Polen: Geteiltes Gedenken an die große Wende

In Danzig wird an die ersten halbfreien Wahlen am 4. Juni 1989 erinnert, die den Anfang vom Ende des Kommunismus im damaligen „Ostblock“ bedeuteten. Die politische Polarisierung lässt keine gemeinsame Erinnerung zu.

Mit Unterstützung von katholischen Kirchenfürsten (wie hier in Plock in Masowien) ging Arbeiterführer Lech Wałęsa im Frühjahr 1989 auf Wahlkampftour, um für Stimmen für die Solidarność-Opposition zu werben.
Mit Unterstützung von katholischen Kirchenfürsten (wie hier in Plock in Masowien) ging Arbeiterführer Lech Wałęsa im Frühjahr 1989 auf Wahlkampftour, um für Stimmen für die Solidarność-Opposition zu werben.
Mit Unterstützung von katholischen Kirchenfürsten (wie hier in Plock in Masowien) ging Arbeiterführer Lech Wałęsa im Frühjahr 1989 auf Wahlkampftour, um für Stimmen für die Solidarność-Opposition zu werben. – (c) Gamma-Rapho via Getty Images (Chip HIRES)

Danzig. Die Straßen vom teuer restaurierten roten Backsteinhauptbahnhof der Hansestadt Danzig bis zum Solidarność-Platz sind beflaggt. Die Gewerkschaftsfahne mit dem epochemachenden Schriftzug auf weißem Grund flattert neben dem polnischen Rot-Weiß. Der Weg führt bis ans historische sozialistische Werktor Nummer 2 der einstigen Danziger „Leninwerft“. Hier hat Arbeiterführer Lech Wałęsa Ende 1980 den Sieg des von ihm angeführten Streikkomitees bekannt gegeben. Die totalitäre Staatsmacht musste erstmals in Mittelosteuropa eine unabhängige Gewerkschaft zulassen und das Streikrecht garantieren.

Heute wirkt das Werktor etwas verloren neben dem riesigen rostbraunen Bau des Europäischen Solidarność-Zentrums (ECS), zu dessen Füßen seit dem Wochenende ein rot-weißer, runder Tisch von 15 Metern Durchmesser steht.

 

Auftakt zum Berliner Mauerfall

Die Installation erinnert an die späte Konsequenz jenes Werftarbeiterstreiks von 1980: nämlich an den runden Tisch und die ersten halbfreien Wahlen 1989 in der sowjetisch beherrschten Zone der sozialistischen Bruderländer. Diese Wahl fegte am 4. Juni vor 30 Jahren Polens totalitäre Regierung hinweg und war praktisch auch der Auftakt zum Berliner Mauerfall im November 1989.
Wie lang das alles her ist, veranschaulicht

auch die jugendliche Danziger Bürgermeisterin. Alexandra Dulkiewicz ist erst seit zehn Wochen im Amt und hat es unter dramatischen Umständen übernommen: Ihr Vorgänger, Paweł Adamowicz, ist bei einem öffentlichen Auftritt in einer Atmosphäre des politisch motivierten Hasses gegen liberale Grundwerte niedergestochen worden.

Auch Dulkiewicz erhält fast jede Woche wüste Beschimpfungen und schlimme Drohungen. Darüber will sie allerdings nicht sprechen. Normal sei die Situation in Polen bestimmt nicht, kommentiert sie wortkarg. Aber Dulkiewicz steht heute an vorderster Front im Kampf gegen die Regierung in Warschau. Für den 4. Juni hat sie neben allen ehemaligen Staatspräsidenten und Premierministern seit 1989 auch Hunderte von Bürgermeistern und NGO-Vertretern nach Danzig eingeladen. In einer Erklärung unter dem Titel „Freiheit und Solidarität“ wollen diese sich gegen die Kompetenz- und Mittelkürzung der rechtsnationalen Zentralregierung wenden.

In der Bibliothek des ECS hat sich inzwischen Lech Wałęsa in einen Sessel gesetzt. Auch er protestiert gegen den „Buchhelden“, wie er heute Polens starken Mann, den Parteichef der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jarosław Kaczyński, verächtlich nennt. Aber Ende 1990 hatte Wałęsa die Kaczyński-Zwillinge noch in seinen Wahlstab und später in die Präsidialkanzlei geholt. Seit einem Vierteljahrhundert sind die einstigen Freunde allerdings bitter verfeindet.

 

Ein gealterter Arbeiterheld

Kritische Zeitzeugen der ersten Nachwendejahre merken dazu an, sowohl Kaczyński als auch Wałęsa hätten autoritäre Züge. Dass Wałęsa nicht zu den bescheidenen Zeitgenossen gehört, machen seine Ausführungen zum Ende des Kommunismus deutlich. Schon 1980 habe er die Transformation für Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn geplant, fünf Jahre später hätte das Baltikum dazukommen sollen, erzählt er im Gespräch. „Doch mir machte 1981 das Kriegsrecht einen Strich durch die Rechnung“, erinnert sich der sichtlich gealterte, aber noch immer energische ehemalige Arbeiterheld. „Die Transformation erfasste 1989 dann sehr viele Länder. Diesen großen Erfolg konnten wir nicht verdauen, deshalb haben es heute die Populisten so leicht“, analysiert Wałęsa.

In der „Siedlung der Jungen“ am Westende von Danzig treffen wir in einer engen, mit Büchern vollgestopften Wohnung Wałęsas einstigen Stellvertreter Andrzej Gwiazda mit seiner Frau, Joanna, einer Untergrundgewerkschafterin der ersten Stunde. Auch das Ehepaar wurde von Dulkiewicz zu den Feierlichkeiten für den 4. Juni eingeladen, doch sie boykottieren die Veranstaltung. „Am runden Tisch trafen sich de facto die Agenten mit ihren Führungsoffizieren“, begründet Gwiazda sein Fernbleiben. Das stundenlange Gespräch ruft die längst vergessenen Richtungskämpfe in der Solidarność-Opposition wieder in Erinnerung. Am runden Tisch waren die Gwiazdas dann im Gegensatz zu den Kaczyński-Zwillingen nicht dabei, auch nicht als Berater.

Den vor dem ECS aufgebauten runden Tisch hat am Montag auch Ministerpräsident Mateusz Morawiecki gemieden. Eine persönlich von Bürgermeisterin Dulkiewicz überbrachte Einladung übersah er genauso wie ihre zum Gruß ausgestreckte Hand. Ein Kranz für die ermordeten Werftarbeiter legte er schließlich dennoch nieder – allerdings nur für jene der Arbeiterunruhen von 1970.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2019)

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