Molenbeek: Im Nachschublager des Jihad

Im Brüsseler Problemviertel wohnen rund 100.000 Menschen auf engstem Raum. Soziale Netzwerke bringen Jugendliche ohne Perspektiven mit Propagandisten des Islamischen Staats zusammen.

People shop at a market in the neighbourhood of Molenbeek in Brussels, Belgium
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People shop at a market in the neighbourhood of Molenbeek in Brussels, Belgium
Knapp 42 Prozent der Jugendlichen in Molenbeek haben keine Arbeit. Dafür gibt es im ärmsten Quartier der belgischen Hauptstadt rund 20 Moscheen. – (c) REUTERS (YVES HERMAN)

Dass in Europas Metropolen Glanz und Elend oft nah beieinander liegen, ist bekannt. Doch selten tritt dieses Phänomen so deutlich zum Vorschein wie in Brüssel, wo nur eine Metro-Station die Ausgehmeile Sainte-Catherine von Molenbeek trennt. Wer die von avantgardistischen Modeboutiquen gesäumte Rue Dansaert Richtung Nordwesten flaniert, erreicht nach wenigen hundert Metern den Kanal Charleroi–Bruxelles, der Belgiens Hauptstadt durchquert – dahinter liegt jenes Problemviertel, dessen Name spätestens seit Freitag nicht nur Sozialforschern und Terrorismusexperten ein Begriff ist.

Rund 100.000 Menschen leben in dem knapp sechs Quadratkilometer großen Quartier Molenbeek-Saint-Jean. Es ist ein ehemaliges Arbeiterviertel, einst als „Klein-Manchester“ bekannt, dem im Laufe des vergangenen Jahrhunderts die Arbeit sukzessive abhanden gekommen ist. Angesichts der Nähe zur trendigen Innenstadt läge eine schleichende Aufwertung des Viertels durch Zuzug der bourgeoisen Boheme auf der Hand, doch, von einigen Ausnahmen abgesehen, findet die Gentrifizierung nicht statt.

 

Jung, arm, ohne Arbeit

Ein Hauptgrund dafür ist die triste ökonomische Situation im Viertel: Fast jeder dritte Einwohner von Molenbeek hat keinen Job. Die Arbeitslosenquote beträgt das Dreifache des belgischen Durchschnitts, bei Jugendlichen liegt sie bei knapp 42 Prozent – was angesichts der Tatsache, dass das Durchschnittsalter im Quartier mit knapp 34 Jahren deutlich niedriger ist als im Rest des Landes, schwer wiegt. Hinzu kommt, dass die ärmste von Brüssels insgesamt 19 Kommunen besonders dicht besiedelt ist – und zwar überwiegend von marokkanischstämmigen Moslems. Jede vierte der rund 80 Brüsseler Moscheen befindet sich in Molenbeek – ein offenbar fruchtbarer Boden für Prediger des Jihad. Zum ersten Mal kam Molenbeek bereits im Jahr 2001 in die Schlagzeilen: Abdessatar Dahmane, der Mörder des afghanischen Kriegshelden und Schrecken der Taliban, Ahmed Schah Massoud, war ebenso ein Stammgast des für seine radikalen Positionen bekannten Islamischen Zentrums in der Rue du Manchester Nr. 18 wie Hassan El Haski, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge von Casablanca (2003, 41 Tote) und Madrid (2004, 200 Opfer). Aus Molenbeek stammten die Waffen, die im Jänner 2015 beim Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ zum Einsatz kamen. Hier wohnte der französische Jihadist Mehdi Nemouche, der im Vorjahr im jüdischen Museum in Brüssel ein Blutbad anrichtete. Von hier aus brach im August 2015 Ayoub El Khazzani zum versuchten Anschlag auf den Schnellzug Amsterdam-Paris auf. Und auch bei der jüngsten Anschlagserie führen viele Spuren nach Molenbeek (siehe Seite 2).

Experten zufolge ist nicht so sehr der Islam im Viertel das Problem, sondern die Perspektivlosigkeit der jungen Moslems. Politologin Corinne Torrekens verglich im Gespräch mit „Le Soir“ Molenbeek mit einem „Druckkochtopf“ – die Lebenssituation der Jugendlichen unterscheide sich so stark von jener der Elterngeneration, dass sie für traditionelle Imame nicht mehr ansprechbar seien. Stattdessen seien sie im Internet nach Heilsversprechen auf der Suche – und damit eine Beute für Hassprediger.

 

Die höchste Rate an IS-Kämpfern

Doch Belgiens Problem mit dem gewaltbereiten Islamismus ist nicht nur auf wirtschaftlich benachteiligte Regionen wie Molenbeek beschränkt. Pro Kopf weist das Elf-Millionen-Land mit knapp 500 Syrien-Kämpfern die höchste Jihadistendichte in der gesamten EU auf. Erst im Jänner hob die Polizei in der ostbelgischen Stadt Verviers eine Terrorzelle aus. Auffallend viele Gotteskrieger stammen aus Flandern, dem wirtschaftlich prosperierenden Norden des Landes. Dort agierte der im Februar zu zwölf Jahren Haft verurteilte Gründer des Netzwerks Sharia4Belgium, Fouad Belkacem, der in Belgien ein Kalifat errichten und Brüssels Wahrzeichen, das Atomium, in die Luft sprengen wollte. Nach Angaben des UN-Menschenrechtsrats zahlt der Islamische Staat seinen Propagandisten in Belgien knapp 9000 Euro pro angeworbenen Jihadisten, deren Durchschnittsalter bei 23 Jahren liege – Tendenz sinkend.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2015)

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