Warum wurde Journalistin Viktoria Marinowa ermordet?

Nach dem Mord an einer TV-Moderatorin aus noch ungeklärtem Motiv wächst in Bulgarien die Unsicherheit. Fest steht: Investigative Journalisten leben hier gefährlich.

Warum wurde die Journalistin Viktoria Marinowa ermordet?
Warum wurde die Journalistin Viktoria Marinowa ermordet?
Warum wurde die Journalistin Viktoria Marinowa ermordet? – APA/AFP/TVN.BG/HO

Sofia/Moskau. Nach dem Verbrechen liest sich vieles wie ein Hinweis, wie ein Fingerzeig. Viktoria Marinowa, 30, war Leiterin des Regionalsenders TVN in der bulgarischen Donaustadt Russe, wo sie das Magazin „Detektor“ moderierte. Ihr Facebook-Profilbild zeigt die junge Frau mit dem langen blonden Haar mit einer Lupe vor dem Gesicht – ein Hinweis, dass sie ihren Beruf ernst nahm. Auf ihrem Account veröffentlichte sie viele Fotos in unbeschwerter Stimmung: beim Fallschirmspringen, im Urlaub, in modelhaften Posen. Aber auch eines, auf dem sie einen schwarzen Pullover mit weißer Aufschrift trägt: „Das System tötet“, steht darauf geschrieben.

Nun ist Viktoria Marinowa tot. Sie wurde am Samstag in einem Park nahe der Donau-Uferpromenade gefunden, vergewaltigt, erschlagen, brutal ermordet. Wer hat sie getötet – und warum? Ist die Causa Marinowa ein „normaler“ Kriminalfall, oder wurde die junge Frau getötet, weil sie Journalistin war? Die bulgarische Polizei hält die Einzeltäterthese für wahrscheinlicher und ermittelt vorrangig im kriminellen Milieu. Doch es gibt auch andere Anhaltspunkte.

Bulgarien ist als schwieriges Arbeitsumfeld für Journalisten bekannt. Die Medienkonzentration ist außergewöhnlich hoch. So liegen knapp 80 Prozent der Printmedien, darunter einflussreiche Boulevardmedien, in der Hand des Unternehmers Deljan Peewski, der für seine Regierungsnähe und rüden medialen Kampagnen berüchtigt ist. „Journalismus in Bulgarien kann gefährlich sein“, kommentiert die Organisation Reporter ohne Grenzen auf ihrer Website. Einschüchterungsversuche und Drohungen hätten zuletzt zugenommen. Auf dem weltweiten Index der Pressefreiheit ist der Staat, der seit 2007 EU-Mitglied ist, in den vergangenen fünf Jahren stetig gefallen, von Platz 87 (2013) auf 111 (2018). Er liegt damit innerhalb der EU an letzter Stelle.

Drei Morde in einem Jahr

Der Mord an Marinowa erinnert an zwei andere Verbrechen, die ebenfalls an Journalisten begangen wurden. Journalistenmorde finden normalerweise in Ländern außerhalb der EU statt, in Russland etwa, wo sich der gewaltsame Tod Anna Politkowskajas am 7. Oktober zum zwölften Mal jährte. Doch innerhalb des vergangenen Jahres kam es in der EU zu zwei Morden an Journalisten. Die Investigativreporterin Daphne Caruana Galizia wurde im vergangenen Oktober durch eine Autobombe auf der Mittelmeerinsel Malta getötet. Der slowakische Rechercheur Ján Kuciak wurde im Februar 2018 erschossen. In beiden Fällen gelten Recherchen der Journalisten als mutmaßliches Tatmotiv.


Auch erste internationale Reaktionen legten einen Zusammenhang der Ermordung Marinowas mit ihrer journalistischen Tätigkeit nahe. Der Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Harlem Désir, verlangte eine „vollständige und sorgfältige Untersuchung“ der Todesumstände. „Politico“ bezeichnete Marinowa als „Investigativjournalistin“. In sozialen Medien wurde darauf hingewiesen, dass die Moderatorin ihre letzte Sendung, die unlängst ausgestrahlt wurde, mit dem Thema Korruption aufgemacht habe.
Gegen diese These spricht, dass die Journalistin nicht selbst an Enthüllungen beteiligt war, sondern als Produzentin und Moderatorin wirkte. Außerhalb von Russe war die 30-Jährige in bulgarischen Journalistenkreisen nicht bekannt.

Korruption und EU-Gelder

Und was ist mit dem letzten Beitrag? Tatsächlich widmete Marinowa die letzte Ausgabe von „Detektor“ den Recherchen zweier Journalisten, die ein hochexplosives Thema in dem Balkanland mit aufgegriffen haben. Die bulgarische Internetplattform Bivol.bg und die rumänische Antikorruptions-NGO Rise Project veröffentlichen seit Mitte September Details über die mutmaßliche Hinterziehung von EU-Förderungen – in deren Zentrum ein Unternehmen namens GP Group, Empfänger einer Vielzahl öffentlicher Aufträge. Das Rechercheteam wurde Anfang Oktober sogar kurzzeitig verhaftet.

Bei Bivol.bg interpretiert man den Mord als Attacke gegen die eigenen Recherchen. „Wer kann da noch ruhig schlafen?“, heißt es auf der Website des Projekts. Jemand wolle Journalisten offenbar einschüchtern. Solange der Mord nicht aufgeklärt ist, bleiben Skepsis und die Unsicherheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2018)

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