Ein „kurioses“ Musikantenleben

Porträt. Mit zehn Jahren brachte sich der Bauernsohn Peter Moser das Spiel auf der Zither bei – etliche Instrumente sollten folgen. Sein Fleiß sollte ihn zum „Außerirdischen“ im ORF machen – und zum Miterfinder der Sendung „Mei liabste Weis“.

Peter Moser
Peter Moser
Peter Moser – Daniel Novotny

„Ich bin Musikant, kein Musiker“, sagt Peter Moser entschieden. Denn: „Ein Musiker lernt etwas, nimmt Unterricht, ich dagegen habe mir die Instrumente mal besser, mal schlechter selbst beigebracht.“ Und zwar einige: Mit zehn Jahren versuchte sich Moser erstmals an der Zither: „Das war nicht leicht mit meinen großen Händen, aber Schwieriges hat mich schon immer gereizt“, erzählt der 84-Jährige. Mit elf Jahren wagte er sich an die Klarinette, mit zwölf durfte er sich Mitglied des Alpbacher Kirchenchors nennen, mit 13 trat er der Blasmusikkapelle bei.

„Das Notenlesen hab ich so nebenbei aufgeschnappt“, sagt Moser. Ebenso wie etliche Melodien: „Mal hab ich ein Stück komponiert, weil mich der Klang einer Telefonnummer inspiriert hat.“ Als er 1948 die „Fidelen Inntaler“ in Reith spielen hörte, beeindruckten sie ihn derart, dass er zurück in Alpbach gleich einige ihrer Melodien aus der Erinnerung niederschrieb. Über die Jahrzehnte entstand so eine kaum überblickbare Notenblattsammlung. Sein gutes Gedächtnis blieb den anderen nicht verborgen: „Mein Bruder hat sich einen Spaß draus gemacht, mich Stücke aus dem Marschbuch der Musikkapelle abzuprüfen“, erzählt Moser. Das klang mitunter so: „Erzherzog Albrecht-Marsch, 2. Teil, Takt 8 – wie heißt der erste Ton?“

Wenig Gespräche, viel Arbeit

Ähnlich umfassend wie Mosers Musikwissen ist auch das Zimmer, in dem er bis heute seine Instrumente verwahrt: Zu der Zither gesellten sich im Laufe der Jahre eine Harfe, eine Harmonika, eine Trompete, ein Flügelhorn, eine Gitarre – und ein Klavier. „Das mit dem Klavier war eine der kuriosesten der vielen kuriosen Geschichten in meinem Musikleben“, sagt Moser. Doch bevor sie sich zutrug, galt es, am Hof anzupacken: „Als ich fünf Jahre alt war, übersiedelten wir vom Hacklerhof auf den Zottenhof“, sagt Moser, der seither den Spitznamen „Zotten Peter“ trägt: „Wir führten ein sehr einfaches Leben, sprachen wenig, arbeiteten umso mehr“, erzählt das jüngste von zehn Kindern.

Der Tod von Vater Josef 1949 machte die Situation nicht besser: „Viele Geschwister verließen den Hof, ich musste bleiben – ich war das Liebkind der Mutter.“ Ein bisschen Freiheit fand er in der Musik: Mit 15 Jahren spielte er fast regelmäßig in Gasthäusern auf – mitunter gleichzeitig auf Hammond-Orgel und Trompete. Mit 22 Jahren dann die „Befreiung“: Moser heiratete Elisabeth „Liesl“ Hausberger – und zog mit ihr auf den Bauernhof am Oberhausberg. Im selben Jahr kam Sohn Adi zur Welt, zwei Jahre später wurde Moser Kapellmeister der Musikkapelle Alpbach – und abermals Vater: Tochter Roswitha wurde geboren.

