„Ein oligarchenfreundliches Regime“

Interview. Der Kiewer Essayist Mykola Rjabtschuk kritisiert im Gespräch mit der „Presse“ den wachsenden Einfluss der Gasbarone unter Präsident Janukowitsch.

Wien. Wenn man Mykola Rjabtschuk danach fragt, was Präsident Viktor Janukowitsch für sein Land bedeutet, dann ist das Urteil eindeutig. Eindeutig negativ.

„Er errichtet ein autoritäres Regime, das große Produzenten bevorzugt“, urteilt der ukrainische Publizist und Schriftsteller im Gespräch mit der „Presse“. Die Öl- und Gas-Oligarchen wie der Ko-Besitzer des Gaskonzerns RosUkrEnergo Dmitrij Firtasch seien dabei die Hauptnutznießer der neuen Regierung. Die Interessen der Oligarchen fänden auch in einem starken, Moskau-treuen Parteiflügel ihre Entsprechung: „Es gibt eine starke Gruppe um Janukowitsch, die die Ukraine von der europäischen Agenda wegbringen möchte, die die Ukraine gerne so isoliert wie möglich sehen würde.“

Der Kiewer Essayist, der bis zur Jahreswende auf Einladung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien war, ist ein profilierter Kritiker von Präsident Viktor Janukowitsch und dessen Vision einer – wie Mykola Rjabtschuk sagt – „sowjetukrainischen Identität“. Nicht nur ökonomisch und politisch versuche der Präsident das Land nach Osten auszurichten, führt Rjabtschuk aus: Ukrainischkenntnisse sind für den Besuch von Hochschulen nicht mehr verpflichtend; das vorgeschriebene Synchronisieren von Kinofilmen auf Ukrainisch wurde wieder abgeschafft.

„Aus westlichen Augen mögen diese Maßnahmen komisch wirken, aber sie waren notwendig, um die Sprache nach der jahrzehntelangen Dominanz des Russischen wieder zu beleben.“ Diskutiert wird auch die Einführung von Russisch als zweite Staatssprache.


Gesucht: Neue Gesichter

Dass in der Westukraine bei den Kommunalwahlen die nationalistische Partei Swoboda bis zu einem Drittel der Stimmen gewann, betrachtet Rjabtschuk als „Reaktion auf die neue Führung“. Eine neuerliche Zerreißprobe erwartet er von diesem „regionalen Phänomen“ nicht für die Ukraine. Vor allem Janukowitsch profitiere von dieser Radikalisierung der Wähler: „Swoboda entspricht dem Stereotyp der verrückten ukrainischen Nationalisten. Die Partei erfüllt alle Befürchtungen der Ostukrainer.“

Was sein Land nach den Enttäuschungen der Orangen Revolution und dem wachsenden Autoritarismus Janukowitschs dringend nötig habe, sagt Rjabtschuk, seien „neue Gesichter“: Politiker, die nicht den Sprachenstreit auf die Prioritätenliste setzten, sondern Themen wie „Beschäftigung, Rechtsstaat und Sicherheit“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2011)

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