Als die "Hakenkreuzfahne über Stalingrad" verschwand

Vor 75 Jahren gab sich die deutsche Wehrmacht der Roten Armee geschlagen. Auf den "Kampf bis zur letzten Patrone" folgten Gefangenschaft, Tod oder Verschwinden. Bis heute werden Tausende Soldaten vermisst. Nun kooperiert Moskau mit Graz.

 Friedrich Paulus nach seiner Festnahme in Stalingrad
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 Friedrich Paulus nach seiner Festnahme in Stalingrad
Friedrich Paulus nach seiner Festnahme in Stalingrad – imago/ITAR-TASS

„Ich werde zu meinen Soldaten in die vorderste Linie gehen… Ich suche den Tod in ihren Reihen. Gefangennahme ist für einen General unehrenhaft.“ Mit diesen Worten schritt Generalleutnant Alexander von Hartmann der Roten Armee entgegen. Um ihn herum lag eine Stadt in Trümmern, leblose Körper ruhten auf den Straßen. Durch die eisige Luft schnitten Kugeln. Eine von ihnen traf Hartmann am 26. Jänner 1943. Sieben Tage später sollten die Waffen verstummen: Am 2. Februar gab die deutsche Wehrmacht ihre Kapitulation bekannt - und trieb ihren „Führer“, Adolf Hitler, in einen Wutanfall.

Es war der 13. September 1942, als die Deutschen den Intensivangriff auf das südrussische Stalingrad begannen - und den ersten Schritt in die „schicksalreichste Schlacht des Krieges“ setzten, wie es die nationalsozialistische Propaganda im Dritten Reich kundtat. Zunächst schien das Unterfangen erfolgreich: Binnen weniger Stunden rückte die Wehrmacht, in deren Reihen sich tausende Österreicher befanden, nahe zur Wolga vor. Fortan sollte um jedes Haus, jedes Stockwerk, jeden Zugang zur Kanalisation brutal gekämpft werden. Gassen und Plätze wurden vermint, in Mauernischen wurden Scharfschützen postiert.   

In den ersten Novemberwochen hatten die Wehrmacht und ihre Verbündeten fast die ganze Stadt erobert. Eine Schmach, der sich der sowjetische Diktator Josef Stalin nicht fügen wollte. Tausende sandte er unnachgiebig zur Verteidigung der Stadt, die seinen Namen trug, in den sicheren Tod. Ein blutiger Plan, der ihm letztlich den Sieg bringen sollte.

„Die Armee hält ihre Position bis zur letzten Patrone“

Zuvor aber sollten der Wehrmacht nicht nur ihre dünne Kleidung im russischen Winter, sondern auch Versorgungsengpässe zu schaffen machen. Die Worte „im Dienst erfroren“ füllten etliche Spalten der akribisch geführten deutschen Listen. Zu den körperlichen Strapazen mengten sich Demoralisierung, Hoffnungslosigkeit, Depression - auf allen Ebenen. Doch das Führungshauptquartier lehnte jegliches Zurückweichen ab: „Die Armee hält ihre Position bis zur letzten Patrone“, lautete die Order.

Gezwungen optimistisch funkte Friedrich Paulus, Oberbefehlshaber der VI. Armee, am Abend des 29. Jänner nach Berlin: „Zum Jahrestag Ihrer Machtergreifung grüßt die VI. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der Hoffnungslosigkeit nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil, mein Führer.“ Hitler antwortete ungerührt, indem er den „Oberbefehlshaber der ruhmreichen VI. Armee, den heldenhaften Verteidiger von Stalingrad“ Paulus zum Generalfeldmarschall ernannte.

Und damit indirekt den Heldentod nahelegte. Denn nie zuvor hatte sich ein preußisch-deutscher Feldmarschall dem Feind ergeben. Dass Paulus diesem Wink folge leisten werde, schien sich Berlin so sicher zu sein, dass noch am 31. Jänner im offiziellen Wehrmachtbericht (der über den „Reichsfunk“ ausgestrahlt wurde) festgehalten wurde: „Die unter persönlicher Führung des Generalfeldmarschalls Paulus heldenhaft kämpfende südliche Kampfgruppe wurde auf engsten Raum zusammengedrängt und leistet den letzten Widerstand.“

„Russe steht vor der Tür – wir bereiten Zerstörung vor“

Die Lage in Stalingrad aber entwickelte sich gänzlich anders, als es die Führungsriege vorgesehen hatte. Tatsächlich wurde um halb acht Uhr früh desselben Tages aus Stalingrad gefunkt: „Russe steht vor der Tür. Wir bereiten Zerstörung (der Chiffrierapparaturen und Funkgeräte, Anm.) vor.“ Ein Zeitpunkt, zu dem Generalmajor Fritz Roske bereits Kontakt zu den Sowjets aufgenommen hatte – und mit diesen eine Kapitulation ausverhandelte. Paulus befand sich im Nebenraum.

