Heute vor 90 Jahren: Ein spätes Nachspiel zum Prozeß Oscar Wildes

Der Prozeß über die Homosexualität des berühmten Schriftstellers findet eine Verlängerung, weil sein früherer Liebhaber sich verleumdet fühlt.

Neue Freie Presse am 23. Oktober 1928

Unser Londoner Korrespondent schreibt: Vor dem Londoner Obergericht King's Bench Division wurde soeben ein Verleumdungsprozeß durchgeführt, der in der englischen Oeffentlichkeit, namentlich in literarischen und gesellschaftlichen Kreisen, allgemeine Aufmerksamkeit erweckt. Denn in seinem Mittelpunkte stand Lord Alfred Douglas, derselbe, dessen "Freundschaft" mit Oscar Wilde den Dichter in Not und Tod getrieben hat.

Und von jenem anderen berühmten Verleumdungsprozeß, den Wilde gegen den Marquis Queensbury, den Vater des Lord Alfred Douglas, angestrengt und verloren hatte, nahm das jetzige Verfahren gewissenmaßen seinen Ausgang. Wilde hatte dann in Reading seine zweijährige Haft abgesessenen und war nach Paris gezogen. Dort lernte er unter anderm einen Schriftsteller augenscheinlich amerikanischer Herkunft namens Harris Frank kennen, der nach dem Tode des Dichters ein zweibändiges Werk unter dem Titel: "Oskar Wilde. Sein Leben und seine Bekenntnisse" in Amerika drucken ließ und augenscheinlich auch dort verbreitete. Dieses Werk war aber keine Biographie des Dichters, sondern mehr eine Darstellung der Einzelheiten seiner angeblichen Lebensführung, wobei wiederholt auch der Name des Lord Alfred Douglas figuriert. Es wird ihm unter anderm der Vorwurf gemacht, daß er seinen Freund in der erbärmlichsten Weise im Stich gelassen habe.

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