle ein, der Vater Maria Theresias gewesen zu sein und eine Nachfolgeregelung für das weibliche Familienmitglied gebastelt zu haben. Dass er zugleich Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Herr eines der fünf mächtigsten Staaten Europas, nämlich der österreichischen Monarchie, war, macht ihn für die Nachwelt als Person noch nicht interessant. Anders bei Maria Theresia selbst, die ein facettenreiches Leben als lebenslustige Erzherzogin, Monarchin, die tapfer ihr Erbe verteidigte, allseits geliebte Landesmutter und schließlich konservative Reformerin führte. Sie weckt auch als Persönlichkeit unser Interesse, die Bürde und Würde des Amts hat den Menschen nicht überwuchert.

Rising star.
Diese Vermischung von Amt und Person begann schon, da war sie erst 18 Jahre alt. Abgebrühte ausländische Diplomaten am Wiener Hof wählten plötzlich eine andere, aufgeregte Sprache, als sie vom Aufgehen eines neuen Sterns berichteten. Sie waren fasziniert, dass eine Prinzessin mit großer Entschlossenheit sich mit einer extravaganten Partnerwahl durchzusetzen schien: Seit ihrer Kindheit liebte sie den lothringischen Prinzen Franz Stephan, und den wollte sie haben, keinen sonst. Man zog Schlüsse daraus: Die junge Frau zeigte offensichtlich einen klaren Blick für die Schwächen ihres Vaters, der sie nie auf die Thronfolge vorbereitete, obwohl kein Sohn weit und breit zu sehen war. Sie rechnete damit, dass sie eines Tages regieren würde. Die kühle Analyse des britischen Botschafters: „Die Erzherzogin überlegt mit klarem und scharfem Verstand und möchte sich unbedingt einen Überblick über die Staatsgeschäfte verschaffen. Sie ist so sehr auf das Herrschen erpicht und so sehr dazu geeignet, dass sie ihren Vater als eine Art Verwalter (!) ansieht.“

Nach dem frühen Tod des Vaters 1740 war die Situation für die Thronfolgerin brandgefährlich: Wie die Wölfe stürzten sich die Mächte auf ihr Erbe. Die „Pragmatische Sanktion“, die sie kurz zuvor unterzeichnet hatten und die die Einheit der monarchia austriaca garantierte? Nie davon gehört. Das geschwächte Reich galt als leichte Beute, man sagte in Wien: „Hier geht alles den Bach hinunter.“ „Pacta sunt servanda“ galt angesichts des „Weiberregiments“ nicht mehr, der Wortbruch lag in der Luft in Europa. Purer Machiavellismus trieb Friedrich II. an, der den Krieg anzettelte. Dabei hatte er kurz zuvor einen „Antimachiavell“ verfasst, eine Schrift, die er wohl rein als theoretische Fingerübung betrachtete.

War es Bewunderung oder Mitleid? Eine Welle der Sympathie, egal, ob von den Wienern oder Ungarn, trug Maria Theresia durch acht schwierige Kriegsjahre. Sie bewunderten ihre Herzlichkeit und ihren Frohsinn, ihren Glauben und ihr Vertrauen auf die Heiligkeit des kaiserlichen Erbes. Und das hohe Amt, das sie freilich nicht wie der Vater mit erhabenem Pomp würzte, sondern manchmal mit schelmischem Witz.

 

Exzellente Berater. Ein ungewöhnlicher Anblick war zunächst ihr Ministerrat, sechs mumienhafte Greise, das musste sie überstehen, bis sie sich einen exzellenten Beraterkreis heranzog. Da kam einer aus Schlesien, einer aus den Niederlanden, Protestanten waren darunter, manche hatten einen furchtbaren Tick wie der hypochondrisch-eitle geniale Staatsmann Kaunitz oder der ständig blinzelnde Verwaltungsreformer Haugwitz. Doch damit kam sie gut zurecht, sie mochte diese Handvoll Männer, die ihre Herrschaft retteten: „Das bisschen Ruhm, das ich mir in der Welt erworben habe, schulde ich der guten Wahl meiner Vertrauten.“ Das waren die, die für Maria Theresia unentbehrlich waren, auf die sie hörte.

Nach acht Jahren Krieg hatte sie die reiche Provinz Schlesien verloren, aber sie konnte eine Teilung der Monarchie abwenden und auch die Kaiserwürde wieder an ihr Haus binden. Die Armee, obwohl reformbedürftig, hatte das Ärgste verhindert, freilich sahen viele in Europa das Land wegen seiner inneren Schwäche als einen Koloss auf tönernen Füßen. Daraus ergab sich ihre nächste Aufgabe: pragmatisch motivierte Reformpläne, die zweckmäßig erschienen für das Staatsganze, Konsolidierung der habsburgischen Macht, Realpolitik, die niemanden überfordern sollte und dennoch tief greifende Reformen bedeutete, im Steuerwesen, in der Verwaltungsstruktur, der Befreiung der Bauern von ihrem Elend, der Einleitung einer Schulreform, durch neue Gesetze und die Abschaffung von Adelsprivilegien.

Manche Reformen kamen nicht über Ansätze hinaus, eine zu große Erschütterung des sozialen Gefüges und der alten Rechtsordnung missfiel ihr. Aber es gelang ihr der Übergang eines traditionsverhafteten mittelalterlichen Territoriums zu einem modernen Staat. Die Zeit von 1740 bis 1790, also ihre und ihres Sohnes Josephs II. Regierungszeit, war eine wichtige Passage auf dem Weg Österreichs zum modernen Rechts- und Verwaltungsstaat.

Das allein rechtfertigt Jubiläumsfeiern, auch wenn zusätzlich viel von den 16 Kindern die Rede sein wird, von den Seitensprüngen des Ehemannes, von der Keuschheitskommission. Ganz weg war Maria Theresia ja nie aus der Zweiten Republik. An ihrem Anfang stand Leopold Figl, der in einer großen Rede auf der Suche nach österreichischer Identität an die „Mater Austriae“ anknüpfte so wie Hugo von Hofmannsthal bereits zu Beginn der Ersten Republik. Noch 1980 kam eine Umfrage zu dem Ergebnis, dass 35 Prozent der Österreicher Maria Theresia als „charakteristisch für Österreich“ empfanden. Und bei zeremoniellen Anlässen können wir uns ja ebenfalls nicht von Maria Theresia trennen, schließlich werden die österreichischen Regierungen in ihrem Schlafzimmer in der Hofburg angelobt.

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Maria Theresia zum 300. Geburtstag

Das neue Geschichte-Magazin der „Presse“ beschäftigt sich zum Jubiläumsjahr mit Maria Theresia (1717 − 1780).

Zum Inhalt: Die unvorbereitete Thronfolgerin − Kampf um das Erbe − Charakter und Persönlichkeit − Ihre Kinder und ihre Ehe − Aufgeklärter Absolutismus − Modernisierung in Staat, Recht und Verwaltung − Toleranz und Religion − Die Bauern − Die Schulreform − Ihre Soldaten − Residenzstadt Wien − Der schwierige Sohn − Die Männer an ihrer Seite − Schönbrunn − Die Hofmaler − Soziales Elend hinter barockem Glanz.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2017)

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