Japan bewertet Überfall auf Pearl Harbor neu

Erstmals reist mit Shinzō Abe ein japanischer Premier nach Pearl Harbor, um gemeinsam mit Obama des japanischen Angriffs vor 75 Jahren zu gedenken.

Reise zum Schauplatz des japanischen Großangriffs auf die US-Flotte vor 75 Jahren: Japans Premier Shinzō Abe und Verteidigungsministerin Tomomi Inada brechen nach Pearl Harbor auf Hawaii auf.
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Reise zum Schauplatz des japanischen Großangriffs auf die US-Flotte vor 75 Jahren: Japans Premier Shinzō Abe und Verteidigungsministerin Tomomi Inada brechen nach Pearl Harbor auf Hawaii auf.
Reise zum Schauplatz des japanischen Großangriffs auf die US-Flotte vor 75 Jahren: Japans Premier Shinzō Abe und Verteidigungsministerin Tomomi Inada brechen nach Pearl Harbor auf Hawaii auf. – (c) APA/AFP/KAZUHIRO NOGI

Tokio. 75 Jahre nach dem japanischen Überfall auf den amerikanischen Kriegshafen Pearl Harbor reist mit Shinzō Abe erstmals ein japanischer Regierungschef in offizieller Mission an den Angriffsort auf Hawaii. Dort wird Abe am Dienstag gemeinsam mit dem scheidenden US-Präsidenten, Barack Obama, der Toten von damals gedenken.

Politisch betrachtet ist das ein Deal, bei dem sich beide Seiten nicht viel Mühe gegeben haben, den Handel diplomatisch zu vertuschen. Schon als Obama nach dem G7-Gipfel im Mai als erster US-Präsident das japanische Hiroshima besuchte, wo die USA 1945 die erste Atombombe abgeworfen hatten, war die erste Karte gespielt. Man musste nicht großartig spekulieren, dass sich Abe nach dieser als historisch bezeichneten Visite Obamas mit einem Gegenbesuch beeilen würde. Anfang Dezember jährte sich zum 75. Mal der Angriff auf die US-Pazifikflotte, den viele Historiker inzwischen für kriegsentscheidend halten, weil er die USA tags darauf zum beschleunigten Eintritt in den Zweiten Weltkrieg provozierte.

Dies war damals von Japans kaiserlicher Regierung und ihrer Generalität eiskalt und überheblich kalkuliert worden. Sie wollten den US-Riegel im Südpazifik knacken, der ihren Expansionsplänen im Weg stand. Brutal bombardierte die japanische Luftwaffe am 7. Dezember 1941 ohne Vorwarnung und offizielle Kriegserklärung den im Sonntagsschlaf liegenden Hafen. Mehr als 2400 US-amerikanische Marineangehörige fanden den Tod. Drei Kriegsschiffe wurden im Hafen versenkt, mehr als ein Dutzend schwer beschädigt. Für die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten ist das bisher der unumstößliche Beweis für die politische wie auch militärische Aggressivität Japans und hat ähnlich große Symbolkraft wie die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.

 

Barack Obamas Geste in Hiroshima

Im Friedensmuseum von Hiroshima hat ein Besucher im Gästebuch den wichtigen Satz verewigt: „Nie wieder Hiroshima, aber auch nie wieder Pearl Harbor.“ Endlich schließt sich dieser Kreis und löst damit die Diabolik der längst überholten Feindschaft auf. Dass Obama im Mai als erster US-Präsident die Opfer des ersten Atomschlags der Menschheitsgeschichte gewürdigt hatte, gefiel nicht allen. Der künftige US-Präsident Donald Trump kritisierte: „Hat Obama irgendwann während seines Japan-Aufenthalts die heimtückische Attacke auf Pearl Harbor angesprochen, die Tausende amerikanische Leben gekostet hat?“

Beide Länder – einst erbitterte Weltkriegsgegner, heute engste Verbündete in Asien – haben immerhin 75 Jahre gebraucht, um ihre gemeinsame Geschichte neu zu bewerten. Wie Hiroshima und Nagasaki hatte gerade auch der Angriff auf die US-Pazifikflotte in Hawaii einen tiefen Graben zwischen beide Nationen gezogen. In den USA galt „Erinnert euch immer an Pearl Harbor“, Japan dagegen verweigerte sich mit dem trotzigen Schlachtruf „Vergesst Pearl Harbor“. Wie überfällig der Paradigmenwechsel jetzt auch aus japanischer Sicht ist, verdeutlicht die jüngste Umfrage des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK. Danach unterstützen 34 Prozent der Japaner die Mission ihres Premiers „stark“, 48 Prozent haben nichts dagegen und nur drei Prozent lehnen diese Visite generell ab. Wobei große Teile der Bevölkerung denken, dass Abe die falsche Person für diese Versöhnung ist. Gerade dieser Premierminister gilt vielen als nationalistisch oder gar revanchistisch.

 

Kaiser vermied Visite bei Gedenkstätte

Zum 70. Jahrestag der Kapitulation Japans im August vergangenen Jahres löste Abe sogar eine regionale Welle der Empörung aus, als er statt einer Entschuldigung verkündete: „Unsere Kinder, Enkel und die kommenden Generationen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben, dürfen nicht zum Entschuldigen verpflichtet werden.“ Anschließend ließ er dem Tokioter Shinto-Schrein Yasukuni, wo unter anderen auch die Seelen von verurteilten Kriegsverbrechern verehrt werden, eine Opfergabe zukommen. Stattdessen hätten sich viele Söhne und Töchter Japans eine Verbeugung des Kaiserhauses gewünscht, in dessen Namen die Kriegsaktion lief. Der Tenno hat schon an den pazifischen Kampfplätzen von Saipan, Palau und den Philippinen kondoliert. Auf Hawaii war er im Juli 2009 auch, mied jedoch das USS Arizona Memorial Center, das zur Gedenkstätte ausgebaute Wrack des damals größten Flugzeugträgers im Perlen-Hafen.

Kaiser Akihito stand nicht unter dem politischen Druck wie der aktuelle Regierungschef. Abe weiß, dass Trump die 50.000 in Japan stationierten US-Truppen massiv reduzieren und Tokio stärker militärisch wie auch finanziell an der Sicherheitsstrategie in Fernost beteiligen will. Japan fürchtet um seinen US-amerikanischen Schutz, und auch deshalb tritt Shinzō Abe nun in Hawaii an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2016)

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