Rumänien: Das Ende einer korrupten Karriere

Kurz nach seiner Verurteilung zu zwei Jahren Haft wegen illegaler Parteienfinanzierung wollte sich der sozialistische Ex-Premier Rumäniens Adrian Nastase selbst richten. Gesetzeshüter verhinderten Schlimmeres.

(c) AP (Octav Ganea)

Die Gesetzeshüter verhinderten Schlimmeres. Nur dank des Eingreifens von einem der beiden Polizisten, die Rumäniens einstigen Premier Adrian Nastase in das Gefängnis überstellen sollten, verfehlte die Kugel aus dessen gegen sich selbst gerichteten 9-mm-Pistole die Schlagader. Der Grund für den missglückten Selbstmordversuch: Zwei Tage vor seinem 62. Geburtstag war der frühere langjährige Chef der sozialdemokratischen PSD von Obersten Gerichtshof wegen illegaler Parteienfinanzierung in letzter Instanz zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden.

Wenige Stunden nach seiner Verurteilung hatten zwei Justizbeamte Nastase zu Hause aufgesucht, um ihm das Urteil zuzustellen – und ihn zur Abbüßung seiner Strafe abzuholen. Der Jura-Professor bat darum, noch einige Bücher mitnehmen zu dürfen. Plötzlich versuchte er, sich mit seinem Revolver selbst zu richten. Mit Schusswunden an Hals und Schulter wurde der einst mächtigste Mann des Karpatenstaates vor laufender Kamera kurz vor Mitternacht in ein Bukarester Krankenhaus eingeliefert. Seine Schussverletzungen wurde am Donnerstag nach Auskunft der Ärzte erfolgreich operiert.

Als „unmenschlich“ geißelte der frühere Präsident Ion Iliescu den Inhaftierungsversuch seines Parteifreundes und Vertrauten: Schließlich habe sich Nastase stets als unschuldig betrachtet. Er hoffe, dass sich Nastase bald wieder erholen werde, kommentierte der ans Krankenbett geeilte Premier Victor Ponta den Selbstmordversuch seines politischen Zieh- und Doktorvaters: Der unter Plagiatverdacht geratene Regierungschef gilt als Nastases Zögling.

Von 2000 bis 2004 hatte der frühere Außenminister die Regierungsgeschäfte in Bukarest geführt. Seine Amtszeit war zwar von politischer Stabilität und einem kräftigen Wirtschaftswachstum, aber auch von Mediengängelung, luxuriösen Treibjagden und ungenierter Selbstbereicherung geprägt. Nastase ist nun der erste frühere Premier eines postkommunistischen Landes, der wegen korrupter Praktiken rechtskräftig zu Gefängnis verurteilt worden ist.

Rumäniens Oberstes Gericht hatte Nastase kurz vor seinem Selbstmordversuch für schuldig befunden, in seinem erfolglosen Präsidentschaftswahlkampf 2004 mit hohen Teilnahmegebühren für eine Scheinkonferenz von Bauunternehmern 1,6 Millionen Euro an illegalen Parteispenden eingetrieben zu haben. Über einen „politischen Prozess“ hatte Nastase während seines Verfahrens immer wieder geklagt: Der konservative Staatschef Traian Basescu wolle ihn mithilfe der Antikorruptionsbehörde DNA und der Justiz aus dem Weg schaffen.

 

Antrag auf Haftverschonung

Zwar scheint der umstrittene Basescu seinen immer wieder gern erklärten Kampf gegen die Korruption tatsächlich ausschließlich gegen politische Gegner und nicht gegen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen zu richten. Doch ein Unschuldslamm ist der nun verurteilte Ex-Premier keineswegs: Seit Jahren steht der frühere Regierungschef wegen seiner einträglichen Amtsführung vor Gericht.

Von der Verzweiflungstat zeigten sich Parteigenossen und Kritiker dennoch gleichermaßen überrascht. Möglicherweise war es die Furcht vor weiteren Verurteilungen, die Nastase zu seiner unerwarteten Tat trieb. Denn nach rumänischem Recht kann er wegen seines hohen Alters bei guter Führung mit einer kräftigen Verkürzung von zwei Dritteln seiner Strafe rechnen: Sofern er nicht noch in weiteren Verfahren verurteilt wird, könnte Nastase bereits in acht Monaten wieder ein freier Mann sein.

Nach dem Selbstmordversuch wollen sich seine Verteidiger, die den Fall vor den Europäischen Gerichtshof bringen wollen, nun um die Aussetzung der Strafe bemühen: Ihren Antrag auf Haftverschonung rechtfertigen sie mit „medizinischen Gründen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2012)

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