Friedensverträge als Keimzelle für einen neuen Krieg

Versailles, St. Germain, Trianon, Neuilly, Sevres: Die fünf Namen gelten als Synonym für das "Friedensdiktat" nach dem Ersten Weltkrieg, das neue Konflikte zwischen den Staaten schürte. Es umfasste Gebietsverluste, Entmilitarisierung und Strafzahlungen.

Verhandlungen über den Frieden in Versailles
Verhandlungen über den Frieden in Versailles
Verhandlungen über den Frieden in Versailles – (c) imago

Der Erste Weltkrieg wurde durch die Pariser Friedensverträge beendet. In den Jahren 1919 und 1920 verhandelten die Siegermächte in mehreren Pariser Vororten mit den Verlierern. Das "Friedensdiktat" sah harte Bedingungen wie Gebietsabtretungen, Entmilitarisierung und Reparationszahlungen vor. Ohne die bestehenden zu lösen, schuf es neue Konflikte und legte in diesem Sinne gewissermaßen die Grundlage für den Zweiten Weltkrieg.

Die Friedenskonferenz wurde am 18. Jänner 1919 in Paris unter Anwesenheit von 27 Staaten eröffnet, die im Ersten Weltkrieg dem Deutschen Reich und zum Großteil auch Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt hatten. Zunächst verhandelten die Siegermächte untereinander. Erst am 7. Mai 1919 wurden Deutschland als erstem Staat die Friedensbedingungen überreicht.

Radikale Neuordnung der Staatenwelt

Da die Friedensverträge nicht an einem Ort allein ausgearbeitet werden konnten, wurden Schlösser in den Pariser Vororten aufgeboten: Versailles (für das Deutsche Reich), St. Germain (für Österreich), Trianon (für Ungarn). Der Friedensvertrag für Bulgarien wurde in Neuilly, jener für das Türkische Reich in Sevres ausgearbeitet. Zum Unterschied vom Wiener Kongress 1814/15 ging es nicht um eine Wiederherstellung der alten Ordnung, sondern um eine radikale Neuordnung der europäischen Staatenwelt auf Kosten der zusammengebrochenen Mittelmächte.

Bis zum 28. Juni 1919, dem Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrags mit dem Deutschen Reich, gab es 1646 Sitzungen von 58 Kommissionen. Das Hauptberatungsgremium, der Rat der Zehn (die Regierungschefs und Außenminister von USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan) trat 72 Mal zusammen, der Rat der Großen Vier 145 Mal. Die Vollversammlung der alliierten und assoziierten Mächte hielt acht Sitzungen ab.

David Lloyd George (Großbritannien), Minister Vittorio Emanuele Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich), Woodrow Wilson (USA) in einer Pause der Friedensverhandlungen in Versailles.
David Lloyd George (Großbritannien), Minister Vittorio Emanuele Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich), Woodrow Wilson (USA) in einer Pause der Friedensverhandlungen in Versailles.
David Lloyd George (Großbritannien), Minister Vittorio Emanuele Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich), Woodrow Wilson (USA) in einer Pause der Friedensverhandlungen in Versailles. – (c) imago/UIG

Parallel zu den Arbeiten an den Friedensverträgen wurde auch an der Satzung des von US-Präsident Woodrow Wilson vorgeschlagenen Völkerbundes gefeilt. Dieser Zusammenschluss aller Staaten sollte den Weltfrieden und die territoriale und politische Unabhängigkeit der Staaten erhalten. Am 28. April wurde die aus 26 Artikeln bestehende Satzung des Völkerbundes durch die Vollversammlung der Friedenskonferenz angenommen, zwei Monate später, am 28. Juni 1919 wurde diese Satzung durch die Gründerstaaten unterzeichnet. Sie wurde in die Friedensverträge mit den ehemaligen Mittelmächten aufgenommen.

Deutschland verlor mit dem Vertrag von Versailles rund ein Zehntel seines Staatsgebietes, darunter Elsass-Lothringen, aber auch seine Kolonien. Das Saargebiet, das Rheinland sowie Danzig wurden der deutschen Kontrolle entzogen, die großen Schifffahrtswege wurden internationalisiert. Die Armeestärke wurde auf 100.000 Mann beschränkt, außerdem musste das Deutsche Reich Reparationen von mindestens 20 Milliarden Goldmark (7000 Tonnen Gold) zahlen.

