Andrea Fischer: „Gletscher verändern sich schon immer“

Die Innsbrucker Glaziologin Andrea Fischer vermisst nach allen Regeln der Kunst Veränderungen der alpinen Gletscher. Was sie dabei besonders fasziniert: Jeder Gletscher sei einzigartig.

Andrea Fischer
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Für Andrea Fischer sind es gerade spannende Wochen: Sie führt derzeit die letzten Messungen für heuer an Gletschern durch – und bald wird sie wissen, wie diese den Sommer überstanden haben. „Heuer könnte das erste Jahr seit einem Jahrzehnt sein, in dem nicht alle Gletscher Masse verloren haben. Eventuell gibt es sogar Gletscher, deren Massenbilanz heuer positiv ist“, erzählt sie.
Die Witterung sei heuer nämlich relativ freundlich zu den alpinen Eisriesen gewesen: Es gab viel Schnee, lange Zeit lag eine schützende Schneedecke auf den Gletscherzungen, die die Folgen der Rekordhitze begrenzt hat. Für Gletscherforscher wäre das erfreulich – denn seit den letzten Vorstößen in den 1980er-Jahren gab es ja durchwegs markante Rückzüge.

Seit ungefähr einem Jahrzehnt vermisst Fischer Gletscher nach allen Regeln der Kunst: Ab Mai gräbt sie – meist zwei Tage in jeder Woche – Schneeschächte in den oberen Teil der Gletscher (Nährgebiet), um zu erfahren, wie viel Schnee dort gefallen ist und zu Eis wird, das dann ins Tal fließt. Und in die Gletscherzungen bohrt sie lange Stangen (Ablationspegel), die darüber Auskunft geben, wie viel Eis im Zehrgebiet abschmilzt. Aus der Differenz erfährt sie, ob ein Gletscher Eis gewinnt oder verliert.
Fischer hat einen einzigartigen Überblick über die österreichischen Gletscher: Seit 2009 sammelt sie alle Beobachtungsdaten und koordiniert die Erstellung der Gletscherberichte, die der Oesterreichische Alpenverein alljährlich herausgibt.

In 50 Minuten zum Gletscher


Zur Gletscherforschung ist Fischer über Umwege gekommen: Studiert hat sie eigentlich Theoretische Physik und Umweltsystemwissenschaften in Graz, in ihrer Dissertation hat sie mit Methoden der Fernerkundung, etwa Satellitenradar, isländische Gletscher vermessen – schließlich ist sie diesem Gebiet (auch weil sie schon immer eine passionierte Bergsteigerin war) treu geblieben und forscht seit 1999 in Innsbruck. Die Stadt sei ein sehr guter Ort dafür: „In 50 Minuten bin ich vom Büro auf einem Gletscher.“ Kein Wunder, dass Innsbruck weltweit in der Glaziologie eine Großmacht ist.

Was sie an ihrem Forschungsgebiet so fasziniert? Da gibt es gleich mehrere Dinge. „Jeder Gletscher ist anders“, sagt sie. Veränderungen der Durchschnittstemperatur würden nicht viel für einen bestimmten Gletscher aussagen. Wenn sich z. B. die Anströmungsrichtung von Niederschlagsfronten leicht verändert, dann könne das für verschiedene Gletscher völlig unterschiedliche Auswirkungen haben. „Gletscher spiegeln immer das lokale Bild wider“, so Fischer.

Zuverlässige Messdaten


Gletscher sind jedenfalls – und das ist die zweite Faszination für Fischer – immer in Bewegung. „Schwankungen hat es schon immer gegeben.“ Vor 5000 Jahren z. B. waren sie deutlich kleiner als heute. Das weiß man, weil derzeit jahrtausendealte Holzreste aus den sich zurückziehenden Gletscherzungen ausapern. Es gibt unzählige offene Fragen und viele Theorien, die die Schwankungen erklären wollen, zahlreiche Forschergruppen simulieren die Entwicklung im Computer. Fischer sieht ihre Rolle in der weltweiten Forscher-Community v. a. darin, zuverlässige Messdaten über die Eismassen zu liefern. Derzeit versucht sie zudem, die vielen vorhandenen Aufzeichnungen in eine einheitliche Datenbank zu bringen.

Und das Dritte, das sie interessiert: „Was bedeutet das für den Menschen?“ Dabei seien auch andere Disziplinen gefragt: „Wir haben derzeit eine große Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, wir müssen viel stärker interdisziplinär zusammenarbeiten.“ So sei etwa der Abfluss des Schmelzwassers ein entscheidender Faktor für das Leben im Tal, für die Landschaft und die Kultur. „Die ,hard facts‘, die die Naturwissenschaft liefert, sind immer nur ein Teil der Geschichte.“
Angst, dass in nächster Zeit die Grundlage ihrer Arbeit verschwinden könnte, hat Fischer keine. „Ganz verschwinden werden die Gletscher in den nächsten Jahrzehnten sicher nicht“, ist sie sich sicher. Und zwar unabhängig davon, was die Messungen ergeben, die sie gerade durchführt.

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