Kämpferinnen der YPJ: "Die IS-Terroristen haben Angst vor uns Frauen"

Die kurdischen Kämpferinnen der YPJ stehen an vorderster Front im Krieg gegen den Islamischen Staat. Sie verteidigen Kobane und andere Städte in Syriens Kurdengebieten.

Die Frauen, die gegen IS kämpfen. Die 20-jährige Zilan (dritte von links) und ihre Kameradinnen im Dorf Harek.
Die Frauen, die gegen IS kämpfen. Die 20-jährige Zilan (dritte von links) und ihre Kameradinnen im Dorf Harek.
Die Frauen, die gegen IS kämpfen. Die 20-jährige Zilan (dritte von links) und ihre Kameradinnen im Dorf Harek. – Wieland Schneider

Zilan Qamishlo hält das schwere Maschinengewehr fest umklammert, während der Pick-up über die ungeteerte Straße rumpelt. Geschickt balanciert die 20-jährige Kurdin das heftige Schütteln aus, wenn die Räder des Geländewagens eines der tiefen Schlaglöcher treffen. Zilan ist MG-Schützin. Sie steht auf der Ladefläche des Geländefahrzeugs, auf der die mächtige russische Waffe aufgepflanzt ist. Die junge Frau ist wachsam, während der Pick-up durch die Straßen am Rande des Dorfs patrouilliert. Sie ist jederzeit bereit, das schwere MG abzufeuern und einen Hagel von Geschossen vom Kaliber 14,5 Millimeter in Richtung des Feinds zu jagen. Der Feind sitzt nur fünf Kilometer entfernt. Und er ist ein äußert gefährlicher Gegner, der keine Gnade kennt. Zilans Feind sind die Jihadisten des sogenannten Islamischen Staats (IS), die im Irak und in Syrien Schrecken verbreiten. IS-Kämpfer haben bei ihren jüngsten Offensiven zigtausende Menschen vertrieben, Gefangene geköpft, Frauen versklavt.

Kampf um Grenzübergang. Zilan bietet seit acht Monaten den Extremisten die Stirn. So lang gehört die 20-jährige MG-Schützin den sogenannten Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) an. Die YPJ leistet als Teil der Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Syriens Kurdengebieten seit mehr als einem Jahr Widerstand gegen den Vormarsch der Jihadisten. YPG und YPJ verteidigen verbissen die Stadt Kobane. Ihre Einheiten kämpften Anfang August einen Korridor frei, durch den tausende Yeziden aus den Bergen vor IS fliegen konnten. Und gemeinsam mit Peshmerga, der Kurdenregion im Nordirak, versuchen sie derzeit, IS aus der Region um die Stadt Rabia zu vertreiben. Hier befindet sich einer der wichtigsten Grenzübergänge zwischen der irakischen Kurdenregion und Rojava, wie die Kurden Syriens Kurdengebiete nennen. Doch wegen der Gefechte ist er derzeit quasi nicht passierbar.

Mit Fähre über den Tigris. Um von Iraks Kurdenregion nach Rojava zu gelangen, muss man bei Semalka auf einer Fähre den Fluss Tigris überqueren. Ein Dutzend Menschen drängt sich mit Koffern auf dem Boot zusammen, während es durch das dunkelgrüne Tigris-Wasser pflügt. Einige hundert Meter weiter quälen sich LKW im Schritttempo über eine Ponton-Brücke. Sie ist so schmal, dass sie jeweils nur in eine Richtung befahren werden kann.

Der Grenzübergang bei Semalka ist wie ein Nadelöhr – eine enge Verbindung in die irakischen Kurdengebiete. Denn der Kanton Cizîrê im Osten Rojavas ist großteils von der Türkei und dem IS-Territorium eingeschlossen. Aber auch der Übergang in den Nordirak wird immer wieder von den Behörden der irakischen Kurdenregion geschlossen.

Viele Kurden im Osten Rojavas fühlen sich ausgesperrt von der Welt, umzingelt von Jihadisten und türkischen Truppen, alleingelassen im Kampf gegen den mächtigen Feind IS. „Wir kämpfen, um uns gegen IS zu verteidigen. Und wir sind dabei auf uns allein gestellt“, sagt MG-Schützin Zilan, nachdem sie mit einem mächtigen Satz von der Ladefläche des Pick-ups gesprungen ist. Der Geländewagen parkt direkt an einer hohen Steinmauer – einem perfekten Sichtschutz, um nicht sofort von den Jihadisten des Islamischen Staats entdeckt zu werden.

Im hellbraunen Haus gleich neben der Mauer haben Zilan und die anderen aus ihrer YPJ-Gruppe ihre Basis eingerichtet. In einem Raum stehen Munitionskisten, ein altes russisches Maschinengewehr, ein russisches Panzerabwehrrohr samt mehrerer Geschosse. Im Zimmer daneben sind Matratzen ausgelegt, auf denen die Kämpferinnen in der Nacht schlafen.

