Lebensmittelskandal als Segen für Pferdefleischhauer

Der Pferdefleischskandal verunsichert Konsumenten in ganz Europa. In Österreich profitieren Pferdefleischhauer. Die Nachfrage sei groß wie nie. Das Fleisch ist reicher an Eisen und Vitaminen als Rindfleisch.

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Symbolbild – APA/GEORG HOCHMUTH

Für manche Menschen kann ein handfester Lebensmittelskandal ein echter Segen sein. Margarete Gumprecht, Pferdefleischerin in Wien, kommt im Moment kaum dazu, in Ruhe ein Gespräch zu führen. Ständig läutet das Telefon. Die Filialen in Wien melden Engpässe, manche Gastrobetriebe ebenso. „Und gestern auf der Seniorenmesse, da haben sie unseren Stand fast gestürmt“, sagt Gumprecht und lächelt vergnügt.

Während Menschen in halb Europa verunsichert sind, weil sie unwissend Pferde- anstatt Rindfleisch gegessen haben, hat der Skandal manche Österreicher erst neugierig gemacht: „Viele kommen jetzt her und fragen: ,Wo ist denn das Pferdefleisch? Jetzt müssen wir auch eines essen“, sagt Gumprecht und grinst wieder. So viel Aufmerksamkeit hätte die beste Marketingkampagne nicht erreichen können.

Margarete Gumprecht und ihre Familie betreiben eine von zwei Pferdefleischereien in Österreich und den einzigen reinen Pferdeschlachthof im Land. Bereits 1926 haben die Großeltern von Gumprechts Mann die Schlachterei in Enns in Oberösterreich gegründet. 1984 haben Margarete und ihr Mann mit der Wurstproduktion angefangen. Heute wird der Betrieb vom ältesten Sohn geführt. Seine Mutter sitzt in der Logistikzentrale in Wien, von wo aus auch die sieben Filialen und die zwei Franchise-Partner beliefert werden.

Gemeinsam mit der Konkurrenz, dem Pferdemetzger Rudolf Schüller, gibt es damit 15 Pferdefleischfilialen in Wien. „Das Pferdefleisch gehört zu Wien eben wie die Sachertorte“, sagt Gumprecht, die beim Pferdefleisch vor allem die gesundheitlichen Vorteile preist: Das Fleisch ist besonders fettarm und reicher an Eisen und Vitaminen als Rindfleisch.

Jede Woche liefert die Schlachterei nach eigenen Angaben ungefähr fünf Tonnen Pferdefleischprodukte an ihre Kunden. Vor allem im Osten des Landes hat das Pferdefleisch eine lange Tradition. Rund 400 Kunden – Lebensmittelgeschäfte und Würstelstände – hat die Firma allein in Wien.

Je weiter man nach Westen fährt, desto weniger sind es. „Zu unseren Kunden zählen Schüler bis ältere Menschen, das geht eigentlich quer durch“, sagt Gumprecht, die seit Jahren einen stetigen Aufwärtstrend auf dem Pferdefleischmarkt bemerken will. Vor allem jüngere hätten das Fleisch für sich entdeckt. „Früher war Pferdefleisch ein Arme-Leute-Essen, mittlerweile hat es den Ruf einer Delikatesse“, sagt Gumprecht, die 1992 mit ihrer Firma nach Wien expandiert hat. Das Standardangebot umfasst zirka 100 Produkte und reicht vom bekannten Pferdeleberkäse über Pizzapferdeleberkäse, Kranzl-Dürre, Debreziner und Frankfurter bis zum Fohlenrostbraten.

Geschlachtet werden ausschließlich heimische Tiere aus dem ganzen Land und von diesen zirka zehn in der Woche. In ganz Österreich sind es 900 Schlachtungen im Jahr, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Bei den Gumprechts kommen viele Tiere aus der Landwirtschaft, oft sind es Noriker und Haflinger, die vom Bauern nicht mehr gebraucht werden.

Sportpferde sind tabu. Bis zu 20 Jahre alt können die Tiere sein, wenn sie unters Messer kommen, meistens sind sie aber jünger. „Wenn auf dem Bauernhof zwei bis drei Fohlen im Jahr auf die Welt kommen, dann werden manche zur Zucht verwendet, manche verkauft, und die, für die es keinen Platz gibt, die kommen zu uns“, sagt Gumprecht. „Natürliche Auslese“ nennt sie das.

Sportpferde seien unter den geschlachteten Tieren allerdings nicht dabei. „Jedes Pferd hat einen Pferdepass, und wenn Sportpferd anstatt Nutztier drinnensteht, darf es nicht geschlachtet werden.“ Es könnte sein, dass das Tier mit Hormonen behandelt wurde, und das ist verboten.

Geschlachtet werden die Pferde (außer die Fohlen) erst mit drei Jahren. Deswegen zahle sich auch keine Massentierhaltung aus. „Meistens bringen uns die Bauern die Tiere“, erzählt sie. Angst, dass ihr eigenes Pferdefleisch in Tiefkühlprodukten landen könnte, hat sie nicht. „Wir liefern nur verarbeitete Produkte.“ Die Aufregung um den Pferdefleischskandal in Europa kann sie trotzdem verstehen. „Das ist ein klarer Fall von Betrug“, sagt sie. „Wenn 100 Prozent Rindfleisch draufsteht, muss das auch drinnen sein.“

Die Pferdemörderin. Auch sie kennt genug Leute, die Hemmungen haben, Pferdefleisch zu essen. Zwar hat sie kein Probleme mit Tieraktivisten, aber von junge Pferdefans muss sie sich schon immer wieder „Pferdemörderin“ nennen lassen. „Ich kann das schon verstehen. Der Bezug zu einem Pferd ist halt ein anderer“, sagt sie.

In Enns liegt die Schlachterei direkt neben dem Pferdestall, in dem die Familie 30 Pferde hält, die dann allerdings verkauft werden. „Also ich möchte auch nicht, dass wir eines unserer Pferde, die wir vor die Kutsche spannen, nachher essen“, sagt sie. Nachsatz: „Aber so in der Vitrine ist das Fleisch für mich Ware wie jede andere auch.“ Die übrigens dem Rindfleisch gar nicht so unähnlich schmeckt. „Pferdefleisch schmeckt intensiver als Rindfleisch, ist aber zarter“, versucht sie den Geschmack zu beschreiben. Das Fleisch ist auch dunkler als vom Rind. Können die Konsumenten es an irgendetwas erkennen? „Nein“, sagt Gumprecht, „wenn es wie Rindfleisch verkocht wurde, dann hat man keine Chance.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)

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