Katalonien: Ein Feiertag nur für Separatisten

Die separatistische Regionalregierung nützt den Nationalfeiertag, um Forderungen nach einer „Republik“ neu zu beleben. In Wirklichkeit sind die Sezessionisten tief gespalten.

Meer von Unabhängigkeitsfahnen: Demo am katatalanischen Nationalfeiertag.
Meer von Unabhängigkeitsfahnen: Demo am katatalanischen Nationalfeiertag.
Meer von Unabhängigkeitsfahnen: Demo am katatalanischen Nationalfeiertag. – (c) REUTERS (ALBERT GEA)

Barcelona/Wien. Nicht die Castells, die bis zu neunstöckigen Menschentürme, sorgten am heurigen katalanischen Nationalfeiertag für Nervenkitzeln. Hoch war die Spannung bei den gestrigen Feierlichkeiten in der nordspanischen Region aus einem anderen Grund: Die bunten Paraden und traditionellen Tänze wurden zu einer Demonstration für die Wiederaufnahme des Unabhängigkeitskampfes: „Republica, Republica“, skandierten Demonstranten. Und so droht die „Diada“ neue Gräben zwischen Madrid und Barcelona, zwischen pro-spanischen sowie separatistischen Katalanen, aufzureißen.

Denn Regionalchef Quim Torra hatte ganz offen gesagt, worum es bei den Feiern gestern wirklich ging: „Wir werden die katalanische Republik zur Realität machen. Lange lebe Katalonien!“. In anderen Worten: Dieser katalanische Nationalfeiertag sollte eine neue Phase im Kampf um einen eigenen Staat einläuten.

 

Kampf der gelben Bänder

Tatsächlich hat der Unabhängigkeitstraum bei vielen Katalanen trotz Unruhen und Chaos überlebt, die nach dem von Madrid verbotenem Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 die wirtschaftsstarke Region in die Krise stürzten. Deutlichestes Kampfsymbol gegen Madrid war gestern – neben der omnipräsenten Estelada-Separatistenfahnen – denn auch das gelbe Band. Seit vergangenem Herbst ist es in Katalonien allgegenwärtig, wird von Unabhängigkeitsbefürwortern getragen, hängt an Straßenposten, Geschäften, sogar an den touristischen Costa-Brava-Stränden. Das Band erinnert an „politische Gefangene“ – also jene Regionalpolitiker oder Aktivisten, die wegen des von Madrid untersagten und illegalen Unabhängigkeitsvotums immer noch im Gefängnis sitzen. Wegen des gelben Bandes drohten erst unlängst die Spannungen zwischen Separatisten und Unionisten wieder aufzuflammen: Albert Rivera, Chef der pro-spanischen Zentrumspartei Ciudadanos, warf demonstrativ gelbe Bänder, die in einem Städtchen nahe Barcelona am Straßenrand hingen, in den Müll. Und sorgte für wütende Reaktionen.

Für eine Lösung der Katalonien-Frage besteht derzeit also wenig Hoffnung – auch wenn die sozialistische Minderheitenregierung in Madrid im Vergleich zu ihrer konservativeren Vorgängerin sanftere Töne anschlägt. So hat Premier Pedro Sánchez den Katalanen den „Dialog“ angeboten – und ist auch für ein Referendum über mehr Autonomie offen. Die Basis für ein Gespräch scheint derzeit aber nicht vorhanden zu sein: Die in Barcelona regierenden Separatisten rücken von ihrer Grundforderung nicht ab, sie pochen weiter auf eine Unabhängigkeitsabstimmung. Diese ist auch für die Sozialisten ein rotes Tuch: Ein solches Votum verstoße gegen die Verfassung und sei „illegal“.

 

Mächtiger Puigdemont

Auch die Sozialisten drohen mit Härte: Sollte es aus Barcelona erneut Bemühungen in diese Richtung geben, „werden auch wir den Notstandsartikel 155 aktivieren“, machte unlängst Spaniens Außenminister, Josep Borrell, gegenüber der „Presse“ klar. Durch Artikel 155 hatte im vergangenen Jahr der konservative Premier Mariano Rajoy Katalonien unter Madrider Zwangsverwaltung gestellt.

Allerdings ist Katalonien weitaus gespaltener, als die Bilder der gestrigen „Diada“ vermittelten. Nicht nur halten sich in Katalonien Unabhängigkeitsgegner und Sezessionisten die Waage. Die Unruhen im vergangenen Jahr haben auch tiefe Risse durch das Separatistenlager gezogen. So setzen jetzt die einst radikalen Linksnationalisten auf Pragmatismus. Sie verzichten öffentlich nicht auf das Referendum, bestehen aber nicht auf einen Zeitplan und wären möglicherweise verhandlungsbereit.

Immer extremistischere Positionen nimmt hingegen die einst moderate Zentrumsbewegung ein – und pocht auf Gespräche mit Madrid über einen Referendumszeitplan. Die Fäden zieht aus dem belgischen Exil weiterhin der von Madrid abgesetzt Ex-Regionalchef, Carles Puigdemont, der sich selbst zur Galionsfigur des Unabhängigkeitskampfes hochstilisiert. Er hat eine neue, einflussreiche, Bewegung gegründet. Enger Vertrauter und Kampfgenosse ist Regionalpräsident Quim Torra.

Nationalfeiertag

Der 11. September ist katalanischer Nationalfeiertag. Am 11. September 1714 unterlag Katalonien im Zuge der Spanischen Erbfolgekriege den Truppen des Bourbonen-Königs Philipp V.. Kataloniens Adelige hatten sich auf die Seite der Habsburger geschlagen. 15 Monate wurde Barcelona belagert. Nach dem 11. September wurde Katalonien ins spanische Königreich eingegliedert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Katalonien: Ein Feiertag nur für Separatisten

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.