Golowatow: "Nur Gorbatschows Befehl ausgeführt"

Ex-KGB-Mann Michail Golowatow spricht erstmals mit einer österreichischen Zeitung über seine Verhaftung und Freilassung am Flughafen Schwechat im Juli.

Golowatow Gorbatschows Befehl ausgefuehrt
Golowatow Gorbatschows Befehl ausgefuehrt
(c) EPA (ROMAS GANISEVICIUS)

Wie verlief Ihre Festnahme am 14. Juli auf dem Flughafen Schwechat aus Ihrer Sicht?

Michail Golowatow: Der Haftbefehl ist ein politischer und unverantwortlicher Schritt seitens des litauischen Staates. Als man mich bei der Passkontrolle gebeten hat zu warten, habe ich nichts Ungewöhnliches erwartet. Danach prüften die Polizisten meine Einreisestempel, da ich heuer ja schon neunmal im Schengen-Raum war. Als der Diensthabende auf der Polizeistation in den Computer geschaut hatte, fragte er, ob ich in Litauen war: Und ich sagte: „Ja, vor 20 Jahren."


Womit Ihnen klar war, worum es ging?

Als ich den Haftbefehl las, war mir klar, dass er politisch motiviert war. In der Mitteilung wurde auf den litauischen Strafkodex verwiesen, der am 1. Mai 2003 in Kraft getreten ist. Man versuchte mich zu beschuldigen, dass ich die litauische Staatsordnung damals zu ändern versucht hätte. Die österreichische Exekutive hat sich völlig korrekt verhalten. Nach Durchsicht des Haftbefehls bat ich, Kontakt mit der Botschaft aufnehmen zu dürfen.


Wann wurde Ihnen klar, dass Sie nicht nach Litauen ausgeliefert würden?

Am Morgen des 15. Juli traf mich Gabriel Lansky (Anwalt). Er las den Haftbefehl. Er konnte ausschließlich politische Motive erkennen und jene zeitlichen Faktoren, die Österreich nicht hätte erfüllen können. Wörtlich sagte er: „Kein einziger EU-Staat wird aufgrund dieses Haftbefehls die Forderungen der litauischen Seite erfüllen."


Lansky wurde von der Botschaft engagiert?

Ich denke, ja.


Bis zu Lanskys Eintreffen hatten Sie Zweifel, wie sich die Sache weiterentwickeln würde?

Wenn Sie an meiner Stelle dort gesessen wären, hätten Sie sich auch nicht sehr gut gefühlt. Man nahm Fingerabdrücke, identifizierte die DNA, besondere Kennzeichen, Fotoaufnahmen - die ganze Nacht über solche Prozeduren. Den Arzt, der hinzukam, musste ich bezahlen.


Ist das so üblich?

Ich weiß auch nicht. Willst du es probieren? Ich kann dich in Scheremetevo (Moskauer Flughafen) festsetzen lassen.


Gegenüber der Agentur Ria Novosti haben Sie gesagt, dass der Botschafter „ständig mal mit dem Staatsanwalt der Republik Österreich, mal mit dem stellvertretenden Außenminister und dem Bereitschaftsdienst des Innenministeriums" telefoniert habe. Später wurde dieser offenbar zu heikle Satz aus dem Interview gestrichen. Warum?

Nicht ich habe dieses Interview geschrieben und auf die Site von Ria Novosti gestellt. Herr Lansky sagte, er werde sich mit dem Staatsanwalt und den österreichischen Entscheidungsträgern in meiner Angelegenheit in Verbindung setzen. Lansky sagte, ich wäre in einer Gewinnposition.


Und warum wurden aus Wien Chiffren an den russischen Auslandsgeheimdienst SWR und den Inlandsgeheimdienst FSB übermittel und die Sache nicht mit dem Außenministerium erledigt?

So weit ich verstehe, ging die Sache sofort ins Außenministerium. Aber ich bin ja ein pensioniertes FSB-Mitglied, und der SWR ist für die Sicherheit der Auslandsvertretungen zuständig.

Der Botschafter sagte im Interview, dass es seitens Moskaus keinen Druck auf Österreich gegeben habe. Können Sie das bestätigen?

