Richard Walther Darré: Ehrenbürger, Rassenforscher, NS-Bauernführer

Die kruden Ideen Richard Walther Darrés gefielen Hitler und Himmler.

Richard Walther Darré mit Adolf Hitler.
Richard Walther Darré mit Adolf Hitler.
Richard Walther Darré mit Adolf Hitler. – (c) imago images / Photo12

Als der berühmte Mann 1953 in seiner Heimatstadt, Goslar, zu Grabe getragen wurde, waren nicht nur frühere Nazi-Größen erschienen, sondern auch der Oberbürgermeister. Immerhin war der im Alter von nur 58 Jahren Verstorbene Goslars Ehrenbürger. Sein Name: Richard Walther Darré, als Ricardo in Buenos Aires geboren, Diplomlandwirt, Reichsbauernführer unter Hitler, „Blut und Boden“-Ideologe der SS, zuletzt entmachtet und 1949 in der Bundesrepublik zu milden fünf Jahren Haft verurteilt, von denen er nur eines verbüßen musste.

Dabei war Darré ein enger Wegbegleiter in Hitlers Entourage. Wie viele seiner Generation kam er verstört und entwurzelt aus dem Ersten Weltkrieg heim. Aber immerhin absolvierte er eine solide akademische Ausbildung. Die schließlich sein Schicksal werden sollte. Denn er vermischte schriftstellerisch seine Erfahrungen in der Tierzucht mit kruder Rassenideologie. „Das Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse“, hieß 1929 sein erstes Buch, ein Jahr später schuf er „Neuadel aus Blut und Boden“. Der Begriff war keine Erfindung der Nazis, er geisterte schon Jahrzehnte durch das deutsche Schrifttum. Darré kam das Begriffspaar gerade recht. Er pries das Bauerntum als den „rassischen Mittelpunkt des deutschen Volkes“, das durch die Industrialisierung in seiner Qualität minderwertig geworden sei.

 

„Weiterpflanzung, Höherbildung“

Das gefiel Hitler, besonders aber dem verschrobenen Heinrich Himmler, der ebenfalls von der Züchtung einer neuen germanischen Rasse schwärmte. Darin überbot ihn Darré geradezu. Die Zuchtfrage sei nicht nur sittliche Pflicht, sondern ein göttliches Gebot: „Gott hat das Gesetz in unsre Wiege gelegt, für die Weiterpflanzung und Höherbildung des Menschengeschlechts Sorge zu tragen.“ Es versündige sich vor Gott, wer ungeeignete Ehen eingehe und dadurch womöglich ungeeignete Kinderzeugung riskiere. In der Konsequenz forderte er die erneute Verbäuerlichung Deutschlands sowie Schaffung und Auslese eines neuen Adels mit besten rassischen Eigenschaften.

Himmler ähnlich, postulierte Darré ein unmittelbares Verhältnis zu Gott, das der nordischen Rasse eigen sei, daher keine „Zwischeninstanz einer Priesterkaste“ mehr benötige. Und er landete folgerichtig bei Normen, welches Leben wertvoll, welches wertlos sei.

 

Schleichende Entmachtung

Neben all diesen theoretischen Erwägungen dürfte Darré aber ein recht tüchtiger Organisator gewesen sein. Er verschaffte der NSDAP erstmals eine agrarpolitische Programmatik, er schaltete nach 1933 im Expresstempo alle agrarischen Organisationen gleich, stieg zum Reichsbauernführer und Reichsminister für Landwirtschaft und Ernährung auf. Sein „Erbhofgesetz“ verschaffte ihm Ruhm, Ehre und Dank bei den oftmals verschuldeten Bauern. Sein Fall vollzog sich dann sang- und klanglos, schleichend schon ab 1938, nachdem sein früherer Protektor Himmler den Machtkampf gegen ihn gewonnen hatte. Starker Mann im Reichsministerium war bis Kriegsende dann Herbert Backe. 1942 trat Darré aus Gesundheitsgründen zurück und überlebte den Krieg ungeschoren. Erst 1949 holte ihn die irdische Gerechtigkeit wegen Versklavung und Vernichtung der Bevölkerung in den eroberten Ostgebieten ein. Sehr unvollkommen, wie eingangs geschildert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2019)

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