In Syrien werden viele Kriege zugleich geführt

Die Fronten verlaufen quer durch das Bürgerkriegsland. Zahlreiche interne und externe Player kämpfen um ihre Interessen.

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(c) Quelle: Graphic News / Grafik: "Die Presse" GK

Es ist eine Schlacht, deren Ausgang große strategische Bedeutung besitzt: Mit der Einnahme Aleppos wird Syriens Regime erneut alle wichtigen Metropolen des Landes kontrollieren – ein schwerer Schlag für den Aufstand gegen Machthaber Bashar al-Assad. Doch ein Ende des Konflikts in Syrien bedeutet das noch lang nicht. In dem Land finden de facto mehrere Kriege gleichzeitig statt. An den Kämpfen beteiligen sich zahlreiche interne und externe Player, die jeweils ihre eigenen Interessen verfolgen.

Syrisches Regime. In den ersten Jahren nach Beginn des Aufstands 2011 schien es, als wären die Tage der Herrschaft Assads gezählt. Doch mittlerweile sitzt der syrische Präsident wieder fest im Sattel. Assad hat bereits angekündigt, wieder das gesamte Land unter seine Kontrolle bringen zu wollen. Die Einnahme Aleppos verleiht ihm dabei Auftrieb. Die Konzentration aller Kräfte auf Aleppo hat die Regierungstruppen aber auch in Schwierigkeiten gebracht. So gelang es den Extremisten des sogenannten Islamischen Staates (IS), Syriens Armee erneut aus Palmyra zu vertreiben. Das deutet darauf hin, dass die Regimetruppen nur auf jeweils einer Front zu größeren Operationen imstande sind.

Der Iran und seine Verbündeten. Wichtige Unterstützung für Assad kommt vom Iran. Iranische Kommandaten spielen eine wesentliche Rolle bei der Planung militärischer Offensiven. Elitesoldaten der iranischen Revolutionsgarden kämpfen an der Seite der Regimetruppen – auch in Aleppo. Gemeinsam mit den Iranern ziehen verbündete Einheiten der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah und schiitische Kräfte aus dem Irak in die Schlacht. Teheran will seinen Alliierten Assad halten, um seinen Einfluss in der gesamten Region weiter ausbauen zu können. Syrien ist für den Iran dabei auch die Verbindungsbrücke zur Hisbollah in den Libanon.

Russland. Die russische Luftwaffe ist eine schlagkräftige Feuerunterstützung für Syriens Regierung. So waren es auch russische Bombardements, die den Aufständischen im Ostteil Aleppos schwer zugesetzt haben – mit verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Russland verfolgt mehrere Ziele: Schon unter Hafez al-Assad, dem 2000 verstorbenen Vater Bashar al-Assads, war Syriens Regime ein Verbündeter Moskaus. Russlands Marine verfügt in Syrien über einen Mittelmeerhafen. Mit ihrem jetzigen Engagement konnten Russlands Streitkräfte ihre Basen in dem Nahost-Staat weiter ausbauen. Russland Kampfeinsatz in Syrien war von Anfang an darauf ausgerichtet, das Überleben des befreundeten Regimes zu sichern. Zudem hat sich Russlands Führung mit der Militärmission zurück auf die Weltbühne gedrängt. Den USA und den EU-Staaten wurde damit signalisiert: Ohne Moskau kann keine Lösung im international bedeutsamen Syrien-Konflikt gefunden werden.

Syrische Opposition. Es war zu Beginn eine breite Allianz, die sich gegen Assad stellte. Bei den ersten Protesten 2011 ging es vor allem um Reformen, später mischten sich Forderungen nach einem Rücktritt Präsident Assads dazu. Je mehr das Regime mit Gewalt gegen Demonstranten vorging, desto stärker militarisierte sich auch der anfangs noch weitgehend friedliche Widerstand. Der mächtigste Dachverband bewaffneter Oppositioneller war zunächst die sogenannte Freie Syrische Armee (FSA), in der säkulare Rebelleneinheiten dominierten. Mittlerweile spielt die FSA eine untergeordnete Rolle. Die stärksten Rebellenkräfte zählen nun zum islamistischen Spektrum. Ein gemeinsames Ziel haben die Oppositionsgruppen nach wie vor: Präsident Assad soll in einem künftigen Syrien keine politische Rolle mehr spielen.