In Moskau war es zwei Uhr Nacht, in Österreich Mitternacht. Wie hätte man da irgendeinen Druck organisieren können? Das machen doch nicht die Journaldienste!


Wer hat Ihnen gesagt, dass die Entscheidung der österreichischen Behörden um elf Uhr stattfinden sollte, wie Sie im Interview mit Ria Nowosti erklärt haben?

Lansky. Und er sagte, dass es entweder einer Entscheidung des Gerichtes oder der Instanzen, sprich des Staatsanwalts, bedürfe. Das war anfänglich für elf Uhr angesetzt gewesen.


Woher wusste er das?

Nachdem Lansky mich befragt hatte, schickte er die Anfrage ab und sagte, es müsse bis elf Uhr entschieden werden. Lanskys Erscheinen und seine Schlussfolgerungen gaben Gewissheit.


Gewissheit, dass Sie nach Moskau zurückfliegen können?

Sicher kannst du erst sein, nachdem du an Bord des Flugzeuges gegangen bist.


Sie hatten also keine Sicherheit, dass Österreich nicht auch anders hätte entscheiden können?

Alles, was mir vorgeworfen wurde, hatte sich 1991 ereignet. Und sie haben das Gesetz, das sie 2003 verabschiedet hatten, rückwirkend angewendet. Am 16. August hat die EU-Justizkommissarin klar erklärt, dass Österreich absolut gesetzeskonform gehandelt habe. Mit meiner Festnahme ist einfach ein Missverständnis passiert. Und die Litauer gestehen ein, dass die österreichischen Behörden das Rahmenabkommen, das in der EU unterzeichnet worden ist, verletzt haben. Ich war damals nur vier Tage in Litauen. Wie hätte ich tun können, was mir vorgeworfen wird? Es wird mir vorgeworfen, dass ich gefoltert hätte.


. . . und gemordet und Leute verletzt.

. . . das gab es nicht und hätte es gar nicht geben können. Wie hätte ich foltern können, wenn ich doch nicht einmal jemanden verhaftet habe? Ich erfüllte meine Aufgabe.


Die Tötung von Menschen ist also reine Erfindung?

Nein, aber es sind die Verwundeten und Toten unter jenen Personen, die den Fernsehturm umgeben hatten, auf sie wurde aus den umliegenden Gebäuden geschossen. Von den Dächern und Balkonen. Wer geschossen hat? Ich jedenfalls hatte meine Leute dort nicht stationiert. Audrius Butkevicius hat dies 1994 zugegeben. Er sagte im Interview, dass er in Großbritannien vorbereitet worden war, und dies Leute der Volksfront waren, die ihm unterstanden haben, als er Generaldirektor des Departements für die Bewachung des litauischen Gebietes war.


Der Kommandant der Militärgarnison in Vilnius habe das alles laut Gorbatschow losgetreten.

Der Kommandant hat ebenso wie ich nur einen Befehl Gorbatschows ausgeführt.


Über den Befehlsgeber gehen die Meinungen auseinander. Gorbatschow spricht von einer militärisch-tschekistischen Operation.

Bei uns in der Sowjetunion haben Armee oder KGB nirgends ohne Zustimmung des Politbüros und des Generalsekretärs (der UdSSR) agiert. Es gab damals vor den Ereignissen in Vilnius die Sitzung des Stabes, an der alle Sicherheitsämter teilnahmen. Dann wurde die Entscheidung des Stabes an das Zentralbüro (der KPdSU) berichtet, und der dortige Diensthabende berichtete weiter an den Generalsekretär bzw. seinen Journaldienst. Es ist unmöglich, dass Gorbatschow davon nicht wusste.


Soll heißen, er gab den Befehl?

Er hat ihn nicht aufgehoben. Die Angelegenheit wurde an ihn berichtet und abgestimmt.


Und Sie erhielten den Befehl vom KGB?

Vom Vorsitzenden des KGB.


Welchen Inhalts?

Das Fernsehzentrum und den Fernsehturm zu befreien.


Wurden Waffen angewendet?

