Sinowatz: "Nur sein Pferd war bei der SA ..."

Schicksalsjahr 1986 - Teil 4: Im "Fall Waldheim" tritt der Jüdische Weltkongress auf den Plan. Der US-Anwalt Eli Rosenbaum recherchiert in Wien und trifft spätabends den geheimnisvollen Mittelsmann "Schuller".

(c) Presse/Archiv

Es reicht mir!“ Mit diesen Worten eröffnet am 11. März 1986 Bundeskanzler und SPÖ-Chef Fred Sinowatz den Frontalangriff auf den ÖVP-Bewerber um das höchste Amt im Staate, Kurt Waldheim. Die Tatsache, dass der Spitzendiplomat bei einer SA-Reiterstandarte gewesen sein soll, dies aber beharrlich leugnet, ist für die SPÖ-Spitze eine willkommene Munition, die ihren eigenen Kandidaten Kurt Steyrer in den Umfragen voranbringen soll. „Ich nehme zur Kenntnis, dass Waldheim nicht bei der SA war – nur sein Pferd“, merkt Sinowatz spöttisch an. Der Kandidat sei ja immer schon überall „nur halbert dabei“ gewesen: Als Außenminister in der VP-Alleinregierung Klaus, dann als Hofburg-Bewerber 1971 sei er auch nie ÖVP-Mitglied gewesen. Sinowatz-Stellvertreter Heinz Fischer drehte den Spieß überhaupt gleich um: Die Behauptung, die SPÖ steuere die Anti-Waldheim-Kampagne, sei an sich schon eine Verleumdung, sie sei „unanständig und unsinnig“.

Der ÖVP-Generalsekretär Michael Graff schlägt zurück: „Man kann Sinowatz nicht als Schmutzfink bezeichnen, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass er hinter der Kampagne steckt. Man kann dann aber sagen, er hält sich Schmutzfinken.“

Mitte März ist der „Fall Waldheim“ längst zu einer internationalen Affäre geworden. Die österreichische Diskussion wird zur Nebensächlichkeit. Denn inzwischen weiß man, dass Leutnant Waldheim 1942/43 auf dem Balkan gedient hat, als Ordonnanzoffizier und Dolmetsch beim Befehlshaber der Heeresgruppe E, dem Österreicher General Alexander Löhr. Was wusste also Waldheim vom grausamen Partisanenkrieg und was von den tausendfachen Deportationen griechischer Juden in deutsche Konzentrationslager?

Diese Frage, die angesichts der diplomatischen Karriere Waldheims ungeheuerlich erscheint, beschäftigt auch den „World Jewish Congress“ in den USA – zu Recht. Man gibt dort nichts mehr auf die stereotypen Beteuerungen des ehemaligen UN-Generalsekretärs, er habe davon erstens nichts gewusst und zweitens keinerlei Befehlsgewalt gehabt. Man will Beweise. Edgar Bronfman, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, hat siebzig jüdische Gemeinschaften rund um den Globus ersucht, bei den Nachforschungen mitzuhelfen.

Eine wichtige Rolle in der Intrige spielt der ORF-Journalist und Historiker Georg Tidl. Er war im Staatsarchiv – wie berichtet – fündig geworden und hatte seinen Fund zuerst im Büro von VP–Bundesparteiobmann Alois Mock präsentiert. Sein Büroleiter kommentierte Tidls „Präsent“ so: „Wenn das wahr ist, muss der Alois selbst antreten.“ Das war ja auch der insgeheime Plan mancher ÖVP-Granden: Hätte Mock für die Hofburg kandidiert und womöglich verloren, wäre der Job des Partei- und Klubchefs für andere frei geworden, die Mock schon längst beerben wollten. Der Parteichef war all seinen Kritikern zuvorgekommen, indem er (überstürzt) bereits im Herbst 1985 Waldheim aus dem Zylinder zauberte.

Tidl zog jedenfalls mit seinen Unterlagen wieder ab. Sie landeten schließlich beim großen Unbekannten unter dem Pseudonym „Schuller“, der sich bis heute bedeckt hält. Leon Zelman, der angesehene Leiter des Jewish Welcome Service in Wien, stellte den Kontakt zum US-Anwalt Eli Rosenbaum her, der als Abgesandter der WJC „Schuller“ in Wien besuchte und in die Dokumente Einsicht nahm. „Schuller“ wird als groß und schlank beschrieben. Das trifft keineswegs auf den Kabinettschef von Sinowatz, Hans Pusch, zu. Der Kanzler und SPÖ-Chef hatte freilich noch andere Sekretäre. Auch große und schlanke.

In den USA selbst sind der Anwalt Israel Singer und der Historiker Robert Herzstein auf der Suche. Letzterer lehrt an der University of South Carolina Geschichte und ist auf die NS-Zeit spezialisiert. Bald wird der Professor in den National Archives der USA fündig. Eine Sensation bahnt sich an: Waldheim stand 1948 auf einer Liste möglicher Kriegsverbrecher, die die jugoslawische Regierung nach 1945 an die Kriegsverbrechen-Kommission der UNO geschickt hatte.

Ist das jetzt der so lang gesuchte Beweis? Keine Rede. Die jugoslawischen Behörden, denen die Sache offensichtlich peinlich ist, verweigern jegliche Aussage dazu. Das ficht den WJC nicht an. „Soll ein ehemaliger Nazi und Lügner Vertreter Österreichs werden“, fragt am 24. März Israel Singer. In Genf legt Elan Steinberg namens des WJC Dokumente vor, die in Österreich bereits bekannt und auch dem noch amtierenden Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger zur Prüfung geschickt worden waren. Steinbergs Behauptung ist ebenso kühn wie provokant: Seine Dokumente stellten Waldheim in eine Reihe mit den Massenmördern Eichmann, Barbie und Mengele. Waldheims Wahlbüro dementiert zwar umgehend, aber es ist nicht zu bestreiten: Der Kandidat hatte – auch in seiner Autobiografie – die unerquickliche Zeit auf dem Balkan mit Schweigen übergangen. Weil sie ihm nicht wesentlich erschien – verteidigt er sich.

Nächsten Samstag:

Steyrer will die SPÖ bremsen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2011)

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