Jihadistische Kräfte. Je mehr die Lage in Syrien eskalierte, desto mehr gewannen aufseiten der Rebellen auch jihadistische Kräfte an Boden. Eine der wichtigsten davon ist Jabhat al-Nusra, die erstmals 2012 in Erscheinung getreten ist – als offizielle Vertreterin des Terrornetzwerkes al-Qaida in Syrien. Mittlerweile hat sich al-Nusra von al-Qaida losgesagt und in Jabhat Fatah al-Sham umbenannt. An der Ideologie der Organisation hat sich aber nichts geändert. Sie will – so wie auch andere extreme Gruppen – Syrien in einen jihadistisch-salafitischen Staat umbauen. Wegen ihrer Kampfkraft wird sie auch von anderen, moderateren Rebelleneinheiten geschätzt und spielte auch bei der Verteidigung Ostaleppos eine wichtige Rolle.

Islamischer Staat. Nach ihrem Bruch mit al-Nusra 2013 gelang es den Extremisten des sogenannten Islamischen Staates (IS), große Teile Nord- und Ostsyriens zu besetzen und mit ihren Gebieten im Irak zu einem sogenannten „Kalifat“ zu vereinen. In Syrien kämpft der IS gegen alle andere Rebelleneinheiten, die sich seinem totalitären Herrschaftsanspruch nicht unterwerfen wollen. Das brachte dem syrische Regime strategische Vorteile. Deshalb ließ es den IS zunächst auch weitgehend gewähren. Damit ist es aber vorbei. Vor allem um die Stadt Palmyra kommt es zu Gefechten zwischen dem Regime und dem IS.

Kurdische Volksverteidigungseinheiten. Die heftigsten Gefechte mit dem IS lieferten sich in den vergangenen Jahren die vor allem aus Kurden bestehenden Volksverteidigungseinheiten (YPG). Sie haben Kobane verteidigt und weite Teile Nordensyriens unter ihre Kontrolle gebracht. Zusammen mit verbündeten arabischen Gruppen marschieren die YPG derzeit mit US-Unterstützung auf die IS-Hauptstadt Raqqa zu.

Türkei. Die Regierung in Ankara unterstützte anfangs die Freie Syrische Armee und später auch extremistischere Kräfte, die gegen das syrische Regime kämpfen. Die Türkei forderte vehement den Sturz des syrischen Autokraten Assad. Mittlerweile gibt es aber Signale, dass sich auch Ankara eventuell ein vorläufiges Verbleiben des syrischen Regimes an der Macht vorstellen könne. Das dürfte auch in Zusammenhang mit der Normalisierung der Beziehungen zum Assad-Verbündeten Russland stehen. Im August marschierten türkische Eliteeinheiten zusammen mit verbündeten Rebellengruppen im Norden Syriens ein. Offizielles Ziel des Einsatzes ist der Kampf gegen den IS. Gleichzeitig will Ankara damit aber auch die kurdischen YPG schwächen. Denn sie sind eine Schwesterorganisation der PKK, die seit Jahrzehnten einen Untergrundkrieg in der Türkei führt.

Arabische Golfmonarchien. Saudiarabien und die anderen arabischen Golfmonarchien verfolgen den Sturz des syrischen Regimes als strategisches Ziel. Denn sollte Assad von der Macht verdängt werden, würde das den Iran schwächen – den größten Rivalen der Saudis in der gesamten Region. Deshalb unterstützen die Saudis die syrischen Rebellen, und zwar vor allem islamistische Kräfte unter den Aufständischen.

USA und westliche Verbündete. Washington und die europäischen Hauptstädte unterstützten zunächst die Oppositionsbewegung in Syrien und stellten klar, dass es für Assad keine politische Zukunft mehr in Syrien geben werde. Von Letzterem scheint man mittlerweile aber weitgehend abgerückt zu sein. Gegen die Rückeroberung Aleppos durch das Regime wurde nur Protest eingelegt, aber nichts unternommen. Zugleich bekämpfen die USA und ihre Verbündeten mithilfe der kurdischen YPG den IS in Syrien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2016)

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