Agentenstadt Wien - eine Chronologie brisanter Spionagefälle

Schon nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und während des Kalten Kriegs galt Wien als Hochburg der Geheimdienste. Ein Überblick über die prominentesten Agentenfälle auf österreichischem Boden.

Blick auf die ''Spionagehochburg'' Wien
Blick auf die ''Spionagehochburg'' Wien
Blick auf die ''Spionagehochburg'' Wien – (c) Clemens Fabry (Presse)

Wien spielte seit jeher eine gewichtige Rolle in der Welt von Geheimdiensten. Doch warum gerade Österreichs Hauptstadt? Zum einen, weil die Republik offiziell neutral ist, zum anderen aufgrund der geografischen Lage im Herzen Europas. Zum dritten, weil hier etliche internationale Organisationen ihren Sitz haben. Perfekte Möglichkeit also, um als „Umschlagplatz für nachrichtendienstliche Informationen“ zu dienen, wie Österreichs Verfassungsschutz 2011 in einem Bericht festhielt. Der Grazer Spionageforscher Siegfried Beer schätzte die Zahl der in Wien tätigen Spione 2014 auf zumindest 7000. Einer davon wurde nun enttarnt: Ein Salzburger soll jahrelang Informationen nach Moskau geliefert haben. Wie mit dem Bundesheeroffizier verfahren wird, ist offen. Denn: Normalerweise wird in Wien eher von „Ausländern“ spioniert, nicht von „Inländern“ für das Ausland. Doch es gibt Ausnahmen.

Ein Rückblick auf die prominentesten Spionagefälle auf österreichischem Boden:

Die USA schätzten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zu Beginn des Kalten Krieges, dass für Geld, Alkohol und Zigaretten jeder zehnte Österreicher als Informant zur Verfügung stehen würde. Auch Leopold Figl, von 1945 bis 1953 Kanzler der Republik, werden gemeinsame Frühstücke mit US-Agenten nachgesagt.  Der größte Coup der westlichen Besatzungsmächte ging als „Operation Silver“ in die Annalen ein: Briten und Amerikaner gruben einen Tunnel unter die sowjetische Besatzungszone Wiens und zapften eine Telefonschaltstelle der Militärführung an. Die Methode bewährte sich – bis der Tunnel einstürzte.

Die einstige Monarchie setzte im 19. Jahrhundert auf die geheime Beschaffung von Informationen, um ihre Stellung als Großmacht halten zu können: Das Evidenzbüro war seit 1850 bestrebt, Kundschafter in allen Ecken des Reiches zu postieren, die dem Kaiser persönlich über Gehörtes und Gesehenes berichteten. 1913 fiel den Agenten ein Brief mit Geld und eigentümlichen Notizen in die Hände.

Als der Empfänger die Sendung abholte, trauten die Beamten ihren Augen kaum: Es handelte sich um ihren ehemaligen Chef, Oberst Alfred Redl. Der einstige Vize-Leiter des Evidenzbüros und Mitglied des Generalstabs hatte dem Zarenreich unter anderem Schlachtpläne übermittelt. Die Legende besagt, dass Max Ronge, Leiter des Büros, Redl daraufhin einen Revolver und Gift gegeben haben. Tags darauf wurde Redls Leiche gefunden. Er hatte sich erschossen - und wurde in den Medien umgehend zum Sündenbock stilisiert. So kommentierte etwa die „Neue Freie Presse" am 30. Mai 1913: „Die Schmach aus seinem Andenken kann auch vom Selbstmord nicht verlöscht werden."

>>> Fall Redl: Der Sturz des „Königs der Vaterlandsverräter“

Einer der bekanntesten Spionageskandale der Zweiten Republik ereignete sich 1968: Damals wurde Josef Adamek enttarnt. Er arbeitete für den Geheimdienst der Tschechoslowakei (CSSR) – jedoch unfreiwillig, wurde er  doch mit Beweisen über außereheliche Abenteuer erpresst. Ebenfalls 1968 nahm die Polizei den Ex-Staatspolizisten Johann Ableitinger in Gewahrsam, alsbald wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch er hatte der CSSR sensible Daten aus Melderegistern, von der Fremdenpolizei und aus Verhören von Flüchtlingen aber auch an den deutschen Bundesnachrichtendienst BND verkauft.

