Neue Räder aus alten Teilen

300 Räder werden jährlich von der MA48 in Wien verschrottet. Ein ehemaliger Sonderschullehrer und ein Bassist bauen aus diesen alten Teilen neue Fahrräder zusammen.

EROeFFNUNG 'DIERADSTATION' AM WIENER HAUPTBAHNHOF
EROeFFNUNG 'DIERADSTATION' AM WIENER HAUPTBAHNHOF
Symbolbild Fahrrad – APA/GEORG HOCHMUTH

In Wien ist der Lebenszyklus eines Fahrrades meist kurz. Schlecht angekettet am falschen Ort abgestellt – und weg ist es. Oder aber das einstmals sehr geliebte Fahrrad wird beim Umzug im Radkeller stehen gelassen und nie wieder abgeholt. Die Stadt ist voller Leichen. Fahrradleichen.

Für echte Radliebhaber, wie Peter Pluhar und Richard Zirkl, ist dieser Zustand untragbar. Vor sechs Jahren haben die beiden es sich daher zur Aufgabe gemacht, wieder Leben in die toten Radgestelle zu bringen und alte Fahrräder (oder was davon noch übrig ist) zu reanimieren. Mit viel Know-how und Hingabe machen die gelernten Mechaniker in ihrem Shop Reanimated Bikes in der Westbahnstraße 35 aus rostigen Drahtgestellen „Fahrräder mit Zukunft“, wie sie es nennen. „Dieser Begriff hat sich bei uns schon eingebürgert“, erklärt „Chef de Bike“ Richard Zirkl, „weil die Vorstellung eigentlich schön ist: Das alte Rad muss nicht in die Schrottpresse, sondern hat noch einen langen Weg vor sich.“

300 Räder pro Jahr vernichtet. Tatsächlich ist für die vergessenen Fahrräder in Wien die MA48 zuständig. Sie sammelt nicht benutzte Fahrräder nach einiger Zeit der Beobachtung ein und vernichtet schließlich etwa 300 Räder pro Jahr.

Dem will das Team von Reanimated Bikes zuvorkommen. Einmal im Monat wühlt es sich deshalb durch das Radlager der Müllabfuhr und nimmt mit, was noch irgendwie brauchbar erscheint. Dann beginnt das große Schrauben. Zunächst greifen aber nicht Pluhar, Zirkl und ihr Team zur Werkzeugkiste, sondern die Jugendlichen der gemeinnützigen Organisation Jugend am Werk. In der Werkstätte für Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen werden die geretteten Räder in ihre Einzelteile zerlegt. Diese werden anschließend in die unzähligen kleinen Kisten im Shop einsortiert. Pluhar kennt das Projekt noch aus seiner Zeit als Sonderschullehrer. Warum er statt zu unterrichten heute Schläuche flickt, Sättel anpasst und Rahmen lackiert, erklärt er mit den Worten: „Irgendwann war es einfach genug.“ Zum passenden Zeitpunkt lernte er dann auch seinen heutigen Geschäftspartner kennen. Der wollte eigentlich Rockstar werden und spielte als Bassist mit Pluhars Bruder in einer Band. Auf einer Geburtstagsfeier trafen die beiden leidenschaftlichen Radfahrer aufeinander, und zu etwas späterer Stunde wurde die Idee zu Reanimated Bikes geboren.

Andere motivieren. Hinter dem Geschäftsmodell steckt aber nicht nur die Liebe zum Gefährt, sondern auch der Wunsch, nachhaltig zu agieren. Das Recycling der Einzelteile, aus denen am Ende ein neuwertiges Fahrrad entsteht, dient dem Umweltschutz. Das Ziel der beiden gebürtigen Steirer ist aber größer: „Wir wollen die Menschen dazu bringen, das Auto stehen zu lassen und mehr Fahrrad zu fahren. Die Leute haben sich daran gewöhnt, dass die Stadt immer voller Autos ist, aber eigentlich ist das untragbar“, sagt Zirkl. „Es könnten sicher 50 Prozent der Wiener Autofahrer aufs Rad umsteigen, dafür müsste man sanfte Mobilität aber attraktiver machen. Und man braucht ein passendes Fahrrad.“

Was aber ist ein passendes Fahrrad? „Es gibt so viele verschiedene Arten, und in der Stadt hat man einfach andere Anforderungen, als wenn man über Waldwege fährt“, erklären die beiden. In den meisten Fällen baut das Team von Reanimated Bikes sogenannte „Custom Made Bikes“, das bedeutet, ein neues Rad wird speziell nach den Wünschen des Kunden aus recycelten Teilen zusammengestellt. Der Käufer kann dabei den ganzen Entstehungsprozess seines künftigen Gefährts mitverfolgen. Ein extra angefertigtes Rad kostet 650 Euro aufwärts. Der gesamte Wertschöpfungsprozess findet in Wien statt. Weil aber viele Menschen eine ähnliche Idee vom perfekten Stadtrat hatten, haben Pluhar und Zirkl auch einen Prototyp entworfen, der in Serie produziert wird. Dieses Rad trägt seiner Herstellung und dem Firmensitz entsprechend den Namen „Neubau“ und kostet 550 Euro.

Auch Reparatur möglich. Bei Reanimated Bikes können Fahrräder aber nicht nur gekauft werden, auch Reparaturen werden übernommen. Im Innenhof stehen daher Fahrräder in allen denkbaren Farben und Bauarten herum.

Im hinteren Teil des Ladens wird gearbeitet – und zwar bis zu 60 Stunden in der Woche. Bei so viel Arbeit bleibt wenig Zeit für anderes. Sonst würde Zirkl sich auch in der Freizeit für seinen Traum einer autofreien Stadt einsetzen und öfter an „Critical Mass“ teilnehmen, einem kollektiven Radfahren durch die Stadt, mit dem auf Fahrradfahren als alternative Form des Individualverkehrs aufmerksam gemacht wird. Pluhar sieht die vielen Stunden in der Werkstatt pragmatisch: „Um sich wirklich mit Fahrrädern auszukennen, reicht es nicht, einen Fahrradmechanikerkurs zu besuchen, das braucht viel Zeit und Erfahrung“, erklärt er, während er ein Pedallager ölt. „Das ist ein fast unerschöpfliches Gebiet, jeden Tag gibt es etwas Neues. Ein Freund hat einmal gesagt: ,Will man sich wirklich mit Fahrrädern auskennen, ist man erst nach 10.000 Stunden fertig.‘ Das sind mehrere Jahre an Arbeitszeit.“

Neu zusammengebaut

Reanimated Bikes heißt das Geschäft von Richard Zirkl und Peter Pluhar. Die beiden bauen neue Fahrräder aus alten Radteilen zusammen. Die Teile bekommen sie von der MA 48, die jährlich etwa 300 Fahrräder, die offenbar nicht mehr benutzt werden, aus der Stadt entfernt. Jugendliche vom Projekt Jugend am Werk zerlegen die Räder, bevor sie neu zusammengebaut werden. reanimated-bikes.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2016)

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