Konservendosen der Jihadisten. Zilans Gruppe ist im Dorf Harek stationiert, etwa 25 Kilometer von Qamishli entfernt, der größten Stadt im Osten der syrischen Kurdenregion. Harek ist erst voreinem Monat aus den Händen des IS befreit worden. „Die IS-Terroristen ernähren sich nicht sehr gesund“, sagt eine von Zilans Kameradinnen und lacht. Sie deutet dabei vor dem Haus auf einen Haufen alter Konservendosen – die wenigen Überbleibsel der Herrschaft des IS-Kalifats über das Dorf Harek.

Doch das Reich der Extremisten wurde hier bloß um wenige Kilometer zurückgedrängt. Nur einige Hügel liegen zwischen den kurdischen Kämpferinnen und den Männern des IS. Die Gräueltaten des IS sind berüchtigt. IS-Leute posieren im Internet mit den abgeschnittenen Köpfen kurdischer Kämpferinnen, halten die schaurigen Trophäen grinsend an den Zöpfen der ermordeten Frauen in die Höhe. Viele YPJ-Kämpferinnen tragen Extramunition oder kleine Handgranaten bei sich, um sich damit selbst töten zu können, bevor sie den Extremisten lebend in die Hände fallen.


»IS hat Angst vor uns.« „Ich werde einfach verbissen kämpfen und alles tun, damit ich nicht gefangen genommen werde“, sagt MG-Schützin Zilan. Hat sie keine Angst? „Wir haben keine Angst“, beteuert die 20-Jährige mit fester Stimme und versucht, dabei möglichst überzeugend zu wirken. Und dann fügt sie schmunzelnd hinzu: „Die IS-Terroristen haben Angst vor uns. Sie glauben, nicht ins Paradies zu ihren Jungfrauen zu kommen, wenn sie von einer Frau getötet werden.“

Die Kämpfer des IS hätten ein falsches Konzept von Frauen. „Laut ihrer Einstellung sollten Frauen nicht hinausgehen und nicht am Leben teilnehmen. Wir kämpfen als Frauen auch deshalb, weil wir zeigen wollen, dass wir keine Sklaven sind“, sagt Zilan. Und ihre Kameradinnen stimmen ihr zu. Sie haben mit ihren Kalaschnikows zwischen den Bäumen vor dem Haus Platz genommen. Penibel überprüfen sie ihre Waffen. Fast alle aus der Gruppe sind Kurdinnen, doch auch eine Araberin findet sich unter den YPJ-Kämpferinnen.

Die YPG-Volksverteidigungseinheiten und ihre YPJ-Frauenverteidigungseinheiten sind kurdisch dominiert. Doch mittlerweile kämpfen auch immer mehr Araber, Assyrer und Angehörige anderer Gruppen in ihren Reihen. Ursprünglich war die YPG der bewaffnete Arm der Partei der Demokratischen Union (PYD), einer Schwesterpartei der kurdischen Guerillaorganisation PKK, die jahrzehntelang gegen den türkischen Staat gekämpft hatte.

So wie die PKK orientiert sich auch die PYD an der Ideologie des in der Türkei inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan. Die PKK, die in ihren Ursprüngen marxistisch ist, hat einst für ein eigenes Land gekämpft. Mittlerweile hat sie der Idee vom kurdischen Nationalstaat abgeschworen und fordert mehr Eigenständigkeit ohne eine Veränderung von Staatsgrenzen.

In den Wirren des syrischen Bürgerkriegs gelang es der PYD 2012, in den von Kurden bewohnten Gebieten Syriens die Macht zu übernehmen. Andere Kurdenparteien übten zunächst scharfe Kritik an dem – wie sie sagten – autoritären Führungsstil der PYD. Angesichts der Bedrohung durch den äußeren Feind Islamischer Staat rücken die verschiedensten Fraktionen aber enger zusammen. Die einstige Parteimiliz YPG wird zunehmend als eine Art Armee von Rojava anerkannt.

Gesprengtes Minarett. Einige Kilometer von der Basis von Zilans Gruppe entfernt liegt der Ort Tel Marouf. An der Zufahrt zum Dorf halten ältere Männer mit Kalaschnikows Wache. Einige von ihnen tragen Uniformen und Abzeichen der YPG, andere zivile Kleidung. „Schau, was die Terroristen hier gemacht haben!“, ruft einer von ihnen und deutet auf das, was von einem der Minarette der Moschee übrig geblieben ist. Der obere Teil des Minaretts wurde weggesprengt. „Die IS-Leute behaupten, sie kämpfen für den Islam. Aber das sind Monster und keine Muslime!“, sagt der Mann empört. Die Teppiche im Inneren des Gebetshauses sind mit Schutt übersät. An einer der Innenwände zieht sich ein pechschwarzer Fleck nach oben – Spuren des Feuers, das hier gewütet hat.

Bevor IS im vergangenen März in Tel Marouf einmarschierte, war der Ort eine berühmte muslimische Pilgerstätte gewesen. Hier befand sich ein Heiligtum, das von Anhängern des Sufismus verehrt wurde – einer Richtung des Islam, in der Mystizismus eine wichtige Rolle spielt. In der engstirnigen Denkweise von IS findet sich dafür aber kein Platz. Die Jihadisten zerstörten den Sufi-Schrein, sprengten ein Minarett und legten Feuer in der Moschee. Auch zahlreiche Häuser des Orts wurden geplündert und verwüstet.

