Figls Radiorede 1945: Der "Poldl" rührt uns noch heute

Die Radiorede des Bundeskanzlers Leopold Figl an seine Landsleute am Weihnachtstag des Jahres 1945 gehört zu den großen Legenden dieses Landes.

LEopold Figl
LEopold Figl
(c) APA (OEVP / RENATE APOSTEL)

Die Radiorede des Bundeskanzlers Leopold Figl an seine Landsleute am Weihnachtstag des Jahres 1945 gehört zu den großen Legenden dieses Landes. Die Schlichtheit und lapidare Kürze des Tondokuments lassen die bittere Not und die Ärmlichkeit der Bevölkerung erahnen. Es war nichts Gutes, was der soeben erst zum Regierungschef bestellte ÖVP-Obmann den Österreichern verkünden konnte. Und dennoch spricht aus den Worten des „Leopolds von Österreich“ der unerschütterliche Glaube, dass es nur aufwärts gehen könne.

Es gibt keine Originalaufnahme aus dem „Jahr null“, weil man Figls Rede damals gar nicht aufgezeichnet hat. Der große Journalist und Zeithistoriker Ernst Trost hat 1992 die Geschichte dieser Rede recherchiert.

 

Marboe macht „Figl-Recycling“

Im Frühjahr 1965 saß der bereits todkranke Ex-Bundeskanzler Figl zum letzten Mal im Landesstudio Niederösterreich, um sich von seinen Mitbürgern als Landeshauptmann zu verabschieden. Der ORF-Mitarbeiter Ernst Wolfram Marboe hatte die Idee, im Anschluss an die Radio-Aufzeichnung den Staatsmann diese Weihnachtsbotschaft des Jahres 1945 nochmals ins Mikrofon sprechen zu lassen. Es war natürlich nur eine sinngemäße Wiederholung des damals Gesagten. Und Figl tat es. Wohl im Bewusstsein, dass dies sein Abschied für immer sein würde.

Wenige Wochen später, Ende April 1965, feierte die Republik ihren 20. Geburtstag und den 10. Jahrestag des Staatsvertrags. Unter den vielen Feierlichkeiten aus diesem Anlass bleibt eine bis heute in Erinnerung: Die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände hatte zur Feier auf den abendlichen Stephansplatz gebeten. In eine Wolldecke gehüllt, saß Leopold Figl in der ersten Reihe und hörte seine Rede über den Lautsprecher – gerührt und traurig. Der Nierenkrebs ließ ihm nur noch wenige Tage. Am 9. Mai ist dieser große kleine Mann an den Verletzungen gestorben, die er während der NS-Diktatur im KZ erlitten hatte.

 

Renner wird Bundespräsident

Rückblende: Dezember 1945. Am 19. Dezember legt die provisorische Staatsregierung des Karl Renner ihren Endbericht. Die Nationalratswahlen vom 25. November hatten klare Verhältnisse geschaffen – absolute Mehrheit für die Volkspartei, aber man kommt sofort überein, auch die Sozialisten und die Kommunisten an der neuen Bundesregierung teilhaben zu lassen.

Am 20. Dezember tritt im Parlament die Bundesversammlung zusammen, also Bundesrat und Nationalrat, um einen Bundespräsidenten zu wählen. Es ist eine Ausnahmesituation, denn in der Bundesverfassung steht eigentlich, dass das Staatsoberhaupt vom Volke gewählt wird. Aber für dieses erste Mal ist sowieso klar, wem als Einzigem dieses Amt zukommt: Wer sonst als der bisherige Staatskanzler Karl Renner sollte es sein? Der erste offizielle Akt Renners ist die Bestellung des Bodenkultur-Diplomingenieurs Leopold Figl zum Bundeskanzler und des Juristen Adolf Schärf zum Vizekanzler. Die beiden Parteiobmänner bilden nun auch die Regierungsspitze.

Die vier Alliierten stimmen zu. Aber erst nach einer überraschenden Umstellung der Ministerliste, die bereits von der Tageszeitung „Neues Österreich“ publiziert worden war. Es fehlen plötzlich die Namen Julius Raab, Vinzenz Schumy, Ferdinand Graf und Andreas Korp. Die Sowjets hatten sich vor allem an der Person Raabs gestoßen, dem sie – wie auch Schumy – nicht nur seine politische Tätigkeit im christlich-sozialen „Ständestaat“ vor '38 vorhielten, sondern auch seine strikt antikommunistische Haltung. Warum jedoch auch der Sozialdemokrat Andreas Korp kein Plazet der östlichen Besatzungsmacht erhielt, das wurde nicht weiter erklärt, es bleibt auch heute noch ein Rätsel.