Wegen der Menschenmassen und der Gefahr hatten meine Mitarbeiter keine Kampfpatronen. Unsere Aufgabe war, in den Fernsehturm einzudringen.


Klingt nicht sehr wahrscheinlich, dass Alpha ohne Patronen geht.

Ich habe mehrere entführte Flugzeuge befreit, und wir sind unter Lebensgefahr ohne Kampfpatronen in der Schusswaffe hinein, um falsche Opfer zu vermeiden. Die Maschinenpistolen und Pistolen haben mehr symbolischen Charakter, die scharfen Patronen liegen in der Reservetasche.


Litauen will einen Haftbefehl gegen Gorbatschow ausstellen. Wie stehen Sie dazu, denn die Reibungen auf postsowjetischem Raum können wir nicht wegdiskutieren?

Ein Haftbefehl gegen mich oder Gorbatschow hilft gegen diese Reibungen nicht.


Was hilft dann?

Nicht den Wunsch für die Wirklichkeit auszugeben. Der Wunsch besteht darin, irgendwelche Reparationen von Russland für das Jahr 1939 (Okkupation, Anm.) oder die Zeit im Bestand der Sowjetunion zu erhalten.


Sie hatten einen solchen Haftbefehl offenbar nicht erwartet, obwohl eine solche Diskussion in Gang war und die Reibungen zwischen den Staaten da sind.

Ich bin seit 1992 in Pension. Zwischen 1994 und 2003/2004 war ich etwa 80-mal in London, 30-mal in den USA. Dazu in allen EU-Ländern. Ich hatte gemeinsame Firmen mit Briten, war GUS-Direktor einer amerikanischen Firma und bin in Oxford aufgetreten. Ich hatte nirgends Probleme.


Warum ließen Sie sich Ihr Visum eigentlich in Finnland ausstellen?

Ich fahre seit 1992 nach Finnland. Ich hatte einen Freund, der bei Aeroflot arbeitete.


Sie sind ja auch nach Österreich früher schon problemlos eingereist.

Oft. Ich habe zum Beispiel ein Unternehmen, das sich mit humanitärer Entminung beschäftigt und war in diesem Zusammenhang in Ex-Jugoslawien und bin immer über Wien geflogen.


Geschäftlich?

Geschäftlich und in Sportangelegenheiten.


Wie sehr beschränkt der Haftbefehl Ihr Geschäft?

Gelinde gesagt, sehr. Ich werde durchsetzen, dass all diese Beschränkungen beseitigt werden. Denkst du, ich werde sitzen und zuwarten?


Wie? Arbeiten Sie schon daran?

Ja. Derzeit werden die Dokumente vorbereitet. Es gibt drei Möglichkeiten: erstens über die EU, das heißt über assoziierte EU-Mitglieder, indem die Frage in einem Staat und dann in den nächsten gelöst wird. Oder es gibt den Weg über den Menschengerichtshof in Straßburg.
Die dritte Variante ist direkt mit Litauen. Für mich kommen heute nur die ersten beiden Wege infrage.


Werden Sie in diesem Jahr noch einen Antrag in Straßburg einreichen?

Natürlich.

Steckbrief

1949
Michail Wassiljewitsch Golowatow wurde am 23. August 1949 in der Nähe von Moskau geboren. KGB-Karriere
Zu den Höhepunkten seiner Karriere bei der zum KGB gehörenden Spezialeinheit „Alpha“ zählen Einsätze während des sowjetischen Krieges in Afghanistan. Der KGB-Offizier wirkte auch bei Geiselbefreiungen mit.

Vilnius 1991
Als stellvertretender Kommandant leitete Golowatow den Einsatz der „Alpha“-Truppe am 13. Jänner 1991 in Vilnius. Litauen wirft ihm deshalb Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Seit Oktober 2010 existiert deshalb ein europäischer Haftbefehl gehen ihn.

Geschäftsmann
Nach dem Ende der Sowjetunion wechselte Golowatow in die Privatwirtschaft und führt bis heute mehrere Firmen im Security-Bereich.

Präsident
Golowatow ist Präsident der Moskauer Langlaufföderation und der offiziellen Langlaufföderation Russlands.

("Die Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 04.09.2011)

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