Die österreichische Frage wurde erst im Mai 1919 zum Thema, nach dem Abschluss der Beratungen über das Deutsche Reich. Grundsätzlich lehnten Österreichs Vertreter die Verantwortung für den Krieg ab, doch war diese Argumentation eher kontraproduktiv. Immer wieder wurden Detailfragen behandelt, etwa das Problem der auf vier Staaten verteilten Südbahngesellschaft oder die angeblich von Paris geplante Verschleuderung von Kulturgut. Besonders Wilson wandte sich energisch gegen verschiedene, bis in das 18. Jahrhundert zurückreichende Forderungen Italiens nach in Österreich befindlichen Kulturgütern. Auch die katastrophale Wirtschafts- und Ernährungslage in Österreich und ganz Mitteleuropa stand zur Debatte.

Die aus der Donaumonarchie hervorgegangenen Staaten legten eine starke Ablehnung gegenüber Wien an den Tag. In den Gebietsverhandlungen wurden sie zu Vertretern historischer Grenzen, während die deutschösterreichischen Politiker auf das nationale Selbstbestimmungsrecht pochten.

Drohung mit Stopp von Lebensmittel- und Kohlelieferungen

Auf scharfe Ablehnung in Paris und Prag, später aber auch in London, Rom und Belgrad stieß der österreichische Wunsch, sich Deutschland anzuschließen. Für diesen Fall wurde mit dem Stopp von Lebensmittel- und Kohlelieferungen gedroht. Erfolge sollte Österreich nur in der Burgenland-Frage (auf Kosten Ungarns) und in der Kärntner Frage (auf Kosten Jugoslawiens) erzielen. Dies gelang mit Unterstützung Italiens, das an einer Schwächung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) interessiert war.

Am 6. April 1919 kamen die Mächte überein, die Untersteiermark einschließlich der Region Marburg (Maribor) dem SHS-Königreich zu überlassen. Am 22. April vereinbarten sie, das Deutsche Reich in Artikel 80 des Versailler Friedensvertrags zur Anerkennung der Unabhängigkeit Österreichs zu verpflichten. Damit war die vom österreichischen Außenminister Otto Bauer zuvor in Berlin ausverhandelte Anschlusspolitik gescheitert.

Südtirol war de facto verloren, da Italien auf der Erfüllung der alliierten Versprechungen im Londoner Geheimvertrag von 1915 bestand. US-Präsident Wilson sprach am 24. April 1919 das Gebiet südlich des Brenners definitiv Italien zu. Doch es hätte noch schlimmer kommen können für Österreich, schließlich hatte etwa die Tschechoslowakei zunächst einen "slawischen Korridor" nach Slowenien gefordert.

Zustimmung "unter feierlichem Protest vor aller Welt"

Der Vertrag von St. Germain wurde dem österreichischen Staatskanzler Karl Renner am 2. September 1919 zur Unterfertigung überreicht. In einer Begleitnote äußerte sich der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau scharf zum Versuch Österreichs, sich der Verantwortung für den Krieg zu entledigen. Er wies darauf hin, dass der Krieg "im Augenblick seiner Erklärung in Wien stürmisch begrüßt" worden sei und das österreichische Volk "vom Beginn bis zum Ende sein glühender Parteigänger" gewesen sei. Bis zur Niederlage habe es "nichts getan, um sich von der Politik seiner Regierung und seiner Verbündeten zu trennen".

Nachdem die österreichische Nationalversammlung dem Friedensvertrag mit den Stimmen von Christdemokraten und Sozialdemokraten "unter feierlichem Protest vor aller Welt" zugestimmt hatte, unterzeichnete Renner ihm am 10. September in St. Germain. Mit dem Inkrafttreten des Vertrags am 16. Juli 1920 wurde die Österreichisch-Ungarische Monarchie endgültig Geschichte.

In der Folge wurden auch noch die Friedensverträge mit Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich geschlossen, die ebenfalls massive Gebietsabtretungen vorsahen. Im Vertrag von Neuilly-sur-Seine, unterzeichnet am 27. November 1919, verlor Bulgarien seinen Zugang zur Ägäis. Der Vertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 bedeutete den Verlust von zwei Drittel des Staatsgebietes für Ungarn zugunsten der Tschechoslowakei, Rumäniens, Jugoslawiens sowie Österreichs (Burgenland). Der Vertrag von Sevres vom 10. August 1920 stutzte das Osmanische Reich auf die Grenzen der heutigen Türkei zusammen, London und Paris übernahmen die Verwaltung der bisherigen osmanischen Besitzungen im Nahen Osten.

(APA)

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