Syrien startet Bodenoffensive gegen "Terroristen" in Aleppo

Damaskus will den Ostteil der Stadt mit mindestens 250.000 eingeschlossenen Menschen zurückerobern. Mehr als 90 Menschen sind seit Freitagfrüh getötet worden.

Zerstörung in Aleppo.
Zerstörung in Aleppo.
Zerstörung in Aleppo. – APA/AFP/KARAM AL-MASRI

Es dauerte nicht lange, als nach der Ankündigung der syrischen Armee, mit einer Offensive zur Rückeroberung des von Rebellen gehaltenen Ostteils von Aleppo zu beginnen, die ersten Bomben auf die einstige Millionenstadt im Norden Syriens niederhagelten.

Die Bewohner sollten sich "von den Positionen der terroristischen Gruppen" fernhalten, hieß es am Abend. Die syrische Führung bezeichnet ihre Gegner als Terroristen. Die Armee habe Fluchtkorridore vorbereitet, die auch Rebellen nützen könnten.

Die vorbereitenden Luftangriffe könnten "einige Zeit" dauern, machte das syrische Militär am Freitag klar. Denn: Die Angriffe auf die Rebellengebiete seien "umfassend" und beinhalteten auch eine Bodenoffensive. Abhängig sei die Intensität von der Situation am Feld und den Verlusten der "Terroristen". Wie jede Militäroperation beginne der Angriff auf Aleppo mit Luftangriffen und Artilleriefeuer, dann kämen die Bodentruppen. Für Assad wäre die Rückeroberung von Aleppo der wichtigste Sieg in dem vor fünf Jahren ausgebrochenen Bürgerkrieg. 

40 Luftangriffe in der Nacht

"Ich bin von einem starken Erdstoß geweckt worden, obwohl ich weit entfernt vom Ort des Einschlags der Rakete war", sagte ein Rebellenkommandant in einer Reuters zugesandten Audiodatei. An drei verschiedenen Stellen lägen "Martyrer" seiner Gruppe unter dem Schutt zusammengestürzter Gebäude.

Die Straßen Aleppos, das von Truppen Assads eingekreist ist, waren menschenleer. Im Osten versuchten sich die dort noch lebenden 250.000 Menschen irgendwie in Sicherheit zu bringen. "Die Flugzeuge sind ständig am Himmel, Hubschrauber, Fassbomben, Kampfflugzeuge", berichtete der Radiologe Mohammed Abu Radschab der Nachrichtenagentur Reuters.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach von mindestens 40 Luftangriffen seit Mitternacht. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden auch drei von vier Hilfszentren getroffen. "Was jetzt geschieht ist die völlige Vernichtung in jedem Sinne des Wortes", sagte der örtliche Zivilschutz-Chef Ammar al-Selmo. Über 90 Menschen sind laut dem Direktor eines Krankenhauses seit Freitagfrüh durch die Angriffe getötet worden.

Bemühungen für Waffenruhe gescheitert

Die Bemühungen für eine erneute Wiederbelebung der Waffenruhe sind am Donnerstag vorerst gescheitert. Moskau und Washington konnten sich bei einem Treffen der Internationalen Syrien-Unterstützergruppe am Rande der UNO-Vollversammlung in New York in wesentlichen Punkten nicht einigen.

Der UNO-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, sprach anschließend von einer "schwierigen und enttäuschenden" Zusammenkunft. Dennoch hätten die USA und Russland zugesagt, weiter intensiv nach einer Lösung zu suchen. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, es habe viel Unterstützung für die Idee eines vorübergehenden Flugverbots gegeben, das die Bedingungen für eine neue Waffenruhe schaffen solle.

Eine Einigung ist auch deshalb schwierig, weil die USA in dem Konflikt in Syrien Rebellen unterstützen, Russland aber den syrischen Machthaber Bashar al-Assad.

US-Außenminister John Kerry sagte nach dem Scheitern der Gespräche in New York, sein Land werde weiter alle Vorschläge prüfen, die Fortschritt beim Thema Waffenruhe versprächen. Nur so könne das Töten in Syrien enden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte hingegen, die syrische Opposition müsse sich bewegen, damit ein Kompromiss möglich werde.

Kerry "entschlossen, aber frustriert"

Kerry machte nach der gut zweistündigen Runde der Syrien-Unterstützergruppe aus seiner Unzufriedenheit keinen Hehl. "Ich bin nicht weniger entschlossen als gestern, aber natürlich frustrierter." Aus dem State Department verlautete nach dem Treffen, die Frustration im Raum sei spürbar gewesen. Lawrow antwortete auf die Frage, ob es eine Vereinbarung gebe, sehr knapp: "Nichts ist passiert."

Die Gespräche sollen am Freitag und im Laufe der kommenden Tage aber fortgesetzt werden. Dabei geht es entscheidend auch um die Frage, ob sich Russland auf den US-amerikanischen Vorschlag einlässt, auf den Einsatz von Militärjets über syrischen Gebieten mehrere Tage lang zu verzichten. Bisher lehnen die Russen dies ab. Lawrow kündigte nach Angaben von Teilnehmern jedoch an, mit Moskau Rücksprache zu halten.

Steinmeier berichtete von einer "sehr offenen, sehr kontroversen" Diskussion innerhalb der Gruppe. Normalerweise ist das eine Umschreibung dafür, dass gegenseitig massive Vorwürfe erhoben wurden. Der SPD-Politiker vermied es jedoch, von einem Scheitern zu sprechen. "Heute ist uns das nicht gelungen, aber das ist nicht das Ende der Bemühungen."

Parallel zu den Bemühungen der Außenminister wollen die Vereinten Nationen versuchen, die Friedensgespräche zwischen dem Assad-Regime und der Opposition wieder in Gang zu bringen. Bisher reden die beiden Seiten, wenn überhaupt, nur über Mittelsmänner miteinander. Die Gespräche in Genf liegen seit Monaten auf Eis. In dem seit mehr als fünf Jahren dauernden Konflikt sind inzwischen schon mehr als 250.000 Menschen gestorben.

(APA/Reuters/dpa)

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