Die NS-Vergangenheit der zweitreichsten deutschen Familie

Subtext Die Reimanns gelten als diskrete Milliardäre – eine Studie zur Gewalt gegenüber Zwangsarbeitern zwingt sie nun in die Öffentlichkeit.

Sie gelten als zweitreichste Familie Deutschlands, 2017 standen sie sogar an erster Stelle, vor BMW – und doch sind die Reimanns in der Öffentlichkeit fast unbekannt. Seit 2006 haben die vier Geschwister aus steuerlichen Gründen die österreichische Staatsbürgerschaft und ihren Sitz in Wien. Externe Manager, allen voran der seit Jahrzehnten für die Reimanns tätige, heute 72-jährige Peter Harf, kümmern sich aber um das Geld der Dynastie.

Und das steckt, durch die von der Familie kontrollierte JAB Holding, in vielen Firmen für berühmte Produkte: in Kaffeemarken wie Jacobs, Tassimo, Senseo, in Reinigungs- und Kosmetikmarken wie Kukident, Clearasil, Wella oder Calgon (den Wasserenthärter hat ein Reimann erfunden), in Produkten von Joop oder Calvin Klein, im Schmerzmittel Nurofen, in Fußpflegemitteln von Scholl etc.

Jetzt haben Forschungen, die die Familie selbst in Auftrag gegeben hat, Untaten aus der NS-Zeit zutage gefördert. In den Werken und in der Privatvilla des Firmenchefs Albert Reimann (1868–1954) und seines gleichnamigen Sohns in Ludwigshafen soll es Gewalt und sexuellen Missbrauch an Zwangsarbeitern gegeben haben. Reimann junior wurde deswegen sogar von der „Deutschen Arbeiterfront“ (als NS-Einheitsgewerkschaft auch für die Verteilung der Zwangsarbeiter zuständig) getadelt. Spenden der Reimanns an die SS aus dem Jahr 1931 gehören ebenfalls zu den Zwischenergebnissen der Untersuchung des Wirtschaftshistorikers Paul Erker von der Uni München – die fertige Studie wird erst nächstes Jahr veröffentlicht.

Erben und Manager traf es offenbar unvorbereitet: „Wir haben uns geschämt und waren weiß wie die Wand“, sagte Peter Harf in einer Stellungnahme. Die Dynastie werde als Reaktion zehn Millionen Euro an eine passende Organisation spenden.

Geheimnisse in der Familiengeschichte sind die Erben gewohnt. So verschwieg Firmenchef Albert Reimann junior (1898–1984) seinen Kindern, dass er Mitinhaber des Reinigungsmittelherstellers Benckiser war (dessen deutsche Anfänge im 19. Jahrhundert auch die der Reimann-Dynastie sind); die Kinder hielten den Vater für einen Angestellten des Konzerns. Bis Reimanns Testament veröffentlicht wurde: Jeder erbte ein Neuntel der Firma Benckiser. Auch dass die Erben heute gern als „Deutschlands diskreteste Milliardäre“ oder „am meisten unterschätzte Geschäftsleute“ gehandelt werden, ist Ergebnis familienpolitischer Geheimhaltung: Jedes Familienmitglied muss sich zum 18. Geburtstag schriftlich bereiterklären, ein zurückgezogenes Leben zu führen.

Ob dieses Schweigen auch die Studie überdauert?

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2019)

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