Hinrichtung oder Kreuzfeuer - Wie starb Gaddafi?

Zu den genauen Umständen des Todes des libyschen Ex-Diktators gibt es widersprüchliche Angaben. Sein Sohn Saif al-Islam wurde angeblich festgenommen.

Hinrichtung oder Kreuzfeuer- Wie starb Gaddafi?
Hinrichtung oder Kreuzfeuer- Wie starb Gaddafi?
Hinrichtung oder Kreuzfeuer- Wie starb Gaddafi? – (c) EPA (Kerim Okten)

Am Tag nach der Tötung des langjährigen libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi bleiben die genauen Umstände seines Todes rätselhaft. Wer hat die tödlichen Schüsse abgegeben, wurde Gaddafi gezielt getötet oder starb er im Kreuzfeuer?

Der Nationale Übergangsrat wehrt sich gegen den Vorwurf einer Hinrichtung: Ministerpräsident Mahmud Jibril erklärte, Gaddafi sei ins Kreuzfeuer von Regierungskämpfern und eigenen Anhängern geraten und habe dabei einen tödlichen Kopfschuss erlitten. Er sei aber noch lebend nach Misrata gebracht worden. Ein Gerichtsmediziner konnte laut Jibril nicht feststellen, von welchen Kämpfern das Geschoß in Gaddafis Kopf stammte.

Ein Kämpfer des Übergangsrates stellte das Geschehen ähnlich dar: Der Ex-Diktator habe sich in einem Abwasserrohr versteckt und sich nach einem Feuergefecht mit seinen Leibwächtern ohne weitere Schwierigkeiten festnehmen lassen. Dann sei aber ein Gefecht mit Gaddafi-Loyalisten ausgebrochen, und Gaddafi sei von Schüssen getroffen worden.

Arzt: "Gaddafi aus nächster Nähe erschossen"

Ein Mitarbeiter des Übergangsrates sprach dagegen von einer gezielten Tötung durch Kämpfer der Regierung: "Sie haben ihn sehr brutal verprügelt und dann getötet. Das hier ist Krieg." Ein angeblicher Augenzeuge wiederum sagte der Nachrichtenagentur Reuters, einer von Gaddafis eigenen Männern habe auf ihn geschossen.

Der arabische TV-Sender Al-Arabiya zitierte einen Arzt, der Gaddafis Leiche im Krankenhaus von Misrata untersucht habe. Nach der Einschätzung des Mediziners sei Gaddafi "durch Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Bauch" gestorben. Das könnte auf eine Hinrichtung hindeuten.

Jedenfalls dürfte Gaddafi noch lebend in die Hände der Kämpfer des Übergangsrates gefallen sein. Zahlreiche Fernsehsender strahlten Videoaufnahmen aus, auf denen er blutüberströmt zu sehen ist. Ein Kämpfer scheint ihm eine Pistole an den Kopf zu halten. Ob er abdrückt, ist auf den Aufnahmen nicht zu erkennen. Anschließend zeigt das Video, wie Gaddafi auf einen Pickup gezogen wird.

(c) Reuters

Nato: Gaddafi-Konvoi "unwissentlich" bombardiert

Die Nato hatte den Konvoi Gaddafis am Donnerstag bombardiert. Man habe aber nicht gewusst, dass sich der Ex-Machthaber in einem der Fahrzeuge befand, stellte das Militärbündnis am Freitag klar. "Das Eingreifen der Nato war ausschließlich durch die Verringerung der Bedrohung für die Bevölkerung begründet. Wir haben später durch offene Quellen und durch Aufklärung von Verbündeten erfahren, dass sich Gaddafi im Konvoi befand und der Angriff wahrscheinlich zu seiner Gefangennahme beigetragen hat", heißt es in der Mitteilung.

Gaddafi wird an unbekanntem Ort begraben

Der Übergangsrat will Gaddafis Tod jedenfalls nicht weiter untersuchen. Jibril erklärte, man habe am Donnerstag Kontakt mit dem Internationalen Strafgerichtshof aufgenommen. Das Gericht habe die Libyer gebeten, Gaddafi vorerst nicht zu begraben, damit der Leichnam untersucht werden könne. Der Übergangsrat habe jedoch anders entschieden: Gaddafi werde in wenigen Tagen an einem unbekannten Ort nach islamischem Ritus begraben. Ein konkreter Termin stehe noch nicht fest, sagte der Ölminister des Übergangsrats, Ali Tarhouni, am Freitag.

Es sei beschlossen worden, den Leichnam noch für einige Tage aufzubewahren, "damit jeder sicher ist, dass er tot ist", sagte Tarhouni der Nachrichtenagentur Reuters. Auch hätten Ärzte Haar- und Gewebeproben von der Leiche genommen, um keine Zweifel an der Identität des Getöteten aufkommen zu lassen, betonte Jibril. Wie ein AFP-Fotograf berichtete, wurde die Leiche am Freitag in den Kühlraum eines Einkaufszentrums in der Nähe von Misrata gebracht.

UNO-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay forderte am Freitag eine Untersuchung der Todesumstände Gaddafis. Die veröffentlichten Handy-Videos seien "sehr beunruhigend".

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Saif al-Islam angeblich festgenommen

Unklar ist auch das Schicksal von Gaddafis Sohn Saif al-Islam. Kämpfer des Nationalrats hätten ihn in Slitan, 160 Kilometer östlich von Tripolis, festgenommen, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabiya unter Berufung auf einen der Beteiligten am Freitag. Er soll am Rücken verletzt sein, hieß es. Offiziell wurde der Bericht noch nicht bestätigt.

Am Donnerstag hatte es noch geheißen, sowohl Saif als auch dessen Bruder Motassim seien getötet worden. Von Motassims Leiche gibt es bereits Bilder.

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Übergangsrat bereitet Neuanfang vor

Der Übergangsrat will am Samstag das Land für befreit erklären. Nach der feierlichen Zeremonie soll dann binnen 30 Tagen eine provisorische Regierung gebildet werden. Die provisorische Regierung wird die Aufgabe haben, eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen und freie, demokratische Wahlen vorzubereiten.

Die Nato beendet ihren Einsatz in Libyen. Das Bündnis trat am Freitag in Brüssel zu einer Sondersitzung zusammen, um das Ende des Einsatzes zu beschließen. Der militärische Oberkommandant des Bündnisses, US-Admiral James Stavridis, teilte mit, er schlage die Beendigung des Einsatzes vor.

Chronologie: Der Kampf um Libyen

(Ag./Red.)

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