Najem Wali: Aufstand gegen den Tugendzwang

In „Saras Stunde“ erzählt der Autor Najem Wali vom stillen Aufbegehren einer jungen Frau in Saudiarabien gegen die Scheinheiligkeit der Männergesellschaft.

„Revolution in einer hemmungslos korrupten Gesellschaft“: Najem Wali.
„Revolution in einer hemmungslos korrupten Gesellschaft“: Najem Wali.
„Revolution in einer hemmungslos korrupten Gesellschaft“: Najem Wali. – (c) Kojo

Alles in Saras Welt ist streng geregelt und vorgegeben. Jeder hat seine Aufgaben zu erledigen, seine Rollen auszufüllen, seine Grenzen einzuhalten. Innerhalb dieses Regelwerks hat Sara sich zu bewegen und ihr Leben zu arrangieren.

Sara wächst in Saudiarabien auf, in einer Männergesellschaft, in der für Mädchen wie sie kein Platz ist. Sie ist ein schlaues, wachsames Kind, versteht Zusammenhänge und rebelliert immer wieder gegen ihre Grenzen. Sie will sich nicht damit abfinden, dass Männer und Behörden ihr vorschreiben, wie sie zu leben hat.

Saras mächtiger Gegenspieler ist ihr Onkel, Scheich Jussuf al-Ahmad, Leiter der Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und für die Verhinderung von Lastern, der alles daran setzt, Sara „auf Linie“ zu bringen. Erreicht scheint sein Ziel durch die Verheiratung der knapp 16 Jahre alten Sara mit seinem Sohn Nassir. Doch hier finden sich zwei Widerspenstige, die den obersten Sittenwächter sabotieren.

In „Saras Stunde“ beschreibt der Autor Najem Wali das Aufbegehren einer jungen Frau, exemplarisch für eine „neue, rebellische Generation, die sich der Korruption und Gewalt der scheinheiligsten aller Gesellschaften widersetzt“, wie es im Klappentext heißt. Korruption, Gewalt, Verlogenheit, Verbissenheit, Macht um jeden Preis – das alles repräsentiert Saras Onkel, der Scheich, der die schlechtesten aller Eigenschaften in sich vereint.

Bruno-Kreisky-Preisträger. Die Idee für diesen Roman über Frauen in Saudiarabien sei bei einer Lesereise entstanden, erzählt Najem Wali in einem Interview mit einem deutschen Radiosender. Mit deutscher Lyrik im Gepäck tourte er durch das Land am Golf. Im Publikum vor ihm saßen nur Männer. Die Frauen waren in einem eigenen Raum und hörten per Videoübertragung zu. Dennoch hatte er die Gelegenheit, immer wieder mit Frauen zu sprechen – und viele Geschichten zu sammeln, die er in „Saras Stunde“ verarbeitete.

Wali, der im irakischen Basra geboren wurde, flüchtete vor dem Regime Saddam Husseins 1980 nach Europa und schreibt von Berlin aus regelmäßig für deutschsprachige Zeitungen – auch für „Die Presse“. 2014 erhielt er für seinen Kriegsroman „Bagdad Marlboro“ in Wien den Bruno-Kreisky-Preis.

Egal ob in Schulen oder auf Friedhöfen: Frauen sind von Männern zu trennen, diese Ansicht peitscht der Sittenwächter in Saudiarabien durch. Unvermeidlich ist, dass sich die rebellische Sara in einen Burschen verliebt, der nicht für sie vorgesehen ist: ein Tuchmacher, ein Handwerker, zu minder für die Tochter aus reichem Hause.

Fahrt nimmt die Erzählung aber vor allem in jenen Passagen auf, in denen der Autor die Veränderungen im Land beschreibt, als 1990 der Golfkrieg ausbricht. Sara ist fasziniert von den Bildern, die von den TV-Stationen in die Wohnzimmer geliefert werden. Sie ist aber auch fasziniert von den amerikanischen Truppen und den Flüchtlingen aus weniger restriktiven Golfstaaten, die nach Saudiarabien kommen. Der Krieg trennt sie von ihrer Freundin Alhanuf, einer „Abkehrerin“, deren Familie keinen Platz im Königreich hat.

Saras unbeschwerteste Zeit sind ihre Jahre in London. Dorthin flüchtet sie sich mit ihrem Mann Nassir nach der Hochzeit, dort führen sie ein unbehelligtes Leben. Die beiden verbindet der Widerstand gegen Nassirs Vater und gegen das Regime in der Heimat. Doch ihre Herkunft holt sie auch im so weit von Riad entfernten London ein: Der 11. September 2001 ändert alles. Immer wieder ist im Buch die Rede vom Terrorismus und wie der Fanatismus in Saudiarabien sich auf die ganze Welt auswirkt.


Showdown am Golf. Mit dem 11. September wird auch für Sara alles anders als zuvor. Sie sieht sich gezwungen, in ihre Heimatstadt am Golf zurückzukehren. Dort kommt es zum großen Showdown mit ihrem ewigen Gegenspieler, dem Onkel von der Religionspolizei. Sara ist keine politische Aktivistin, sie will keine großen Umwälzungen. Sie möchte „nur“ ein selbstbestimmtes Leben führen – in Saudiarabien auch eine Art von Revolution.

Neu Erschienen

Najem Wali
Saras Stunde

Übersetzt von
Markus Lemke
Hanser Verlag
352 Seiten
23,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2018)

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