Heute vor 100 Jahren: Eingeschneit!

Schließung der Schulen in Wien. Einstellung des gesamten Verkehres zwischen der Czechoslowakei und Oesterreich. Unmöglichkeit der direkten Fahrt nach Budapest.

Neue Freie Presse am 16. Feburar 1919

Ein alter Vers aus der achtundvierziger Zeit ist uns in Erinnerung geblieben, er lautet etwa: "Hurra, das ist ein fröhlich Jahr, das ist ein stolzer Februar!" ... Dieser wohlgemeinte Ruf der Freude - wir können im Augenblick nicht sagen, ob verfaßt von Freiligrath oder von Herwegh - er gewinnt den Anstrich des grimmigsten Hohnes, wenn man ihn auf unsere Gegenwart bezieht. Dazu sind also fünfzehn Jahre vergangen seit dem Weltzusammenstoß, dazu sind so viele Tränen geflossen unter tausendfacher Entbehrung, soviel Lebenslust erloschen durch die unermessliche Gewalt des Uebels, damit jetzt die Natur das vollende, was der böse Wille der Menschen noch übriggelassen hat!

Ein Kriegsspiel des Wettergottes wird da aufgeführt, und wir können nur wie gescheuchte Ameisen in angstvollem Gewimmel danach streben, die Gebrechen unserer Wirtschaftsorganisation, geschlagen von einem übermächtigen Feinde, wieder gutzumachen und Stück für Stück die Wunden wieder zu schließen. Nicht mehr die Kälte ist es jetzt, die uns verstört und entmutigt, der unermeßliche Schneefall übersteigt jede Erwartung. Die Züge auf beinahe allen Strecken können nicht vorwärts, und besonders die Verbindung mit der Czechoslowakei, der Stätte unseres Heizmaterials, versagt vollkommen. Auch der Verkehr mit Budapest ist gelähmt, Deutschland ist selber mitten drin in der Kohlelosigkeit, und so wurden gestern die Behörden in Wien gezwungen, einschneidende Maßnahmen zu veranlassen, damit nicht der Bedarf ohne jegliche Deckung bleibe und damit schreckliche Armut die Bevölkerung errege.

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