50. Todestag

Bobby Kennedy: "Es war, als würde mit ihm die Hoffnung sterben"

Die USA waren tief gespalten, als Bobby Kennedy sich aufmachte, eine sozialere Politik zu propagieren. Sein Weg zur Präsidentschaftskandidatur wurde vor 50 Jahren von einer Kugel verhindert; eine neue Netflix-Serie beleuchtet den Mythos RFK.

ROBERT KENNEDY WITH PRESIDENT JOHN F KENNEDY JFK AT WHITE HOUSE IN WASHINGTON 15 MAY 1963 Copyr
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Robert Francis Kennedy (l.) und sein Bruder, Präsident John Fitzgerald Kennedy: erschütterte Leben – (c) imago/United Archives International

"Er war sich dessen bewusst, dass er jeden Tag erschossen werden könnte": Das erzählen Wahlhelfer und Vertraute aus der Zeit, in der sich Robert Francis Kennedy als demokratischer Präsidentschaftskandidat beworben hatte. Es sollte auch so kommen. Am 5. Juni 1968 wurde Kennedy nach einer Wahlkampfveranstaltung im Ambassador Hotel in Los Angeles erschossen.

Mit seiner Ermordung starben auch die politischen Träume von Millionen Amerikanern. So geht zumindest die Erzählung: Bobby Kennedy, der Milliardärssohn von der Ostküste, wird zum Robin Hood der Armen Amerikas, ehe er durch eine Kugel fällt. Die vierteilige Dokumentation "Bobby Kennedy for President" des Online-Filmportals Netflix räumt nun, 50 Jahre nach der Ermordung Bobby Kennedys, unter anderem mit diesem Mythos auf.

Kennedy sei bei weitem nicht der Wunschkandidat des demokratischen Establishments gewesen, heißt es da, und auch nicht der liberalen Seite der Partei. Dass der Bruder des 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy sich auch nach dessen Amtszeit, in der er als Justizminister gedient hatte, als rising star der demokratischen Partei positionierte, passte den Parteifunktionären so ganz und gar nicht. Wieder ein reicher junger Mann, der glaube, die Welt verändern zu müssen, habe der Tenor gelautet.

Vom Tod des Bruders gezeichnet

Tatsächlich porträtiert die Doku-Serie Bobby Kennedy als vom Tod seines Bruders Gezeichneten, der lange gegen seinen Drang kämpft, auch nach den Schüssen von Dallas Politik zu machen; als depressiv, als nachdenklich. Lang vorbei scheinen die Tage der Aufbruchsstimmung, in denen Bobbys Justizressort sich auf die Seite der Bürgerrechtsbewegung stellte, während seine Kinder mit den Cousins im Springbrunnen des Weißen Hauses plantschten.

Erst allmählich scheint sich Bobby schließlich dem Lauf der Dinge hinzugeben. Die Serie zeigt ihn dabei als campaigner im besten Sinne, der quer durch die Bundesstaaten der USA reist, um Aktivisten zu treffen und ausgehungerte Schulkinder aufzumuntern. Armut, Rassismus, Waffengesetze, Bürgerrechte waren die Schlagworte der Bobby-Kennedy-Kampagnen – und schließlich auch seiner schicksalhaften Bewerbung um das demokratische Präsidentschafts-Ticket 1968.

Wie Barack Obama

Originalbilder aus der Zeit zeigen die Faszination, die der jüngere Kennedy auf seine Anhänger ausübte: Hunderte Menschen folgten bei Wahlveranstaltungen seinem Cabrio, um ihn zu berühren. Einer seiner Sicherheitsleute musste ihm dabei einen Arm um die Hüfte legen, um zu verhindern, dass ihn die Leute aus dem Fahrzeug reißen würden. Die Begeisterung der Menschen lässt Erinnerungen an den Wahlkampf von Barack Obama 2008 wach werden: Auch Bobby Kennedy verkörperte 40 Jahre zuvor hope, Hoffnung, und change, Veränderung.