Figl machte das Klügste, das man in dieser Situation tun konnte: Er gab nach und präsentierte den alliierten Besatzungsvertretern statt Raab Eugen Fleischhacker als Handelsminister, statt Korp Hans Frenzel als Minister für Volksernährung, statt Schumy Peter Krauland für das Bundesministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung. Ferdinand Graf kam wenigstens als Staatssekretär des Innenministeriums in die Regierung.

 

Winterschuhe gesucht

Und so kann Figl am 21. Dezember im Nationalrat seine Regierungserklärung abgeben. Am 24. Dezember richtet er dann via Radio eine aktuelle Weihnachtsbotschaft an die Österreicher. Sie sollte eine der meistzitierten Reden der Nachkriegsjahre werden. Gerhard Jelinek hat sie völlig zu Recht in das Buch „Reden, die die Welt veränderten“ aufgenommen.

Die Zeiten sind schlimm. Was können die Menschen einander, was können sie besonders ihren Kindern schenken? Auf improvisierten Plakatwänden und in Zeitungsinseraten häufen sich jetzt allenthalben die Tauschanzeigen. Vieles, was da gesucht oder geboten wird, zählt zu den Kostbarkeiten. Nach Winterschuhen und Mänteln hatte schon vor den Festtagen rege Nachfrage geherrscht. Eine Annonce: „Gebe Jackson-Schlittschuhe, suche Winterpyjama oder Damenwäsche“.

Der einzige Lichtblick in dieser dunklen Zeit ist kultureller Art: Die Kammerschauspielerin Else Wohlgemuth kehrt an die „Burg“ zurück. Die gebürtige Berlinerin war 1910 ans Burgtheater engagiert worden, wo sie der Sprachkultur ihrer dunklen Stimme halber, aber ebenso wegen der Verinnerlichung, die sie– eine der schönsten Frauen ihrer Zeit–jeder ihrer Rollen gab, immer wieder umjubelt wurde. Gemäß den NS-Gesetzen war sie für die Nazis untragbar; aber im Frühjahr 1938 hatte es tatsächlich Bemühungen gegeben, sie, die mit einem Mitglied des österreichischen Hochadels verheiratet war, mittels Sonderregelung dem Haus am Ring zu erhalten. Doch Else Wohlgemuth lehnte ab, wie am 13. Dezember 1945 das „Neue Österreich“ hervorhob. Ihr Auftreten in dem Stück „Die andere Mutter“ war nun, nach siebeneinhalb Jahren der Unterbrechung, ein einziger Triumph.

 

Sudetendeutsche als Ärgernis

Das kleine hungernde und frierende Österreich hat zu allem Überdruss auch noch viele ungebetene „Gäste“ zu verkraften. Es ist kein Ruhmesblatt, was sich da abspielt. Manfried Rauchensteiner hat erhoben, dass sich um diese Zeit fast 600.000 Flüchtlinge innerhalb der österreichischen Grenzen befinden: 104.000 sogenannte „Reichsdeutsche“ und 225.000 „Volks- oder Sudetendeutsche“, die aus ihren angestammten Siedlungsgebieten gnadenlos vertrieben worden sind. 170.000 Donauschwaben suchen fürs Erste in Österreich Sicherheit und Ruhe; 151.000 Sudetendeutsche; 15.000 Ungarndeutsche; 20.000 Siebenbürger Sachsen bzw. Banater Schwaben. Dazu kommen an die 170.000 jüdische Flüchtlinge. Die Versorgungslage ist katastrophal.

In den niederösterreichischen Voralpengebieten kommt es zu Hungerrevolten, die von der russischen Besatzungsmacht niedergehalten werden. Die Regierung fordert von den Alliierten, die unliebsamen Gäste ehebaldigst abzuschieben, in Salzburg verweigert man diesen Hilfesuchenden die Lebensmittelkarten.

 

Bewusster Bruch mit der Geschichte

Militärhistoriker Rauchensteiner hat für diese unmenschliche Vorgangsweise eine einfache (politische) Erklärung: „Die Ausweisung der Deutschen sollte als Entnazifizierungsmaßnahme verstanden werden.“ Vor allem die „Parade-Österreicher“ Karl Gruber und Felix Hurdes waren treibende Kräfte. An dieser vereinfachten Darstellung „Volksdeutsche und Sudetendeutsche = Nazis“ leidet noch heute bisweilen das Verhältnis zwischen Österreichern und Deutschen.

Nicht nur Hunger und Kälte verhindern das Aufkommen von Weihnachtsstimmung. In tausenden Familien bangt man um das Schicksal nahestehender Menschen, von denen es oft seit Jahren kein Lebenszeichen mehr gibt. In der Hoffnung, dass die im Krieg als „vermisst“ gemeldeten Soldaten noch leben, stellen viele Österreicher am Heiligen Abend brennende Kerzen in die Fenster. Ein kleines Zeichen, dass hier noch eine Familie bangt, hofft – und betet. Dieser Brauch hat sich noch lang gehalten, bis in die Sechzigerjahre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2009)

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