Tschechien/Slowakei: Nahe Nachbarn, enge Freunde

Seit sie nicht mehr in einem Staat leben, mögen sich Tschechen und Slowaken mehr als je zuvor. Nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch zwischenmenschlich sind die Sympathien groß wie nie zuvor.

(c) AP (Petr David Josek)

BRATISLAVA. Fast zwei Jahrzehnte nach der friedlichen Teilung der Tschechoslowakei zur Jahreswende 1992/93 rücken Tschechen und Slowaken immer näher zusammen. Nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch zwischenmenschlich sind die Sympathien zwischen den beiden Nationen so groß wie nie zuvor.

Was Politiker beider Länder zu ergreifenden Reden animiert, das leben die gewöhnlichen Bürger im Alltag vor. Vor allem in der Unterhaltung boomt eine „Tschecho-Slowakei-Renaissance“ – im Unterschied zur einstigen gemeinsamen Tschechoslowakei wird heute stets ein kleiner, aber feiner Trennstrich zwischen die beiden Landesnamen gesetzt. Tschecho-Slowakische Fernsehshows fesseln Millionen von Zuschauern, slowakische Musiker sorgen für ausverkaufte tschechische Konzerthallen, und die Schicksale tschechischer Promis füllen die slowakischen Klatsch-Illustrierten.

 

Politiker ziehen mit

Die Politik muss zwangsläufig mitziehen und tut es sichtlich gern. „Drei Worte charakterisieren die Beziehungen zwischen Tschechien und der Slowakei: Vertrauen, Freundschaft, Kooperation“, beschrieb die slowakische Premierministerin, Iveta Radičová, auf einer Pressekonferenz mit ihrem tschechischen Kollegen, Petr Nečas, die bilateralen Beziehungen. Die Slowakei sei „unser nächster Nachbar und engster Freund“, erwiderte darauf der neue Prager Regierungschef. Erst wenige Wochen zuvor hatte Nečas' Frau Radičová im Wahlkampf mit einer flammenden Rede unterstützt.

Auch in der Liebe gehen Spitzenpolitiker voran: Der tschechische Staatspräsident, Klaus, ist mit der Slowakin Livia Klausová verheiratet, Expremier Jiří Paroubek verließ seine frühere Frau wegen einer jüngeren Slowakin.

Meinungsumfragen bestätigen das immer herzlicher und ungetrübter werdende Verhältnis. Von keiner anderen Nation fühlen sich Tschechen so verstanden wie von den Slowaken, keine andere Nation ist in der Slowakei auch nur annähernd so beliebt wie Tschechien. Und seit beide gelernt haben, stolz auf den eigenen Staat zu sein, sind sogar die kleinen Ressentiments verschwunden, die es vereinzelt über die „arroganten Tschechen“ und die „rückständigen Slowaken“ zu hören gab.

Im Fernsehen und im Kino ist die 1993 erfolgte Staatstrennung sowieso nie angekommen. Auch aus Kostengründen werden ausländische Filme in der Slowakei zumeist einfach in der tschechischen Synchronisation übernommen. Zu Weihnachten sind seit eh und je die traditionellen tschechischen Märchenverfilmungen – mit einer großen Zahl slowakischer Schauspieler – das Lieblingsprogramm slowakischer Familien.

 

Gemeinsame Fußball-Liga

Musiker und Schauspieler ziehen seit jeher keine Grenze zwischen beiden Ländern, wenn es um „inländische“ Konzerttourneen oder Auftritte in Theatern und TV-Serien dies- und jenseits des Grenzflusses March (Morava) geht. Dominierte früher tschechische Musik in der Slowakei, ist jetzt slowakische Musik in Tschechien so populär wie nie zuvor.

Nach dem großen Erfolg der von den privaten TV-Sendern „Nova“ (Tschechien) und „Markiza“ (Slowakei) gemeinsam produzierten Musikshow „Die Tschecho-Slowakei sucht ihren Superstar“ wird auch bei den Konkurrenzsendern eifrig an Folgeprojekten getüftelt. Die Fußballverbände beider Länder arbeiten seit Monaten eifrig am Plan einer gemeinsamen Fußball-Liga, die schon ab Herbst 2012 Realität werden könnte. Auch gehen unzählige Slowaken zum Studium nach Prag oder machen in der einst gemeinsamen Hauptstadt berufliche Karriere.

Allerdings: Beim Bier waren immer schon beide vom jeweils eigenen Gebräu überzeugt. Den tschechischen Expremier Miloš Zeman hat in der Slowakei nichts so unbeliebt gemacht wie seine legendäre Aussage, das slowakische Bier könne man „höchstens zum Zähneputzen verwenden“.

AUF EINEN BLICK

Ende 1992 löste sich die damalige Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR) auf, Tschechen und Slowaken bildeten ihre eigenen Staaten. Obwohl die beiden Völker sich auf staatlicher Ebene getrennt haben, blieben ihre Kontakte eng, ja das Verhältnis beider Länder ist heute freundschaftlicher denn je.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2010)

Kommentar zu Artikel:

Tschechien/Slowakei: Nahe Nachbarn, enge Freunde

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen