Wieder Ansturm auf spanische Nordafrika-Exklave

Hunderte Afrikaner stürmten die Grenzsperren der Stadt Ceuta an der Küste Marokkos, setzten Drahtscheren ein und warfen stark ätzenden Branntkalk gegen Grenzwächter. Die Gewalttätigkeit der Angreifer nahm zuletzt befremdlich zu.

Triumph-Posen nach der Überwindung der Sperren
Triumph-Posen nach der Überwindung der Sperren
Triumph-Posen nach der Überwindung der Sperren – REUTERS

Die Sturmläufe meist afrikanischer Zuwanderungswilliger auf die spanische Exklave Ceuta an der marokkanischen Küste werden immer gewalttätiger: Am Mittwoch überwanden etwa 115 junge Männer den sechs Meter hohen Sperrzaun und andere Barrieren, trotzten marokkanischen und spanischen Grenzwächtern und bewarfen diese mit gebranntem Kalk, einem stark ätzenden Pulver. Sieben spanische Polizisten seien bei dem Versuch verletzt worden, die Angreifer abzuwehren. Einer musste ins Spital.

Branntkalk (Calciumoxid) wird durch Erhitzen natürlicher kalkhaltiger Substanzen, in der Regel von Kalkstein, in Kalköfen hergestellt. Dabei entweichen Wasser und Kohlendioxid, das entstehende Pulver ist Basis zur Herstellung von Baumaterialien (etwa Mörtel, Verputze), dient zur Lufttrocknung, Entschwefelung von Rauchgas, als Hilfsmittel in der Metallindustrie, etc.

Verwendung als Kriegswaffe

Das Pulver ist indes wie gesagt stark ätzend und wird bei Kontakt mit Wasser heiß. Es beschädigt Haut, vor allem Schleimhäute, und kann zur Erblindung führen. Schon in der Antike wurde Branntkalk gegen Feinde verstreut, später von Burgen auf Belagerer geworfen. Englische Kriegsschiffe sollen im 13. Jahrhundert eine französische Flotte durch Kalkwolken regelrecht geblendet haben, man füllte Tongefäße mit Branntkalk und schleuderte sie mit Katapulten gegen den Feind, füllte in modernerer Zeit Bomben und Granaten mit dem weißen Pulver. Im Grunde ist Calciumoxid in diesem Zusammenhang eine chemische Waffe.

"Eine Umarmung mit guten Wünschen für eine baldige Genesung für die sieben Polizisten", twitterte die spanische Guardia Civil. Insgesamt hätten 300 Migranten versucht, den Zaun zu stürmen. Zudem kamen dabei Drahtscheren zum Einsatz, mit denen der Zaun stellenweise durchschnitten wurde, wie ein Beamter berichtete. Die Migranten seien dabei "gewaltsam und aggressiv" vorgegangen.

Asylwerber mit Flammenwerfern

Bereits am 26. Juli war es gleich mehr als 600 Angreifern an der gleichen Stelle gelungen, Ceuta zu erreichen. Vier Beamte der Guardia Civil mussten behandelt werden, nachdem die Migranten damals ebenfalls Branntkalk sowie selbstgebastelte Flammenwerfer eingesetzt hatten. Es handelte sich um den größten Ansturm der vergangenen Jahre.

Vor Ceuta an der Meerenge von Gibraltar und dem 250 Kilometer weiter östlich gelegenen Melilla harren Zehntausende Afrikaner auf eine Gelegenheit, in die EU zu gelangen. Dass die spanischen Grenzwächter und Verbände der dort stationierten Spanischen Legion angesichts der Massenanstürme zuletzt nicht das Feuer eröffneten, war laut Berichten aus Militärkreisen fast ein Wunder. Dabei wäre es nicht zum ersten Mal: Schon 2005 berichteten Menschenrechtsorganisationen, spanische und marokkanische Grenzwächter hätten scharf geschossen, von August bis Oktober 2005 seien dabei mindestens elf Afrikaner getötet worden. Und das sei kein Einzelfall gewesen.

 

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(DPA/Red.)

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