Elend nach dem Krieg: "Butter zu essen müssen wir uns abgewöhnen"

Der Fotohistoriker Anton Holzer beleuchtet in seinem Buch "Krieg nach dem Krieg" den Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg.

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Berlin, Erster Weltkrieg – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Private Briefwechsel, Tagebücher, literarische und politische Betrachtungen sowie fotografische Zeugnisse verknüpft Anton Holzer in seinem neuen Buch "Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19" mit den Ereignissen zwischen 1917 und 1923. Der Fotohistoriker lässt individuelle Stimmen zu Wort kommen und rückt somit alltägliche und emotionale Aspekte dieser Epoche in den Fokus.

"Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muß die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen", wird der Schriftsteller Ernst Toller in "Krieg nach dem Krieg" zitiert. Holzers Buch widmet sich dieser entscheidenden Zeit, indem er Ausschnitte aus persönlich gefärbten Dokumenten und Zeitungsberichten, die von der Erschöpfung der Soldaten, den politischen Umstürzen und dem Elend der Zivilbevölkerung zeugen, in den historischen Kontext einbettet.

"Der Frieden wird wohl sehr schlecht werden"

Das Tagebuch der deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz ist eine der Quellen, die Holzer dazu heranzieht. "Der Frieden wird wohl sehr schlecht werden. Aber es ist kein Krieg mehr. Man kann sagen, dafür haben wir Bürgerkrieg", notierte Kollwitz am Silvestertag des Jahres 1918. So wie die Künstlerin es voraussah, kamen die europäischen Länder nach Ende des Ersten Weltkriegs nicht zur Ruhe: auf die Revolutionen in Russland 1917 und die Streiks in Deutschland und Österreich-Ungarn im Jänner 1918 folgte die November-Revolution, die sich auf zahlreiche Städte Deutschlands ausweitete. 1918 wurde in Deutschland die Republik ausgerufen, der Bürgerkrieg war jedoch noch nicht zu Ende, erst ab 1924 stabilisierte sich die wirtschaftliche und politische Lage wieder, so der Autor.

Holzer beschreibt vorwiegend die Entwicklungen in Deutschland, stellt aber auch den Bezug zu Russland, Österreich und Ungarn her. Die autobiografischen Zeugnisse stammen ausschließlich von deutschsprachigen Persönlichkeiten, darunter finden sich die Aufzeichnungen von Schriftstellern wie Joseph Roth und Kurt Tucholsky, das Tagebuch des Romanisten Victor Klemperer, Gedanken des Rechtsphilosophen Gustav Radbruch sowie Feldpostkarten von Soldaten und Tagebucheinträge bessergestellter Frauen.

Die Arztgattin Antonia Helming vermerkte etwa am 3. März 1919: "Butter zu essen werden wir uns auch abgewöhnen müssen." Neben Kriegsmüdigkeit und politischer Unzufriedenheit waren Not und Elend wichtige Faktoren für die Unruhen, die zum Zerfall der alten Ordnung führten. In den letzten beiden Kriegswintern brachen Hungerkrawalle aus, die folgende Wirtschaftskrise trieb die Inflation in die Höhe. Holzer belegt dies mit Zitaten und zum Teil bisher unveröffentlichten Bildern.

Männer schleppen Baustämme, Frauen und Kinder wühlen im Müll

So lässt er den Landsturmmann Harry Nathan zu Wort kommen, der in einem Brief an seine Schwester die Grausamkeiten schildert, die sich 1917 in Königsberg zutrugen, als Hungernde Lebensmittelläden plünderten: "Hauptsächlich waren es Frauen u. Kinder. Ein Schutzmann schlug einem Mädchen, das sich Brot genommen hatte, mit einem Hieb den Arm über dem Ellenbogen ab u. dem Schutzmann wurde darauf von einem Unteroffizier der Schädel eingeschlagen." Auch Fotos aus Wien dokumentieren die Brennstoff- und Nahrungsknappheit: Männer schleppen im Februar 1920 Baumstämme aus öffentlichen Wäldern in die Stadt, Frauen und Kinder wühlen auf einem Müllplatz nach Essensresten.

Im Kontrast dazu lebte die Bar- und Theaterszene in den sogenannten Goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik auf, wie der Autor im letzten Kapitel "Tanz auf dem Vulkan" seines Werkes beschreibt: "Untertags waren die Menschen mit dem Leben und Überleben beschäftigt, abends aber begann, zumindest für jene, die es sich leisten konnten, das Nachtleben."

Buch

Anton Holzer "Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19."

Theiss Verlag; 192 Seiten; 41,10 Euro

(APA)

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