Heute vor 90 Jahren: "Weltrekord" im Klavierspiel

Der Wiener Barpianist Geza Ledofsky spielt fast 76 Stunden.

Neue Freie Presse am 22. April 1929

Der Wiener Barspieler Geza Ledofsky hat seinen Vorsatz ausgeführt und den "Weltrekord" des Amerikaners Kemp, der 75 Stunden lang am Klavier spielte, erreicht und überboten. Ledovsky gelang es heute nacht, die fünfundsiebzigste Stunde zu spielen und noch weitere vierzehn Minuten durchzuhalten. Dann machte er eine Pause von fünfzehn Minuten und spielte später noch kurze Zeit weiter, so daß er insgesamt 75 Stunden und 47 Minuten fast ohne Pause durchgespielt hat.

Ledofsky befand sich den ganzen gestrigen Tag über äußerst wohl, schier in besserer Kondition als am Samstag, insbesondere am Freitag abend, an dem es ihm etwas schlecht gegangen war. Damals erlitt er auch den einzigen Schwächeanfall, so daß ihm eine Koffeininjektion und Kola verbrecht wurde. Gestern fanden ihn die Aerzte, die ihn dauernd beobachteten, völlig gesund und konstatierten am Abend, daß Puls und Blutdruck vollkommen normal waren. Ledofsky sah wohl schläfrig, aber nicht ermattet aus. Er spielte im allgemeinen in ruhigem Tempo, meist Walzer und Boston, und nur von Zeit zu Zeit steigerte er sein Spiel zu kräftigerem Anschlag und zu lebhafterer Melodie. Er wurde durch die vielen Besucher stets bei guter Stimmung gehalten. Im Laufe des gestrigen Tages erschienen die Minister Schürff und Schmitz, ferner (Baron) Rothschild. Außerdem kamen immer wieder Musiker und Sänger, ließen sich von Ledovsky am Klavier begleiten und sangen und spielten Geige. Das Publikum, das gegen Abend stark zunahm, trug ebenfalls zur Aufmunterung bei und wurde, ebenso wie Ledofsky, wiederholt photographiert und gefilmt. Als es gegen 11 Uhr nachts ging und die Erreichung des Rekords bevorstand, war der große Saal im Hotel Continental so überfüllt, daß der weitere Einlaß sistiert werden mußte. Auf der Taborstraße warteten noch viele Neugierige, um Kunde vom jüngsten Wiener "Weltrekord" zu erhalten.

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