Wulff-Affäre wird zum Wirtschaftskrimi

Neue Bewegung in der Affäre Wulff. Wusste der Bundespräsident in seiner Zeit als VW-Aufsichtsrat über die Übernahmepläne von Porsche Bescheid? Oder ließ er sich gar einen Audi schenken?

(c) EPA (WOLFGANG KUMM)

Berlin/Gau. In die Affären um den deutschen Bundespräsidenten kommt neue Bewegung. Laut einem Bericht in der „Berliner Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“ hat das Ehepaar Wulff im vorigen Sommer von der Audi-Firmenspitze einen Q3 kostenlos gestellt bekommen – Monate vor der Markteinführung des Kompakt- SUV der Volkswagen-Tochter. Eine Staatsanwältin bestätigte eine Vorprüfung. Christian Wulff weist die Vorwürfe scharf zurück. Seine Frau habe vorübergehend einen Q3 aus dem Audi-Fuhrpark gemietet – aber das erst ab Dezember und zu marktüblichen Konditionen. Entweder haben sich zwei Medien also im Trommelfeuer selbst ins Knie geschossen. Oder aber es wird für Wulff wirklich eng.

Der Volkswagen-Konzern könnte zum Stolperstein werden. Dabei geht es um einen Wirtschaftskrimi, der im Jahr 2008 begann. Der Sportwagenbauer Porsche versuchte damals, die Kontrolle über den weit größeren VW-Konzern zu erlangen. Gerüchte wurden lange dementiert.

Am 28.Oktober aber hieß es, man strebe einen Beherrschungsvertrag an und habe Zugriff auf drei Viertel der VW-Aktien. Damit war klar, dass ihr Kurs steigen würde. Unter Anlegern, die auf einen sinkenden Kurs gewettet und dazu geliehene Aktien verkauft hatten, brach Panik aus. Sie versuchten eilig, Papiere zu erwerben, um sie ihren Besitzern zurückgeben zu können. Weil aber wegen der Porsche-Aufkäufe nur noch wenige Aktien am Markt waren, explodierte der VW-Kurs auf das Dreifache. Anleger verloren bis zu 30 Mrd. Euro.

 

Wulff gab zu, von Coup zu wissen

Wulff saß damals, als niedersächsischer Ministerpräsident, im VW-Aufsichtsrat. Der fatale Börsen-Bocksprung wäre vermeidbar gewesen, hätte jemand, der über die Pläne Bescheid wusste, sie publik gemacht. Für einen VW-Aufsichtsrat wäre es sogar gesetzliche Pflicht gewesen, eine solche Insiderinformation an sein Gremium weiterzugeben. Dieses hätte dann eine Ad-hoc-Mitteilung machen müssen. Die „Wirtschaftswoche“ zitiert nun vertrauliche Passagen aus einem mitgeschnittenen Wulff-Interview vom Juli 2009. Demnach erzählte er bereitwillig, er sei schon acht Monate vor dem Coup im Bilde gewesen. Denn im Februar 2008 rutschte einem Porsche-Anwalt im Gespräch mit einem Wulff-Mitarbeiter heraus, dass sie einen Beherrschungsvertrag anstrebten. Damit sei „klar geworden, dass hier reihenweise Aktionäre beschissen werden“.

Der besorgte Mitarbeiter berichtete seinem Chef – der offenbar nicht reagierte. Denn eine Ad-hoc-Mitteilung gab es nicht. Damit gewinnen die Schadenersatzforderungen, die Anleger im Jänner an Wulff gestellt haben, an Gewicht. Es geht um 1,8 Mrd. Euro – und, bei einer strafrechtlichen Verfolgung, um bis zu fünf Jahre Haft. Dagegen mutet ein geschenktes Auto fürwahr wie eine Lappalie an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2012)

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