Dritter Fall, selbes Jahr: Alois Euler, seines Zeichens Pressereferent des damaligen Innenministers Franz Soronics, versorgte Prag jahrelang mit Staatsgeheimnissen, bis er 1968 verhaftet und zu drei Jahren Kerkerhaft verurteilt wurde. Ebenfalls nach Prag gingen Informationen, die Karl Erwin Lichtenecker, ebenfalls Mitarbeiter im Bundespressedienst, aus dem Bundeskanzleramt abzweigte. Als Ort der Übergabe fungierte ein toter Briefkasten bei öffentlichen Toiletten am Hohen Markt.

Der brisanteste Fall aber drehte sich um den einstigen Wiener SPÖ-Bürgermeister Helmut Zilk – alias „Holec“. Unter diesem Decknamen soll Zilk zwischen 1965 und 1968 dem tschechoslowakischen Geheimdienst „Statni Bezpecnost“ Informationen über Bruno Kreisky und die ÖVP- Alleinregierung unter Josef Klaus geliefert haben. Die Vorwürfe sind bis heute nicht bestätigt, Zilk selbst bestritt sie Zeit seines Lebens vehement. Allerdings: Es heißt, die Staatspolizei soll Bescheid gewusst haben. Warum sie ihn dann nicht auffliegen ließ? Darüber wird bis heute spekuliert. Eine These lautet, dass Zilk Doppelagent gewesen sein könnte und auch den US-Geheimdienst mit Informationen über die damalige CSSR versorgt haben könnte.

Bis zu seinem Tod 1988 soll der SPÖ-Bibliothekar Richard K. für den Geheimdienst Ungarns sowie später auch für jenen der Tschechoslowakei gearbeitet haben – seine Berichte, darunter interne Telefonbücher, wurden laut Berichten der „Kronen Zeitung“ und des „profil“ 2016 zufällig durch einen ungarischen Historiker im Historischen Archiv des Nachrichtendienstes entdeckt. Nicht bestätigt ist indes der Fall des Physikers Engelbert Broda, Bruder des späteren Justizministers Christian Broda (SPÖ). Er soll im russischen KGB eine gewichtige Position inne gehabt und während seines Exils in Großbritannien die Sowjets mit Geheimakten über die angloamerikanische Atomforschung gefüttert haben.

"In Wien ist der bedeutsam, der viel zu flüstern weiß"

Übrigens: Im Laufe der Jahrzehnte fungierte Wien auch als eine Art „Schule“ für später in höchste Funktionen aufgestiegene Agenten. So soll Richard Helms unter anderem hierzulande Erfahrungen sowie Kontakte gesammelt haben, bevor er 1966 zum Chef der CIA avancierte – der erste Spion, der dieses Amt innehatte. Auch Viktor N. Andrianov, ehemaliger Spitzenmann des Moskauer militärischen Geheimdienstes GRU, soll in Wien geweilt haben.

Ob in naher Zukunft weitere Spionagefälle publik werden? Gut möglich. Immerhin sprechen Neutralität, geografische Lage und die Organisationenvielfalt nach wie vor für die kleine Metropole. Und: Die Wiener selbst tun es auch. So meinte der Journalist Emil Bobi anlässlich der Veröffentlichung seines Buches „Die Schattenstadt“ im Jahr 2014 treffend: „In Wien ist der bedeutsam, der viel zu flüstern weiß. Das Geheime gehört zum Kern der Gesellschaft.“ Anders ausgedrückt: „Wenn etwas Seltsames passiert, wenn etwas nicht erklärt werden kann und wenn diplomatische Verwicklungen und Spionage im Spiel sind, dann heißt es immer, das sei der österreichische Weg.“

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