Einer der Männer mit einem YPG-Abzeichen findet in einer Ecke der zerstörten Moschee einige zerfetzte und angebrannte Ausgaben des Koran. Er hebt die Bücher auf, wischt den Staub ab und nimmt sie mit. „Ich will sie nicht so liegen lassen“, sagt der Mann. Für die meisten der kurdischen Kämpfer hier ist es eine Selbstverständlichkeit, Muslim zu sein. Ebenso, wie es für sie selbstverständlich ist, an der Seite von Christen in den Kampf zu ziehen und die yezidische Religionsgruppe vor dem IS zu beschützen.

Tränengas am Grenzzaun. „Der IS ist hier nicht unser einziger Feind“, sagt ein Vertreter der regierenden PYD in der Stadt Qamishli. „Auch die türkische Regierung hat nichts Gutes mit uns vor. Sie wollen ein Ende unserer Selbstverwaltung.“ Sein Hauptvorwurf: Ankara benutze den IS als Waffe gegen die syrischen Kurden. Dass die Türkei den syrischen Kurden und der PKK nicht erlaubt, über türkisches Gebiet einen Hilfskorridor in die belagerte Stadt Kobane einzurichten, lässt in Qamishli die Wogen hochgehen. Jeden Abend ziehen Demonstranten zur nahe gelegenen Grenze mit der Türkei. Auf einem Hügel vor dem Grenzzaun haben sich Dutzende Menschen versammelt. Der 18-jährige Hasem Aram schwenkt triumphierend eine Drahtschere. „Ich werde damit den Zaun durchschneiden, um beide Teile Kurdistans zu vereinen!“, ruft er.

Eine Gruppe Jugendlicher zieht bis vor den Wachtturm, auf dem schwerbewaffnete türkische Soldaten sitzen. Auf der türkischen Seite des Zauns fahren Panzer und gepanzerte Mannschaftstransporter auf. Dann tauchen die türkischen Soldaten die syrische Seite der Grenze in eine Wolke aus Tränengas. Kurdische Jugendliche aus Qamishli werfen Steine, kurz danach ist Feuer aus automatischen Waffen zu hören. Dieses Mal scheinen die türkischen Soldaten nur Warnschüsse abgegeben zu haben. Vor einigen Tagen schossen sie aber offenbar gezielt.

Ein langer Trauerzug bewegt sich durch Qamishli in Richtung Friedhof. An der Spitze des Zugs tragen Männer den Sarg des 13-jährigen Bashir Ramadan Arif. Der Bub hatte Steine an die türkische Grenze geworfen und war von einem Projektil in den Hals getroffen worden. Die Mutter des 13-Jährigen geht neben dem Sarg, schlägt sich weinend und schreiend auf die Brust. Angehörige müssen die Frau immer wieder stützen, damit sie nicht zusammenbricht. „Die faschistische AKP-Regierung in der Türkei soll sich nicht freuen. Kurdistan wird zum Grab für alle Feinde und Verräter“, plärrt es aus einem Lautsprecherwagen, der vor dem Trauerzug fährt. Aus der gewaltigen Menschenmasse ragen YPG-Fahnen und Flaggen mit dem Konterfei Abdullah Öcalans. Und aus den Lautsprechern tönt es: „Märtyrer sind unsterblich!“ Die Vertreter von PYD und YPG haben den erschossenen Buben in ihren Heldenkult aufgenommen.

Auch die YPJ-Kämpferinnen haben diesen Kult zu einem Teil ihres Lebens gemacht. „IS will uns versklaven, wir leisten Widerstand“, sagt MG-Schützin Zilan. „Wir führen diesen Kampf bis zum letzten Blutstropfen fort.“

FAKTEN

2012 übernahm in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs die Partei der Demokratischen Union (PYD) in den syrischen Kurdengebieten (Rojava) die Macht. Die PYD ist eine Schwesterpartei der kurdischen Guerillaorganisation PKK von Abdullah Öcalan, die jahrzehntelang einen Untergrundkrieg gegen den türkischen Staat geführt hat. Der türkischen Regierung ist die Selbstverwaltung in Rojava deshalb ein Dorn im Auge.

Syriens Kurdengebiete werden seit vielen Monaten von Kämpfern jihadistischer Gruppen angegriffen. Zuletzt starteten die Extremisten des sogenannten Islamischen Staats (IS) eine Großoffensive. Trotz heftiger Attacken konnte IS aber bisher die Stadt Kobane nicht einnehmen.

Die YPJ, die sogenannten Frauenverteidigungseinheiten, spielen eine wichtige Rolle im Krieg der syrischen Kurden gegen IS. Die YPJ kämpft gemeinsam mit den sogenannten Volksverteidigungseinheiten (YPG). Schätzungen zufolge sind ein Drittel der Kämpfer in Rojava Frauen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2014)

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