Roswitha Zink

Wie vier junge Frauen schwer kranken oder traumatisierten Kindern durch die Arbeit mit Pferden und auf dem Therapie-Bauernhof helfen.

(c) Lichtblickhof

Ein Schädel-Hirn-Trauma, sechs Monate Wachkoma, eine halbseitige Lähmung – als ein Lkw das Auto rammte, in dem er saß, verlor der achtjährige Florian nicht nur seine Mutter. Monatelang war er zu keiner Bewegung fähig, bis er, im Rollstuhl sitzend, seine Hand zum ersten Mal wieder hob, um Therapiepferd Felicitia zu streicheln. Ein halbes Jahr später kann er einzelne Worte formen und nach Dingen greifen – und obwohl er allein nicht sitzen und gehen kann, sitzt er begeistert auf der Stute, richtet sich dabei auf. Kein Arzt könne sich erklären, woher er die Kraft dafür nehme, so sein Vater.
Florian ist eines von jährlich 500 Kindern, die im Verein e.motion Lichtblickhof betreut werden. Der Verein ist eine private Initiative für Kinder, Jugendliche und ihre Familien in Krisenzeiten, die auf einem kleinen Bauernhof auf dem Gelände des Otto-Wagner-Spitals in Wien und auf dem Lichtblickhof, einem Therapie-Hof nahe St. Pölten, betreut werden. Gegründet wurde der Verein 2003 von vier jungen Frauen. „Unsere Mission ist es, Tiere im therapeutischen Kontext einzusetzen. Wir alle haben selbst die therapeutische Kraft durch Tiere und landwirtschaftliche Arbeit sehr zu schätzen gelernt“, sagt Roswitha Zink, eine der Gründerinnen und selbst Therapeutin. Heute werden in Wien und Niederösterreich 500 Kinder pro Jahr betreut. Der Verein richtet sich an schwer kranke Kinder und Jugendliche, Kinder, die mit dem Tod von Eltern oder Geschwistern konfrontiert sind, an Unfallopfer oder an Kinder, die aus anderen Gründen traumatisiert sind. Was können Pferde (oder Hunde, Meerschweinchen und Schafe, die es auf den Höfen auch gibt) da bewirken?
Equotherapie, die Therapie mit Pferden, beruht auf der Begabung von Pferden, nonverbale Körperimpulse der Menschen zu erkennen. Das Pferd ist fürsorglich, es trägt den Menschen und fordert gleichzeitig Verantwortung und Mut, denn es muss geführt werden. Das passiert vor allem durch körpersprachliche Arbeit, „das Pferd initiiert einen Austausch, die Kinder finden einen Zugang zu ihren eigenen Emotionen und schöpfen Vertrauen. Wenn eine Traumatisierung jemanden ins All schießt, ist die Erdung wichtig, es hilft, einmal auf vier Füßen zu stehen und getragen zu werden“, so Zink.
„Es grenzt an ein Wunder, dass wir heute 500 Kinder betreuen können“, sagt sie. Schließlich sind solche Therapieformen heute längst etabliert – von Kassen bezahlt werden sie nicht. Der Verein ringt ständig um die Finanzierung, die zwölf Therapeuten, von Psychotherapeuten, Physio- bis Ergotherapeuten, bewirtschaften in ihrer Freizeit den Hof. „Es ist eine Lebensaufgabe. Aber auch das Sinnvollste, das ich mir vorstellen kann“, sagt sie und erzählt von den Erfolgen: schwer traumatisierte Kinder, die wieder sprechen, Jugendliche, die jede Therapie verweigern und zu denen die Therapeuten über die Tiere einen Zugang finden, und junge Klienten, die nach Suizidversuchen „wieder ins Leben finden“. Parallel dazu laufen wissenschaftliche Arbeiten, die erforschen, warum Kontakt mit Pferden so positive Effekte hat. Aktuell etwa geht es um die Synchronisation von Atmung und Herzfrequenz zwischen Pferd und Mensch. (cim)

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