Omaha Nebraska Despite a downpour Senator Robert Kennedy campaigns in an open car in Omaha s north
Omaha Nebraska Despite a downpour Senator Robert Kennedy campaigns in an open car in Omaha s north
Senator Robert Kennedy während seines Präsidentschaftswahlkampf 1968 in Nebraska. Jubelnde Menschen begleiten sein Fahrzeug – imago/United Archives Internatio

Die USA waren nach der Ermordung Jack Kennedys ein in sich gespaltenes Land: Einerseits tobte der verlustreiche Krieg im Vietnam, andererseits zerrissen Rassismus und Armut unter Minderheiten das Land von innen heraus. Für viele Amerikaner war der Bruder des toten Präsidenten ein Politiker der neuen Generation – und derjenige, der das Land wieder einen sollte.

Ein erster Schritt aus dem traurigen Schatten des großen Bruders war Bobby Kennedys Bewerbung für das Senatorenamt von New York – die er, allen Widersprüchen zum Trotz, gewann. Als Senator rief er den „War on Poverty“, den Krieg gegen die Armut, aus und setzte sich dafür ein, dass auch arme Afroamerikaner von Hilfsprogrammen profitierten, von denen sie davor zum Teil ausgeschlossen gewesen waren. Sein Mitgefühl und seine Empathie überzeugten immer mehr Wähler - und besonders die Art und Weise, wie er mit Kindern umging, begeisterte die Öffentlichkeit. Wie sollte es auch anders sein: Bobby und seine Ehefrau Ethel Skakel waren selbst Eltern von elf Kindern.

Kennedy verschrieb sich einer zugänglichen Sozialpolitik und einer Gleichstellung aller Amerikaner – die damals noch oftmals in zutiefst rassistischen Umständen leben mussten. In seiner Präsidentschaftskampagne betonte Kennedy auch einen von ihm gewünschten Paradigmenwechsel in der Außenpolitik seines Landes – die USA sollten kein Aggressor mehr sein.

„Was wir brauchen, ist nicht mehr Spaltung“

Die Nominierung als demokratischer Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen 1968 war Kennedy dennoch nicht sicher. Sowohl der Establishment-Kandidat Hubert Humphrey und der Favorit der Anti-Kriegs-Lobby, Senator Eugene McCarthy, waren starke Gegenkandidaten für Kennedy, dem man Opportunismus unterstellte. Auf der Straße zählten diesen Parteiinterna freilich wenig: Bobby war nun einmal ein Kennedy, und die Begeisterung bei seinen Besuchen war groß - genauso wie der Ärger, der ihm entgegenschlug.

 

Die Magie der Kennedys war jedenfalls auch Bobby sicher. Unmittelbar nach dem tödlichen Attentat auf Martin Luther King im April 1968 sagte Kennedy in einer spontanen Rede in Indianapolis: „Was wir brauchen, ist nicht mehr Spaltung, Hass oder Gewalt – sondern Liebe, Weisheit und Zuwendung.“ Die Gewalt machte dennoch nicht vor ihm Halt. Nur zwei Monate später, nach einer gewonnenen Vorwahl in Kalifornien, erschoss ihn der 24-jährige Palästinenser Sirhan Bishara Sirhan. Er hielt ihn für mitschuldig an der Unterdrückung der Palästinenser. Kennedy hatte sich diesbezüglich nie eindeutig geäußert. Juan Romero, der 17-jährige Immigrant, der nach den Schüssen Kennedys Kopf in den Händen hielt, meint 50 Jahre nach dem Attentat: „Es war, als würde mit ihm alle Hoffnung sterben.“

Senator Robert F Kennedy lies on the floor of the Ambassador Hotel in Los Angeles shortly after midn
Senator Robert F Kennedy lies on the floor of the Ambassador Hotel in Los Angeles shortly after midn
Robert Kennedy liegt nach dem Attentat schwer verletzt am Boden in der Küche des Ambassador Hotel in Los Angeles. – imago/United Archives Internatio

Tipp

Die vierteilige Doku-Serie "Bobby Kennedy for President" ist am 27. April 2018 beim Online-Streamingportal Netflix erschienen.

Sie zeigt historische Aufnahmen, einflussreiche Stimmen der Ära und analysiert den politischen Aufstieg des Justizministers, Senators und Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy in den 1960er-Jahren.

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