Serbien hofft auf EU und Mercedes

Der Jugoslawien-Krieg und die darauffolgenden Sanktionen haben einstige serbische Vorzeigebetriebe ins Out befördert. Die Öffnung Europas soll dies ändern.

Balkan Express 'Serbien - Exit Europa'
Balkan Express 'Serbien - Exit Europa'
Balkan Express 'Serbien - Exit Europa' – ORF

Belgrad. Fahles Winterlicht fällt durch die trüben Oberfenster in die leere Fabrikhalle. Nur die Pförtner und Manager halten in der Fabrika Automobila Priboj (FAP) die Stellung. Zur Senkung der Stromkosten und wegen der schwachen Auftragslage seien die Winterferien verlängert worden, berichtet etwas verlegen Marketingchef Zoran Obradović. Seit den UN-Sanktionen von 1992 seien keine nennenswerten Investitionen getätigt worden, sagt der 52-Jährige mit einem Seufzer: „Es ist sehr schwer, aus einer alten Fabrik wieder eine moderne zu machen.“

Leere Hallen, leere Auftragsbücher: 750 Millionen Dollar an Staatszuschüssen verschlingen jährlich die Förderungen an Serbiens darbende Staatsbetriebe. „Wir geben zu viel Geld aus für Unternehmen, die nicht funktionieren“, klagt Wirtschaftsminister Saša Radulović über die „Sozialhilfe de luxe“: „Sie sind das Krebsgeschwür der serbischen Wirtschaft.“

Der Putz blättert von den Wänden der einstigen Vorzeigefabrik. Hatte die 1953 gegründete FAP bis in die 1960er-Jahre eher einfache Vehikel produziert, sorgte die Anfang der 1970er-Jahre begonnene Kooperation mit Mercedes-Benz im Lim-Tal für einen Entwicklungssprung: 5000 Lkw mit dem Mercedes-Stern rollten damals jährlich aus den FAP-Hallen. 6000 Mitarbeiter fanden zur Blütezeit von FAP im Werk Lohn und Brot.

 

Krieg beendete die Zukunft

Doch von den besseren Zeiten sind FAP nur die Erinnerungsfotos in der Festschrift zum 60-jährigen Jubiläum geblieben. Der Beginn der Jugoslawien-Kriege 1991 und die Verhängung der UN-Sanktionen gegen Serbien 1992 setzten ein jähes Ende. „Wir waren von unseren Märkten und Zulieferern abgeschnitten“, so Zoran Zaković, Generaldirektor von FAP. Das verlorene Kriegsjahrzehnt der 1990er-Jahre sollte FAP auch nach Serbiens demokratischer Wende von 2001 nicht mehr wettmachen. Die Automobilindustrie habe sich in den 1990er-Jahren „sehr schnell“ entwickelt, so Zaković: „Wir verpassten zwei technologische Revolutionen, verloren den Anschluss und unsere Konkurrenzfähigkeit. Wir waren wie ein Boxer, der nach zehnjähriger Sperre plötzlich gegen einen Weltklassekämpfer antreten soll.“

2003 verordnete Belgrad dem trudelnden FAP-Werk schließlich eine Umstrukturierung, die es für eine Privatisierung wappnen sollte. Doch die begrenzten Finanzhilfen verlängerten nur dessen Delirium. Weder sei es zu einer knallharten Privatisierung noch zu staatlichen Investitionen gekommen, berichtet Jörg Heeskens, deutscher Berater der serbischen Regierung.

Einen Modernisierungsschub für das Land verspricht sich Belgrad von den in dieser Woche begonnenen EU-Beitrittsverhandlungen mit Brüssel. Doch wie schwer den angeschlagenen Staatsbetrieben der Sprung ins neue EU-Zeitalter fallen dürfte, illustriert der Fall FAP. Auf 1100 Mitarbeiter ist die Gesamtzahl der Beschäftigten nach mehreren Entlassungswellen mittlerweile geschrumpft, noch schneller allerdings die Produktion. Gerade noch 53 Fahrzeuge wurden 2012 für die Armee, Polizei oder Feuerwehr gefertigt, im letzten Jahr sollen es noch weniger gewesen sein.

Sterben lassen will Belgrad das hochdefizitäre Werk dennoch nicht. „FAP ist Priboj, Priboj ist FAP“, umschreibt Direktor Zaković die Bedeutung des Werks für die noch 27.000 Seelen zählende Kommune. Schon jetzt fehlten in den Kindergärten die Kinder und in den Schulen die Schüler: „Wenn FAP dicht macht, wird Priboj eine tote Rentnerstadt“.

Es gehe weniger darum, FAP zu retten als Priboj, so Regierungsberater Heeskens. Ziel sei eine Fabrik mit abgespeckter Belegschaft, die in einer Übergangsphase weiter von Staatsaufträgen zu leben habe, aber nach ökonomischen Kriterien operieren solle: „Denn in eine leere Fabrik investiert niemand.“ Die Beitrittsverhandlungen mit der EU sollen es nun erleichtern, einen strategischen Partner aus dem Ausland zu finden, so die Hoffnung. So wie dies bei den Autoherstellern Zastava und Fiat bereits gelungen ist.

 

Mercedes-Standard der 1980er

Der lang gehegte Traum von einer Mercedes-Rückkehr ins Lim-Tal ist bei FAP aber mittlerweile offiziell ausgeträumt. Drei Mal habe es einen erfolglosen Tender zur Privatisierung des Werks gegeben, so Zaković: „Mercedes-Benz hat sich nie gemeldet.“ Dennoch symbolisiert der Daimler-Stern für FAP noch stets einen der wenigen Hoffnungsschimmer. Bei dem sich anbahnenden Einstieg von Daimler in ein Joint Venture mit dem Belgrader Busproduzenten Ikarbus könnte FAP in die Rolle des Chassis-Zulieferers schlüpfen, hofft Zaković: „Wir könnten aber auch die Ersatzteile für Mercedes-Lkw fertigen, deren Produktion schon ausgelaufen ist. Denn wir fertigen hier immer noch nach Mercedes-Standard – allerdings dem der 1980er-Jahre.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2014)

Kommentar zu Artikel:

Serbien hofft auf EU und Mercedes

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen