Norwegen: Homo-Ehe mit allen Rechten und Pflichten

Homosexuelle erlangen in Norwegen volle Gleichberechtigung im Familienleben. Sie dürfen Kinder adoptieren oder sich künstlich befruchten lassen.

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OSLO/KOPENHAGEN. Von heftigen Protesten und Beifallskundgebungen begleitet, hat das Parlament in Oslo ein „geschlechtsneutrales Ehegesetz“ verabschiedet, das mit der Diskriminierung von Homosexuellen endgültig Schluss macht.

Auch bei der Adoption und künstlicher Befruchtung gelten künftig für gleichgeschlechtliche Paare dieselben Regeln wie für Heterosexuelle. Norwegen ist damit weltweit das sechste Land, das Schwulen und Lesben nicht nur eine Partnerschaft ermöglicht, sondern die Ehe mit all ihren gesetzlichen Rechten und Pflichten.

Das neue Ehegesetz wurde von seinen Anhängern als Sieg bezeichnet, der mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts und dem Gesetz für Gleichberechtigung von Frauen gleichzusetzen sei. „Ein historisches Sausen liegt über diesem Tag“, sagte die Sozialdemokratin Gunn Karin Gjul in der Parlamentsdebatte. „Wir setzen einen Punkt hinter die Diskriminierung von Homophilen und Lesbischen, das ist ein Tag im Zeichen der Liebe.“

Das Gesetz löst das Partnerschaftsgesetz aus dem Jahr 1993 ab, das das Zusammenleben Homosexueller juridisch regelte und sie bei Erbschaft, Versorgungspflicht und Scheidung gleichstellte. 1981 hatte Norwegen als erstes Land in seinem Antidiskriminierungsgesetz die ungleiche Behandlung wegen sexueller Neigung verboten.


Keine Verpflichtung für Kirche

Die Gegner des Gesetzes beklagten den „Bruch mit unseren historischen Wurzeln und unserem Verständnis von Elternschaft“, wie es Siv Jensen von der rechten Fortschrittspartei ausdrückte. Der Widerstand richtete sich vor allem gegen das Recht auf Adoption und künstliche Befruchtung, bei dem „die Rechte der Kinder hintangestellt“ würden. Künftig sollen homosexuelle Paare vor der Adoption der gleichen Prüfung unterzogen werden wie heterosexuelle. Lesbische Paare haben das gleiche Recht auf Insemination, die „nicht-biologische Mutter“ bekommt nach der Geburt automatisch das Elternrecht. Die Kirchen haben das Recht, nicht aber die Pflicht, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen.

Die Parteien der rot-grünen Koalition und die meisten Abgeordneten aus dem konservativen und liberalen Lager standen hinter dem von den Sozialisten eingebrachten Gesetz, während die Fortschrittspartei und die Christliche Volkspartei den Vorschlag bis zuletzt bekämpften. Auch einzelne Konservative widersetzten sich der Reform, die die Familie untergrabe. Im Gegenteil, erwiderte Parteichefin Erna Solberg, das neue Gesetz stärke die Familie als gesellschaftliches Fundament. „Meine Ehe mit meinem Mann wird durch das neue Gesetz nicht weniger wert, aber homosexuelle Paare werden uns gleichgestellt.“ Mehrere konservative Politiker hatten sich in den letzten Jahren zu ihrer Homosexualität bekannt.


Norweger sind dafür

Gegner hatten 50.000 Unterschriften gesammelt und vor dem Parlament eine Protestkundgebung abgehalten. Die Anhänger waren nach der Abstimmung bei den Sozialisten zum Hochzeitskuchen geladen. Umfragen zeigen, dass rund zwei Drittel der Norweger für die „geschlechtsneutrale Ehe“ sind.

AUF EINEN BLICK

Neben Norwegen ist die gleichgeschlechtliche Ehe in den Niederlanden, in Belgien, Spanien, Kanada und Südafrika erlaubt, ebenso in einzelnen Staaten der USA. In den meisten Ländern Europas werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt. In Österreich wird noch über ein Gesetz gestritten, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften regeln soll.

In den EU-Staaten Polen, Lettland und Litauen sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften verboten. Noch weiter gehen weltweit acht Länder: In Afghanistan, Iran, Saudiarabien, Jemen, Äthiopien, Sudan, Nigeria und Mauretanien steht auf homosexuelle Handlungen die Todesstrafe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2008)

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