Ein Mammutprojekt als Hoffnung für Tirols Transitproblem

Brennerbasistunnel. 9,3 Milliarden Euro teuer, 64 Kilometer lang: Der Brennerbasistunnel, der Tirols Transitprobleme lösen soll, ist ein Projekt der Superlative. Doch jetzt gibt es in Italiens Regierung Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des Projekts.

Wer an einem Montag in der Früh von Kufstein nach Innsbruck fährt, braucht Geduld. Von den zwei Fahrspuren der Inntalautobahn steht in der Realität nur eine zur Verfügung: Denn in der rechten Spur reiht sich Lkw an Lkw, die alle wieder nach dem Wochenendfahrverbot ihre Lieferungen in den Süden aufnehmen.
2,25 Millionen Lkw-Fahrten gab es 2017 durch Tirol, so viele wie noch nie. Und dieser Rekord ist das derzeit größte Problem für das Bundesland. Nicht nur wegen der Stauprobleme, sondern vor allem wegen des Lärms und wegen der Abgase auf der Inntalautobahn.
Die Tiroler Landesregierung reagiert mit Blockabfertigungen, um die Schwerlaster zumindest zeitlich so einzubremsen, dass der Verkehr auf der A12 nicht vollständig zusammenbricht. Es handle sich um eine „Notmaßnahme, die wir in Zukunft aufgrund der Steigerung des Transitverkehrs intensiver ergreifen werden“, erklärt Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Im kommenden Jahr werde es an mindestens 30 Tagen Blockabfertigungen geben, die wegen des Rückstaus von Bayern heftig kritisiert werden.
Entlastung wird erst ein Mammutprojekt bringen, an dem seit 1989 geplant und seit 2008 gebaut wird: der Brennerbasistunnel zwischen Tulfes (Innsbruck) und dem Südtiroler Franzensfeste. Bei seiner Fertigstellung 2027 oder 2028 wird er mit 64 Kilometern die längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt sein.

Kritik von EU-Prüfern

Doch rund um den Bau gibt es viele Probleme, wie der EU-Rechnungshof in einem Bericht Mitte des Jahres bemängelte: Steigende Kosten, Bauverzögerungen, mangelnde grenzüberschreitende Kooperation. Jetzt wird das Vorhaben auch noch in Italien in Frage gestellt, das für einen Teil der Kosten in Höhe von 9,3 Milliarden Euro aufkommen muss. Die Kritik seines Parteifreundes Riccardo Fraccaro an dem Projekt sei „vernünftig“, meint der italienische Verkehrsminister Danilo Toninelli in einem am vergangenen Mittwoch erschienenen Buch („Rivoluzione“).
Fraccaro ist Minister für „Beziehungen zum Parlament und Direkte Demokratie“ und hatte kürzlich gemeint, die Kosten des Brennerbasistunnels seien höher als seine Vorteile. Deshalb solle man den Bau beenden. Derzeit sei in Italien schlicht kein Geld für das Mammutprojekt vorhanden. Verkehrsminister Toninelli erklärt nun, man werde das Infrastrukturprojekt „prüfen“. Fraccaros Position entspreche den Ansichten der Fünf-Sterne-Bewegung.
Zwar hat Vizepremier Matteo Salvini, Chef der rechten Lega, diese Haltung des Koalitionspartners kritisiert: „Wenn ich ein Loch in einen Berg bohre, ist es besser, ich führe die Arbeiten zu Ende, als sie auf halbem Weg stehen zu lassen.“ Aber erstmals wird das Projekt auf Regierungsebene in Frage gestellt.
In Deutschland zeigt man die mangelnde Begeisterung für den Brennerbasistunnel auf andere Art und Weise: An den Zulaufstrecken für die Eisenbahnverbindung wird schlicht nicht gearbeitet. Es gibt derzeit weder konkrete Trassenplanungen noch Kostenschätzungen. Das hatte auch der EU-Rechnungshof kritisiert und geschlussfolgert, dass die Gesamtstrecke München-Verona deshalb wohl erst im Jahr 2040 fertiggestellt sein wird.
Auch ein weiteres Faktum bemängeln die Prüfer: Die geplante Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen München und Verona soll die Fahrtzeit auf dreieinhalb Stunden verkürzen. Das würde einer Durchschnittsgeschwindigkeit von lediglich 115 km/h entsprechen – „zu niedrig, um ein überzeugendes Argument für den Bau einer vollwertigen Hochgeschwindigkeitsstrecke zu rechtfertigen“, kritisiert der EU-Rechnungshof in seinem Bericht.

9000 Lkw pro Tag

Für Tirol ist der Tunnel die einzige Hoffnung, um Lärm- und Umweltbelastung zu reduzieren. Der Schwertransit nahm in den vergangenen Jahren beständig zu. 2010 fuhren noch 1,85 Millionen Lkw über den Brenner, 2017 waren es um 400.000 Lkw mehr. Heuer gab es allein im Jänner ein Plus von 22 Prozent. Auf der Autobahn bei Wörgl wurden in jenem Monat pro Tag im Schnitt mehr als 9000 Schwerfahrzeuge gemessen. (rie)

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