Missbrauch in Kirche: Sind 40 Priester noch im Amt?

Angeblich sind 40 beschuldigte und teilweise strafrechtlich verurteilte Priester nach wie vor im Amt. Für die Kirche „sehr unwahrscheinlich“. Betroffener kritisiert die mangelnde Aufarbeitung.

(c) Clemens Fabry

Wien/Kb. Die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt kritisiert die ihrer Meinung nach mangelnde Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Zwei Jahre nachdem Kardinal Christoph Schönborn die Opferschutzanwaltschaft (Klasnic-Kommission) eingesetzt hat, sind angeblich 40 beschuldigte, teilweise sogar strafrechtlich verurteilte Priester im Amt, so Sepp Rothwangl am Montag in einer Pressekonferenz. Die Namen der Geistlichen, die ein „latentes Gefahrenpotenzial" darstellten, seien bekannt. Man behalte sich vor, sie zu veröffentlichen.
Ein Vorwurf, den Stefan Stöger, Leiter der Rechtsabteilung der Diözese St. Pölten, nicht nachvollziehen kann. „Priester, die eine Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellen, werden sofort versetzt, die kirchenrechtlichen Vorgaben sind hier eindeutig", sagt Stöger.

Sobald ein Vorwurf im Raum stehe, beginne ein kircheninternes Verfahren mit unabhängigen Experten. Auf der Basis ihrer Gutachten würden dann weitere Maßnahmen gesetzt. „Dass wegen sexuellen Missbrauchs strafrechtlich verurteilte Priester ihr Amt weiterhin ausüben dürfen, kann ich mir nicht vorstellen, das ist sehr unwahrscheinlich."

Auch Michael Prüller, Pressesprecher von Kardinal Schönborn, zeigt sich irritiert über die Anschuldigungen der Plattform und weist sie zurück. „Priester, bei denen man weiß, dass sie sich an Kindern vergangen haben, behalten ihr Amt unter keinen Umständen", versichert Prüller. „Selbst dann, wenn sich der Missbrauch Jahre und Jahrzehnte zuvor ereignet hat."

Ruf nach staatlicher Anlaufstelle

Nicht nur die Opferschutzanwaltschaft, der die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic vorsitzt, wurde vor zwei Jahren gegründet. Auch die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt startete damals ihre Tätigkeit und kritisiert seitdem die Klasnic-Kommission als von der Kirche abhängig. Wenig habe sich seitdem geändert, bemängelt Rothwangl, der eigenen Angaben zufolge selbst Missbrauchsopfer ist.

Er wirft der Kirche vor allem vor, ihre Priester zu schützen und Fälle von Missbrauch zu verschleiern. „Ich sehe in der Vertuschung der Fälle einen Bestandteil der Tat", so Rothwangl. Er selbst könne es jedenfalls nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, sich der Klasnic-Kommission anzuvertrauen. „Das wäre in etwa so, als ob ich mich als Mafia-Opfer einer Mafia-Gerichtsbarkeit unterwerfe."
Politische Unterstützung erhält die Plattform durch den grünen Justizsprecher Albert Steinhauser, der eine staatliche Anlaufstelle für Missbrauchsopfer fordert.

Homosexuelle „krank"?

Weiterhin hoch gehen die Wogen um den südsteirischen Pfarrer Karl Tropper, der in einer Beilage zum Pfarrblatt unter Berufung auf angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse Homosexualität in Bezug zu Krankheit und Unnatürlichkeit gesetzt hat. Von Triebverirrung und heilbarer Krankheit ist die Rede.
Die Arbeitsgemeinschaft „Homosexualität und Glaube" forderte in einem offenen Brief an Diözesanbischof Egon Kapellari die Abberufung des Pfarrers von St. Veit am Vogau. Tropper wurde schließlich wegen seiner Äußerungen seitens der Diözese Graz-Seckau „zurechtgewiesen", wie die Diözese am Montag in einer Aussendung mitteilte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2012)

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