Kretschmann: Erster grüner Landesvater Deutschlands

Der einstige Ethiklehrer dürfte der erste Ministerpräsident der Ökopartei in Deutschland werden.

Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann – (c) REUTERS (Michael Dalder)

Im deutschen Bundesland Baden-Württemberg kommt es nach der Landtagswahl vom Sonntag zu einem historischen Wechsel. Die Christdemokraten müssen nach fast 60 Jahren die Macht in Stuttgart abgeben. Der Spitzenkandidat der baden-württembergischen Grünen, Winfried Kretschmann, dürfte aller Voraussicht nach der erste Ministerpräsident der Ökopartei in Deutschland werden.

Wenn er im Stuttgarter Landtag ans Rednerpult tritt, wird es auch auf der Regierungsseite still. Was Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann zu sagen hat, gilt als durchdacht, fundiert und von argumentativer Klarheit. Der scharfzüngige, wertkonservative Redner ergreift gerne bei Grundsatzfragen das Wort: Wenn es um die Risiken der Bio- oder Gentechnik geht, um islamischen Religionsunterricht oder die Frage, ob muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten dürfen.   

Vertrauen bis tief in bürgerliche Kreise

Die CDU und Regierungschef Stefan Mappus sahen in Kretschmann schon im Vorfeld der Wahlen einen gefährlichen Gegner und haben ihn auch persönlich bei ihren Attacken ins Visier genommen. Denn er genießt Sympathie und Vertrauen bis tief in bürgerliche Kreise hinein. Der 62-jährige einstige Ethiklehrer gehörte schon der ersten grünen Parlamentsgruppe an, die 1980 in Stuttgart erstmals in das Parlament eines Flächenlandes einzog. Seither drücken die Grünen die harten Oppositionsbänke.  

Damit scheint es nun vorbei sein. Bis November schwamm die Oppositionspartei auf einer Woge der Zustimmung. Wochenlange Massenproteste gegen das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 trieben die Umfragewerte an die Marke von 30 Prozent. Zeitweise musste der bedächtig auftretende Kretschmann seine Parteifreunde ermahnen, trotz des Höhenflugs realistisch zu bleiben.

Vorübergehend neigte sich die Waage wieder von Grün-Rot zu Schwarz-Gelb - bis zur Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Seither wies der Grünen-Trend wieder stark nach oben. Und Kretschmann wollte im Fall seiner Wahl zum Regierungschef für einen Turboausstieg aus der Atomkraft bis 2017 sorgen.    

Der überzeugte Katholik war entschlossen, die Macht zu ergreifen, wenn die Chance besteht. Schließlich wollte er sich schon nach der Landtagswahl 2006 auf eine schwarz-grüne Koalition einlassen. Doch der damalige CDU-Fraktionschef Mappus machte dem damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) einen Strich durch die Rechnung.    

Gerüchte um Gesundheit

Wie sehr die CDU den Verlust ihrer Bastion Baden-Württemberg fürchtete, zeigte sich aus Kretschmanns Sicht auch in den subtilen Angriffen auf seine Person. Mal war aus CDU-Führungskreisen das Gerücht gestreut worden, er sei gesundheitlich angeschlagen, mal wurde von Mappus selbst offen thematisiert, dass der 62-jährige Grüne "sicher keine 20 Jahre" regieren könne.   

Der Realpolitiker Kretschmann hatte zuweilen Probleme mit seiner eher linken Basis. Ein Beispiel ist der Beschluss des Parteitags in Heilbronn im Oktober 2007 für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Hier hatte sich Kretschmann aus Finanzierungsgründen strikt dagegen gestellt und verloren. In seiner studentischen Sturm-und-Drangzeit hatte sich Kretschmann auch mal in maoistische Gruppen verirrt, sie aber wegen ihrer autoritären Grundhaltung bald wieder verlassen. "Vom Linksextremismus bin ich geheilt", sagte er kürzlich mit Blick auf die Linkspartei.

Ende 2000 wurde er als erster Grüner in das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gewählt und gehört zudem dem Diözesanrat des Erzbistums Freiburg an. Mit seiner wertkonservativen Grundhaltung entspricht der Lehrer für Ethik, Biologie und Chemie so gar nicht dem typischen Bild eines Grünen. Aber gerade mit seinem bedächtigen, ernsthaften Wesen hat der langjährige Oppositionspolitiker meist im dunklen Anzug mit randloser Brille und markantem grauem Bürstenhaarschnitt auch in konservativen ländlichen Regionen Vertrauen gewonnen.

Seit 36 Jahren ist er mit einer Grundschullehrerin verheiratet. Die beiden haben drei erwachsene Kinder - zwei Söhne und eine Tochter. Kretschmann geht in der Freizeit gerne mit seiner Frau auf der Schwäbischen Alb wandern, wo er "jeden Felsen kennt." Noch heute empfindet er nach eigenen Worten eine tiefe Liebe zur Natur, die ihn auch vor mehr als 30 Jahren zu den Grünen gebracht hat. Im kleinen Ort Laiz bei Sigmaringen wohnt er in einem ehemaligen Bauernhaus, gehört dem Kirchenchor und dem Schützenverein an.

(Ag.)

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