Heute vor 100 Jahren: Staatskanzler Renner über den Putschversuch von Wien

“Die politische Einsicht der Wiener organisierten Arbeiterschaft hat über die skrupellose Abenteuerlust einzelner Agitatoren den Sieg behalten”, sagt Renner dem Korrespondenten der Zeitung.

Neue Freie Presse am 20. Juni 1919

Staatskanzler Dr. Renner, auf dessen Schultern die schwere Bürde der Friedensverhandlungen in Saint-Germain lastet, hatte die große Freundlichkeit, Ihren Korrespondenten heute abend im Garten der Villa Reinach zu empfangen und sich zu ihm über die Wiener Ereignisse der letzten Tage wie folgt zu äußern:

“Es ist mir natürlich schwer, ein unbedingtes Urteil über die Vorgänge abzugeben, die ich nur aus knappen Berichten und zum Teil tendenziösen Meldungen ausländischer Zeitungsagenturen kenne. Obendrein ist durch eine atmosphärische Störung des Telegraphenverkehres die Verbindung mit Wien mehr als 24 Stunden unterbrochen gewesen. Soviel ich sehen kann, hat die politische Einsicht der Wiener organisierten Arbeiterschaft über die skrupellose Abenteuerlust einzelner Agitatoren und über die Unbesonnenheit ihrer Gefolgschaft den Sieg behalten und aller Voraussicht nach wird sich auch daran in Zukunft nichts ändern. Ich glaube, es aussprechen zu können, daß es nicht die in den Händen der Staatsorgane befindlichen Machtmittel, sondern die Gesinnung des Volkes selbst ist, die die Pläne der Kommunisten vereitelt hat.

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