Die HABSBURGISCHE Republik

Vergangenheit und Gegenwart. Vor 100 Jahren endete die Monarchie. Was ein Bruch hätte sein können, erwies sich vielmehr als Kontinuum. Die k. u. k. Zeit wirkt bis heute vielfältig nach.

Kinder in der k. u. k. Uniform während des Ersten Weltkriegs im Jahre 1916.
Kinder in der k. u. k. Uniform während des Ersten Weltkriegs im Jahre 1916.
Kinder in der k. u. k. Uniform während des Ersten Weltkriegs im Jahre 1916. – (c) Imago

Wenn es so etwas wie ein österreichisches Nationalepos gibt, dann ist es wohl Franz Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“. Zitate aus diesem Stück sind Teil des nationalen Sprachschatzes geworden. „Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde.“ Oder: „'S ist möglich, dass in Sachsen und beim Rhein es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen; allein, was not tut und was Gott gefällt, der klare Blick, der offne, richt'ge Sinn, da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die andern reden.“

Beschreibungen des Landes kommen auch heute noch selten ohne diese Zuschreibungen aus. Und es ist eben nicht nur eine Charakterstudie, sondern auch eine Legitimation der damaligen Herrscher, der Habsburger.
Bezeichnenderweise hat auch 100 Jahre nach Gründung der Republik kaum einer etwas daran auszusetzen. Die sanfte Revolution von 1918 wird auch nicht wirklich als Bruch mit der habsburgischen Vergangenheit wahrgenommen. Sondern als Übergang. Die Geschichte dieses Landes, von der Habsburger Herrschaft bis zur Republik des Jahres 2018, erscheint vielmehr eine der Kontinuität. Die Zäsur war der Nationalsozialismus, eine siebenjährige.

Und gerade nach dem Zweiten Weltkrieg war die Rückbesinnung auf die Habsburger-Zeit Teil der kollektiven Selbstvergewisserung. Die „Sissi“-Filme hatten jedenfalls ihre Wirkung. Die Verdrängung machte das Leben leichter.

Noch heute wirkt die Zeit der Habsburger nach. Sie hält – ökonomisch betrachtet – insbesondere in Wien einen Wirtschaftszweig, den Tourismus, am Laufen. Und sie hat nach der „Ostöffnung“ sicher auch den Schritt österreichischer Unternehmer in jene Länder, die früher teilweise oder ganz habsburgische Kronländer gewesen waren, begünstigt. Denn die Erfahrungen mit dem Kommunismus hatten auch dort zu einer gewissen Habsburg-Nostalgie geführt.

Vor allem von angelsächsischen Historikern wurde diese in den vergangenen Jahren dann noch verstärkt: vom Briten Simon Winder in „Danubia“ etwa oder vom Amerikaner Pieter M. Judson in „Habsburg – Geschichte eines Imperiums“. Die zentrale These lautet in etwa: Es war nicht alles schlecht im Habsburger-Reich. Ganz im Gegenteil. Die Integration von Menschen vielfältiger Herkunft – auch heute wieder ein großes Thema – sei da vergleichsweise gut geglückt. Vor allem mit dem Wissen von heute, über das, was danach kommen sollte, in der Zwischenkriegszeit, erstrahlt die k. u. k. Zeit beinahe als eine goldene Ära, in der jeder nach seiner Façon glücklich werden konnte. So wie es auch Stefan Zweig in seiner „Welt von gestern“ beschrieb.

Die Realität war natürlich auch im Imperium der Habsburger bedrückender. Vor allem für die entstehende Arbeiterklasse und Regimegegner. Aber für die adelige Oberschicht, das Bürgertum, für Künstler, für Aufstiegswillige, für Bauern mit Grund und Boden war es eine Zeit, in der man es sich – für die damaligen Verhältnisse – recht gemütlich einrichten konnte.

Und dieses Bild prägt den Blick auf die Epoche heute noch, mehr denn je möglicherweise. Die 640 Jahre währende Habsburgerherrschaft ist weit weg, sie kommt auch nicht wieder, also kann man sie nach Lust und Laune verklären.

Mit Ausstellungen, Büchern, Filmen etc. über Wien um 1900 lässt sich jede Menge Publikum gewinnen. Dies dient dem Selbstbild ebenso wie dem Fremdbild. Es ist die gute alte Zeit des FIN DE SIÈCLE mit seinen Exaltiertheiten unter dem gütigen Kaiser Franz Joseph.
Und auch jene, die dieser Tage den Nationalstaat überwinden wollen und eine Europäische Republik ausrufen, stellen die Brüsseler Bürokratie gern in die Tradition jener der Habsburger, die umsichtig ein Vielvölkerreich zusammenhielt. Der österreichische Beamte als Rückgrat des Staats: Auch dieses Bild hat sich bis heute erhalten und dann auch die Republik geprägt.

 

Der Präsident in der Hofburg

Dazu passt, dass der ranghöchste Staatsdiener der Republik, der Bundespräsident, in den ehemaligen kaiserlichen Räumlichkeiten in der Hofburg amtiert. Derzeit auch Ausweichquartier für das Parlament. Das eigentliche Gebäude, jenes an der Ringstraße, wurde seinerzeit ebenfalls unter der Ägide der Habsburger erbaut. Zahlreiche Ministerien ebenso. Das frühere k. u. k. Kriegsministerium am Stubenring beherbergt heute das Wirtschafts-, das Landwirtschafts- und das Sozialministerium. Kontinuität, wohin man blickt.

Und wenn dann auch noch die Nummer zwei der inoffiziellen Thronfolge, Ferdinand Zvonimir Habsburg-Lothringen, beim Autorennen (aktuell in der Formel III), dem Lieblingsfernsehsport der Österreicher nach Skifahren und Fußball, Karriere macht, dann ist das ehemalige Herrscherhaus dem Volk so nahe wie möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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