Ukrainisch bevorzugt

Bildung. Weniger Stunden für Minderheitensprachen an ukrainischen Schulen. Ungarn und Rumänien protestieren.

Präsident Petro Poroschenko.
Präsident Petro Poroschenko.
Präsident Petro Poroschenko. – (c) EPA (Sergey Dolzhenko)

Kiew/Budapest/Bukarest. Ein neues Gesetz, das den Gebrauch von Minderheitensprachen im ukrainischen Schulunterricht regelt, hat zu erbosten Reaktionen in Rumänien, Russland und Ungarn geführt. Nach der Unterzeichnung der Gesetzesvorlage durch den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zu Wochenbeginn sagte der rumänische Präsident Klaus Johannis einen geplanten Besuch in Kiew ab. Das ungarische Außenministerium kündigte an, künftige EU-Entscheidungen über die Annäherung der Ukraine zu blockieren. Der russische Föderationsrat verurteilte das „anti-demokratische Gesetz“ gestern in einer Stellungnahme.

Das Gesetz, Teil eines größeren Bildungspakets, sieht vor, dass an staatlichen Schulen der gesamte Unterricht in der Minderheitensprache bis zur vierten Schulstufe möglich ist. Von der fünften bis zur zwölften Schulstufe kann die Muttersprache nur noch als Fach unterrichtet werden. Privatschulen können weiter die gesamte Schulausbildung in der Muttersprache anbieten. Die ukrainische Regierung rechtfertigt diese Neuerung mit der Tatsache, dass Angehörige von Minderheiten häufig nicht gut genug Ukrainisch könnten. Das Gesetz diene der besseren Integration. Minderheitenvertreter halten dagegen, dass die Einschränkung des Unterrichts das gute Erlernen der Muttersprache behindere.

In der Ukraine (Gesamtbevölkerung 45 Mio.) leben nach offiziellen Angaben etwa 400.000 ethnische Rumänen und 140.000 ethnische Ungarn. Das eigentliche Reizthema aber ist die Stellung des Russischen, das in der Ukraine keine klassische Minderheitensprache ist. Russisch beherrschte früher das gesamte öffentliche Leben und ist in der Zentral- und Ostukraine weit verbreitet. Dem Gesetz nach ist es dem Ukrainischen untergeordnet; faktisch dominiert es aber in mehreren Regionen in Schulen und Behörden. Nach der Ära von Präsident Viktor Janukowitsch, der sich als Förderer der Russischsprachigen inszenierte, versucht die jetzige Regierung seinen Einfluss zurückzudrängen.

Ein Problem des Gesetzes könnte sein, dass es zu viele Dinge gleichzeitig regeln will. Und im Zweikampf zwischen Ukrainisch und Russisch leiden die Sprachen der kleinen Minderheiten. (som)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2017)

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