Um die vierköpfige Familie ernähren zu können, heuerte Moser beim Stromversorger Tiwag an, machte einen Kurs als Waldaufseher und wurde als solcher bei der Gemeinde teilbeschäftigt. Kurzzeitig war er auch als „Fleischbeschauer“ im Einsatz, weit länger als Organist in der Dorfkirche: „Die Musik war immer dabei – da hat meine Frau schon einiges mitgemacht über all die Jahre“, räumt Moser ein. „Immerhin spielte ich nicht nur im Alpbachtal und in Bayern auf, sondern kam bis nach England und China.“

Weit häufiger anzutreffen war Moser aber in Salzburg: „1964 hab ich mir eingebildet, ich muss Musik endlich gescheit lernen“, meint er schmunzelnd. Also meldete sich der damals 29-Jährige am Mozarteum an, um dort Kirchenmusik zu studieren. „Jetzt kommt die kuriose G'schicht“, sagt er: „Ich musste eine Aufnahmeprüfung machen, hatte aber kein Klavier.“ Also fragte er beim Europäischen Forum an, das seit 1945 in Alpbach stattfand. Und tatsächlich: Er bekam einen Kontakt nach Wien. „Ich werde nie vergessen, wie ich in die Johannesgasse 23 gefahren bin und dort den Stutzflügel geholt habe.“ Schon tat sich ein zweites Problem auf: Moser hatte keine passenden Noten. Abermals half das Forum aus: „Der Chefdolmetscher versorgte mich mit Bach – von dem hatte ich bis dahin noch nie gehört“, räumt er ein. „Ich dachte mir, was soll das sein – und: Wie soll man das spielen?“ Er fand einen Weg.

Nach bestandener Prüfung zog es ihn wöchentlich nach Salzburg, wo er die Hauptfächer Klavier und Orgel, die Nebenfächer Gesang, Tonsatz, Harmonielehre, Gehörbildung, Kirchenlatein, gregorianischer Choral, Dirigieren und Kirchengeschichte belegte. „Es war eine verrückte Zeit, im Dorf sah man das nicht gerne, sie fanden, ich sei abgehoben.“ Auch sein Zeitmanagement wurde strapaziert: „Ich war nicht nur Student, sondern auch Waldaufseher, Organist, Kapellmeister, Chormeister, Mitglied der Alpbacher Stubenmusik, der Tanzmusik, der Alpbacher Bläser, der Alpbacher Sänger, machte bei den Tiroler Abenden mit – und eine Familie gab es ja auch noch.“

Mit dem Flügelhorn auf Wanderschaft

Zu letzterer zählten seit 1965 und 66 auch die Töchter Martina und Rita. „Nach vier Semestern Studium zog ich den Schlussstrich“, sagt Moser. Einen Gang zurück schaltete er aber nicht: 1973 kam er ins ORF-Landesstudio Tirol, wurde bald zum Spartenleiter für Volks- und Blasmusik ernannt: „Ich hatte nichts gelernt, also arbeitete ich umso härter.“

Der ORF dankte es ihm: 1986 wurde die von Moser mitkonzipierte Sendung „Klingendes Österreich“ erstmals ausgestrahlt. „Bald darauf schlugen mein Musikerkollege Franz Posch und ich vor, eine Sendung zu machen, in der live Volksmusik gespielt wird.“ Etwas skeptisch ließ man den ehrgeizigen Alpbacher gewähren: Am 30. Jänner 1988 um 16 Uhr wurde „Mei liabste Weis“ das erste Mal gezeigt. „Die Rückmeldungen waren großartig.“ 1991 rückte die Sendung vom Samstagnachmittag- ins Hauptabendprogramm. „Ein kleiner Ritterschlag für den ,Außerirdischen‘, wie sie mich im ORF immer wieder nannten“, lacht Moser.

Leise ist es um Moser auch in seinem Ruhestand nicht geworden: „Ich bin zwar in Pension, spiele aber immer noch bei Begräbnissen, bei Bergmessen, bei Feiern – oder beim Wandern“, sagt er. „Es ist für mich das Schönste, über die Almen zu gehen und dort oben am Flügelhorn zu spielen“, verrät er. Und noch ein Geheimnis gibt er preis: „Volksmusik spiele ich zwar immer noch, höre ich mir aber nicht mehr an, da ich jeden Fehler bemerke.“ Weit lieber greift der Musikant deshalb zu Opern – und Bach: „Er ist für mich der größte Musiker.“


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2019)

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