Die sozialistische „Republik Donawitz“ 1919

Otto Bauers Theorie stand auf dem Prüfstand – nur wenige Tage lang.

Es lohnt, bisweilen die Pfade tradierter Geschichtsschreibung zu verlassen und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Aus einem ungewohnten. So schildern etwa die jüngsten Blätter der kommunistischen Wiener Alfred-Klar-Gesellschaft eine interessante Episode aus dem April 1919: Die „Sozialistische Republik Donawitz“.

Mit der Proklamation der „Republik Deutschösterreich“ vom 12. November 1918 war zwar das Ende der habsburgischen Monarchie erreicht, geblieben aber waren Hunger, Not, Kälte, Armut, Ausbeutung. Es fehlte am Notdürftigsten. Kohle, Brennholz. Um Milch für Kleinkinder musste man sich drei bis vier Tage lang anstellen. Und oftmals kehrten die Ausgezehrten enttäuscht und mit leeren Händen zurück. In Leoben betrug die monatliche Fleischzuteilung exakt 75 dkg, in Donawitz noch weniger. So kam es zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen.

 

Der Aufstand

Seit dem Hungerwinter von 1916/17 („Steckrübenwinter“) und dem Sturz des Zaren in Russland war es zu einer zunehmenden Radikalisierung unter der steirischen Arbeiterschaft in den Industriezentren gekommen. Dort hielt man nicht mehr viel von der „Burgfriedenspolitik“, die die Sozialdemokratische Arbeiterpartei verordnet hatte. Der beschwichtigende Einfluss der Parteiführung, er zählte nicht mehr viel.

Ein aufrüttelnder – überdies literarisch hochstehender – Leitartikel im „Grazer Tagblatt“ genügte, um den Funken zu entzünden. Die Donawitzer Hochofenarbeiter taten sich zusammen, brachten den Generaldirektor unter Anwendung gelinder Gewalt („einige Püffe“) in seine Privatvilla und versuchten, mittels Arbeiterräten selbst das Kommando zu übernehmen. Das entsprach, so dachten sie wenigstens, genau den Vorgaben, die der sozialdemokratische Illusionist und brillante Theoretiker Otto Bauer in der „Arbeiter-Zeitung“ entwickelt hatte: zunächst Sozialisierung der Schwerindustrie, dann des Energiewesens, der Forste und Kommerzbanken.

 

Acht-Stunden-Schicht

Beflügelt von den revolutionären Vorgängen in Bayern und Ungarn („Räterepublik“) forderten nun die KP-Arbeiterräte auch in Donawitz die „Diktatur des Proletariats“ – und sie glaubten, damit den Direktiven Otto Bauers getreulich zu folgen. Am 7. April setzten sie den Werksdirektor ab und führten ein vierköpfiges Gremium ein – zwei Ingenieure, dazu je ein kommunistischer und ein sozialdemokratischer Arbeitervertreter. Beschlossen wurde sofort die Acht-Stunden-Schicht. Zudem bekamen achtzig Arbeiter dienstfrei, um im Jagdgebiet um Vordernberg „alles Wild zu erlegen.“

 

Wankelmütiger Otto Bauer

Doch die Sozialdemokraten fingen die Revolte rasch ein. Zur Empörung der Kommunisten erklärte nun just Staatssekretär Otto Bauer in Wien, die Zeit für eine Sozialisierung sei noch nicht gekommen. Jeder Arbeiter bekam eine Einmalzahlung (500 Kronen), damit brach der Aufstand zusammen. Karl Renner tat als Staatskanzler ein Übriges, indem er alle „Aufwiegler“, die nicht in Deutschösterreich heimatberechtigt waren, über die Grenze abschieben ließ.

Wie ein langer Schatten liegt dieses Ereignis noch heute über der Mur-Mürz-Furche. Hier gibt es noch immer kommunistische Zellen – in manche Gemeinderäte, wie etwa Graz oder Mürzzuschlag, entsenden sie bis heute (bzw. wieder) Mandatare.


Heimo Halbrainer
„Die Sozialistische Republik Donawitz“
Mitteilungen der A.-Klar-Gesellschaft
26. Jg./Nr. 1, 1,25 Euro
www.klargesellschaft.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2019)

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