USA-Deutschland: Dispute unter roten Teppich gekehrt

Barack Obama ehrte Kanzlerin Angela Merkel mit Freiheitsmedaille und Staatsbankett. In Außen- und Wirtschaftspolitik prallen Interessen aufeinander. Obama spielte hier die Meinungsverschiedenheiten herunter.

(c) AP (Charles Dharapak)

Washington. Für den Gast aus Berlin, dem Pomp eher zuwider ist, hat Barack Obama das große Zeremoniell aufgeboten. Nur ganz wenigen wird eine offizielle Begrüßung zuteil, inklusive 19 Salutschüssen. Und dies war nur die Ouvertüre für den eigentlichen Höhepunkt: Vor dem Staatsbankett im Rosengarten des Weißen Hauses verlieh der US-Präsident der deutschen Kanzlerin Angela Merkel am Dienstagabend die Freiheitsmedaille. Als einziger deutscher Politiker hat bisher Helmut Kohl die höchste Auszeichnung erhalten, die die USA zu vergeben haben – und er war auch der einzige, der in den Genuss eines Staatsdinners kam.

Ihre Lebensgeschichte sei eine Inspiration, merkte Obama in seiner Laudatio an. So ähnlich hatte auch George W. Bush die ostdeutsche Pastorentochter und Physikerin gewürdigt, die noch heute einen Lehraufenthalt ihres Mannes Joachim Sauer in Kalifornien unmittelbar nach der Wende als prägende Erfahrung bezeichnet – und sich in ihren raren schwärmerischen Momenten eine Rückkehr an die US-Westküste ausmalt. In einer Rede vor dem US-Kongress im Vorjahr schilderte sie ihre Karriere denn auch als Politmärchen.

Neben ihrem Mann, der öffentliche Verpflichtungen sonst scheut, hat Merkel in Washington gleich fünf Minister im Schlepptau sowie zwei prominente Deutsche, die in Südkalifornien leben: den Showmaster Thomas Gottschalk und Jürgen Klinsmann, der ihr als Nationaltrainer während der Fußball-WM in Deutschland ans Herz gewachsen ist.

 

Kühler Pragmatismus

Zum Auftakt führte Obama die Kanzlerin, die im Blair House, dem Gästehaus der Regierung logierte, zu einem privaten Essen in ein Restaurant in Washingtons Nobelviertel Georgetown aus. Nicht dass sich die beiden auf Anhieb blendend verstanden hätten wie Kohl und Bill Clinton. Dass Merkel einen Auftritt des damaligen Präsidentschaftskandidaten Obama im Juli 2008 vor dem Brandenburger Tor in Berlin unterbunden hat, hat das Verhältnis getrübt. Doch Obama schätzt, wie er in einem sehr freundlichen Interview mit dem „Tagesspiegel“ betont hat, ihre Zuverlässigkeit und Offenheit. Wie Obama agiert sie kühl und pragmatisch, zuweilen bedächtig.

Seit dem Ende des Kalten Kriegs haben sich die bilateralen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland gewandelt. Das transatlantische Verhältnis spielt nicht mehr eine so dominante Rolle, die Bedeutung der Schutzmacht USA hat abgenommen, die Globalisierung hat neue Herausforderungen geschaffen und den Aufstieg neuer Wirtschaftsmächte befördert.

Obama spielte die Meinungsverschiedenheiten mit Merkel herunter und pries Deutschland als „globale Führungsmacht“. Die deutsche Stimmenthaltung bei der UN-Resolution zum Libyen-Einsatz hat in Washington indes zu Irritationen geführt. Bereits in der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder hatte Berlin begonnen, sich von Washington abzunabeln – am deutlichsten im Zuge des Irak-Kriegs. Der Präsident will der Kanzlerin nun ein größeres Engagement bei der Unterstützung der Demokratie in Nordafrika und der arabischen Welt abringen.

Vor allem wirtschaftlich prallen die Interessen aufeinander. Drängen die USA Deutschland zu einer aktiveren Rolle bei der Bewältigung der Eurokrise, so ruft die US-Schuldenpolitik jenseits des Atlantiks Unverständnis hervor. Der deutsche Atomausstieg stößt in den USA auf Befremden, die erfolgreiche deutsche Exportpolitik auf Bewunderung.

Auf einen Blick

Seit Ende des Kalten Krieges haben sich die Beziehungen zwischen Washington und Berlin gewandelt. Am sichtbarsten war die Abnabelung Berlins von der Schutzmacht USA unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder im Zuge des Irak-Kriegs. Während der Kanzlerschaft Angela Merkels fand wieder eine Annäherung statt. Die deutsche Enthaltung zum Libyen-Einsatz führte indes zu Irritationen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2011)

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