"verführt - vernichtet": Ausstellung zum Zwangsarbeiterlager in Graz

In Graz wurden von 1942 bis 1945 Tausende Menschen als Zwangsarbeiter und in diversen Wirtschaftsbereichen eingesetzt. Eine neue Schau beleuchtet ihr Schicksal.

(c) Screenshot: https://www.grazmuseum.at/

In der NS-Zeit war der Lagerkomplex im Grazer Bezirk Liebenau das größte Zwangsarbeiterlager im Stadtgebiet mit bis zu 5000 dort festgehaltenen Personen. Im April 1945 war er eine Station der ungarischen Juden auf den Todesmärschen vom "Südostwallbau" im Grenzraum zu Ungarn Richtung Nordwesten. Neue Einblicke in den düsteren Teil der Geschichte der Stadt ermöglicht eine Ausstellung im GrazMuseum.

In Graz wurden in den Jahren 1942 bis 1945 Tausende Menschen als Zwangsarbeiter und in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen eingesetzt. Untergebracht waren sie in mehreren Lagern. Das größte war das "Lager V" in Graz-Liebenau, wie die Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz, Barbara Stelzl-Marx, am Montag im Pressegespräch zur Ausstellung in der Gotischen Halle des GrazMuseums sagte.

Vom "Südostwallbau" ins KZ Mauthausen 

Noch mehr als dieses Faktum ist in Vergessenheit geraten, dass der Komplex, der im Jahr 1940 ursprünglich für umgesiedelte Volksdeutsche errichtet worden war, auch eine Zwischenstation von ungarischen Juden auf den Todesmärschen vom "Südostwallbau" ins KZ Mauthausen war. "Mindestens 34 von ihnen wurden im Lager erschossen", hielt die Historikerin fest, die seit dem Jahr 2011 versucht, die Geschichte des Lagers zu rekonstruieren.

Nach Ende des Krieges wurden bei Exhumierungen 53 Leichen geborgen. Wie viele Menschen im Lager insgesamt starben und möglicherweise noch dort begraben liegen, ist nach wie vor unklar. Heute befindet sich dort u.a. eine Wohnsiedlung, eine Sportfläche und ein Kindergarten. Beim Bau des Kindergartens wurden 1992 zwei Skelette gefunden. Im Frühjahr sind im Zuge des Baus des Murkraftwerkes Barackenfundamente und eine Treppe freigelegt worden. Die Funde lösten jedoch keine weiteren Probegrabungen aus. Jahrelang setzte sich der Grazer Arzt Rainer Possert als Obmann des SMZ-Liebenau für eine angemessene Aufarbeitung der Geschichte und Klärung offener Fragen ein.

Vorwiegend aus Frankreich, Böhmen/Mähren und Italien

"Kürzlich im Stadtarchiv und in Privatsammlungen aufgefundene Dokumente lieferten neue Einblicke, von Archäologen ausgegrabene Relikte weitere Erkenntnisse", berichtete Stelzl-Marx, die die Ausstellung im GrazMuseum konzipiert hat. Die Präsentation gibt anhand von fünf Schwerpunkten einen Einblick in die bisherigen Funde und Forschungsergebnisse. So lassen sich erstmals qualitative Aussagen zu den Zwangsarbeitern machen: "Rund 70 Prozent der registrierten zivilen Zwangsarbeiter waren männlich. Knapp ein Viertel stammte aus der Sowjetunion, die übrigen vorwiegend aus Frankreich, dem 'Protektorat Böhmen und Mähren', Italien, Kroatien oder Griechenland", führte die Historikerin an. Die überwiegende Mehrheit war zwischen 15 und 30 Jahre alt, mehr als 200 waren jünger als 14 Jahre. Selbst Geburten habe es gegeben: "Mindestens 67 Kinder kamen hier auf die Welt", führte Stelzl-Marx an.

Unter den Schlagworten "verführt, verschleppt, vernichtet, verurteilt, vergessen" geht es in der Ausstellung um fünf große Themen: Die Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie in der "Stadt der Volkserhebung", das Lagerleben, die Verbrechen im Zuge der Todesmärsche im April 1945, die Aufarbeitung durch die Nachkriegsjustiz und den lange verschleierten Blick auf diesen "Ort verdichteter Geschichte", wie es Stelzl-Marx nannte. Zu sehen sind etwa Bodenfunde wie u.a. ein Trinkbecher oder das Vokabelheft eines Zwangsarbeiters. Im Gedanken an den Todesmarsch wird eine Leihgabe gezeigt: Ein Schuh einer ungarischen Jüdin, die am Todesmarsch auf der steirischen Eisenstraße am Präbichl ermordet wurde. "Ein Kind eines Schusters hat ihn gefunden und wegen der damals kostbaren Nägel mitgenommen. Er blieb aber letztlich auf einem Dachboden liegen". Zur Ausstellung erschien ein rund 240-seitiger Katalog mit 30 wissenschaftlichen Beiträgen.

Die Stadt Graz plant zudem die Errichtung von Informationstafeln, eines Kunstwerkes und einer Dauerausstellung auf dem Areal. Die bisher bekannte Geschichte des Lagers sei ein "sehr dunkles Kapitel" in der Geschichte der Stadt, sagte der Grazer Stadtrat Günter Riegler (ÖVP). Die fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung der Fakten stelle einen wichtigen Teil der historischen und moralischen Verantwortung der Stadt dar, hob der Stadtrat hervor und betonte: "Mit jedem weiteren Jahr wird es eine immer größere Pflicht, die heranwachsende Generation damit zu konfrontieren, was geschehen ist und aktive Erinnerungsarbeit zu leisten".

(APA)

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