Humanitäres: Sieg über das „Hascherl-Syndrom“

Lautstark für die Akzeptanz – mit Marianne Hengl gewinnt die Courage.

(c) ORF (Ali Schafler)

Die Köpfe drehten sich zu langsam – zumindest für Marianne Hengl: Suchend sahen sich die Gäste am Montagabend nach der Preisträgerin im Saal um, als diese auf die Bühne gebeten wurde. Doch als die Blicke endlich an Hengls Tisch (der durch Jubelschreie auf sich aufmerksam machte) hängen blieben, fehlten Person und Sessel – die Siegerin war auf ihrem motorisierten Rollstuhl längst via Rampe auf die Bühne geflitzt.

Eine Szene, deren Dynamik bis zum Ende des Galaabends ihresgleichen suchen sollte. Auch, weil die 44-jährige Obfrau des Vereins RollOn ihre Triebkraft auffallend souverän verbalisierte: Kein Stottern unterbrach Hengls Dankesrede (vor laufenden Kameras und 700 Gästen, beachtlich also für eine Ungeübte) – sie sei „unglaublich ehrgeizig“ und könne „das Glück bei der Arbeit keinem Menschen beschreiben“, so Hengl.

10.000 Euro bekam sie für ihre Initiative zur Förderung behinderter Menschen, der die im Pinzgau geborene Hengl, selbst mit einer Gelenksversteifung zur Welt gekommen, in Tirol und Salzburg vorsteht. Aus finanzieller Perspektive hat jedoch nicht nur sie gewonnen. Auch die pensionierte Fachärztin Barbara Rupp, die eine Schule in Nigeria baute und nun Geld für ein Waisenhaus in Tanzania sammelt, sowie Sigmund Birnstingl vom Charity-Verein „Golfen mit Herz“, erhielten einen „Presse“-Scheck.

Worin das Preisgeld investiert wird? Hengl erzählt von einer Salzburger Familie, die Mutter habe das schwerstbehinderte Kind 18 Jahre lang gepflegt – bis zu dessen Tod. Eine Finanzspritze soll dem Elternpaar demnächst einen Kurzurlaub ermöglichen, sie mögen dort „mal wieder abschalten“, so Hengl. Einem durch eine Erbkrankheit belasteten Tiroler will sie zudem mehrere Assistenten zur Seite stellen.

Das passt zum Profil des Vereins: Einzelschicksale stehen im Vordergrund, gleichzeitig bastelt man seit Jahren am medial transportierten Bild von behinderten Menschen. So machte sich Hengl etwa mit mehreren Plakatserien einen Namen, die Behinderungen bewusst positiv besetzten (Schauspieler Ottfried Fischer ließ sich dafür im Rollstuhl ablichten) und ein Zeichen gegen die „Mitleidsschiene“ setzten.

Und wer Marianne Hengl auf Letztere ansprach, sah sich an diesem freudigen Abend schnell mit ernster Miene konfrontiert: Zwar setze der Preis ein Zeichen – mit behinderten Menschen werde jedoch nach wie vor nicht auf gleicher Augenhöhe kommuniziert. „Wir wollen nicht wie Hascherln behandelt werden – für echte Verhandlungen holt uns niemand ins Boot“. Was Hengl kritisiert: Es werde häufig über Behinderte gesprochen, selten mit ihnen. Kampagnen betonen Negatives, obwohl man „einen behinderten Menschen auch so filmen kann, dass man seine Stärken sieht, ohne auf die Tränendrüse zu drücken“. Auch mit der Rolle der Kirche ist Hengl unzufrieden: „Es heißt, nicht abtreiben, aber wer hilft Familien, wenn das Kind behindert ist?“

Die Zeit sei jetzt reif, „zu schreien und zu fordern“ so Hengl – und wenn auch nicht schreiend, so kann man Hengl in ihrem zweiten Buch, das sie mithilfe der „Lyoness Child & Family Foundation“ bewirbt, zumindest erzählend erleben. Buchtitel: „Ich liebe mein Leben – Handicap als Chance“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2008)

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