Die Einigung stand bald darauf: Eine formale Kapitulation wurde von den Sowjets nicht verlangt, ihnen genügte die Formulierung, die VI. Armee habe „den Kampf eingestellt“. Paulus und seine Generäle gingen alsdann als „Privatpersonen“ in die Kriegsgefangenschaft. Die rote Propaganda wusste diesen Schritt freilich breiter auszuwalzen – und den „Führer“ in einen Wutanfall zu treiben. „Die haben sich da absolut formgerecht übergeben“, soll Hitler zweieinhalb tausend Kilometer weiter im Westen des Kontinents geschrien haben.

Ändern konnte er an dem Entschluss freilich nichts mehr: Am 2. Februar gab die Wehrmacht offiziell auf. Rund 108.000 Mann kamen in Kriegsgefangenschaft, aus der nach 1945 nur noch wenige tausend zurückkamen. Historiker schätzen den Gesamtverluste auf deutscher Seite zwischen 250.000 und maximal 300.000 Tote. Auf Seiten der Sowjetunion dürfte die Zahl etwa 1,2 Millionen ausmachen. Zusammengerechnet ergeben die Zahlen eine der opferreichsten Schlachten der Weltgeschichte.

Russisches Militärarchiv gibt Namenslisten preis

Mehr noch: Bis heute liegt das Schicksal Tausender im Dunkeln, unter ihnen auch viele Österreicher. „Von den 4000 bis 5000 wissen wir, dass es einen Teil davon gibt, die bei uns als vermisst gelten“, sagt der Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, Stefan Karner, anlässlich des Jahrestages dem ORF-Radio. „Von einem Teil wissen wir nicht einmal den Namen.“ Nicht ungewöhnlich, möchte man meinen, versetzt man sich 75 Jahre zurück. „Die sowjetischen Behörden und Lagerverwaltungen waren völlig überfordert mit 90.000 Menschen, die noch dazu natürlich von der Schlacht gezeichnet waren, die sich kaum noch hinschleppen konnten. Viele konnten noch irgendwie registriert werden, andere konnte man gar nicht mehr registrieren“, schildert Karner.

Für die Hinterbliebenen, die die Suche trotz der verstrichenen Jahrzehnte nicht aufgegeben haben, könnte sich nun aber eine Möglichkeit auftun, doch noch Informationen über ihre Ahnen zu erlangen: Das Russische Staatliche Militärarchiv stellte dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz erstmals die Namenslisten jener Kriegsgefangenen zur Verfügung, die unmittelbar vor oder nach dem Ende der Schlacht verstorben sind.

Drei Namen, eine Stadt

Zarizyn lautete der erste, aus dem Tatarischen abgeleitete Name des heutigen Wolgograd. Offiziell erwähnt wurde er erstmals am 2. Juli 1589, als die Stadt als russische Festung gegen aus dem Süden drängende Nomaden gegründet wurde. Die Bezeichnung leitet sich von einem Nebenfluss der Wolga ab.

Die Umbenennung der sich über 60 Kilometer entlang der Wolga erstreckenden Stadt in Stalingrad erfolgte nach dem Russischen Bürgerkrieg am 10. April 1925.

Im Spätsommer 1942 wurde die Stadt zum Schauplatz erbitterter Kämpfe der Sowjettruppen gegen die Deutschen. Nach rund 200 Tagen ging die UdSSR im Februar 1943 siegreich aus der extrem brutalen Schlacht hervor, etwa 108.000 Deutsche wurden gefangen, nur etwa 6000 sollten nach 1945 heimkehren.

Seit 7. November 1961 lautet der Stadtname Wolgograd. Mit einer Ausnahme: 2013 wurde in Erinnerung an die Kapitulation der deutschen Truppen für wenige Tage die Bezeichnung »Heldenstadt Stalingrad« erlaubt.

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